Hildesheim - Zwei Menschen, ein Thema – in diesem Sommer veröffentlicht die HAZ wieder ihre Sommerserie „Unter vier Augen“. Diesmal spricht HAZ-Redakteurin Julia Haller mit der 23-jährigen Michelle Wachholz, die nebenberuflich fotografiert – und damit wirbt, dass alle Menschen fotogen sind.
Du schreibst auf deiner Website, jeder Mensch ist fotogen. Denkst du das wirklich?
Ja, jeder Mensch ist fotogen. Aber ich finde Menschen mit einem Lächeln noch schöner. Die müssen keine perfekten Zähne haben, die müssen nur eine echtes Lachen haben. Ein echtes Lächeln oder Lachen zeigen einfach Lebensfreude. Solche Fotos guckt man sich auch lieber an.
Trotzdem sieht natürlich nicht jedes Foto toll aus, manche mögen sich auf Bildern gar nicht leiden. Wie gehst du mit einem schlechten Foto von dir um?
Wenn ich ein Foto von mir sehe, auf dem ich doof aussehe, dann weiß ich einfach, das ist im falschen Moment aufgenommen worden. Aber: Das ist eine Momentaufnahme, so sehe ich ja nicht immer aus. Wenn man zum Beispiel beim Reden fotografiert wird, mit geöffnetem Mund. Aber dann kann ich das auch schnell abhaken. Ich speicher mir das, für witzige Momente. Wenn ich hässliche Fotos von mir sehe, kann ich eigentlich nur lachen.
Auf deinem Instagram-Kanal sieht man tatsächlich viele Menschen, die herzhaft lachen – wie machst du das? Kannst du einfach wahnsinnig gute Witze erzählen?
(lacht) Nein. Ich lache einfach viel über mich selber. Ich glaube, wäre ich angespannter oder strenger, wären die Leute auch nicht so entspannt. Ich finde es superwichtig, dass man sich selbst in der Situation nicht so ernst nimmt und auch mal über sich selbst lachen kann. Und ich glaube, so kriegt man die Leute auch zum Lachen. Witze erzählen muss ich vielleicht nochmal üben…
Wen fotografierst du am liebsten?
Pärchen! Porträts sind auch schön, weil man da mehr ins Detail gehen und mehr ausprobieren kann. Aber Pärchen sind am einfachsten zu fotografieren. Die sind nicht alleine, die zeigen authentische Momente, die man einfangen kann – Zärtlichkeit. Gerade Pärchen sind sie selber vor der Kamera. Ein eingespieltes Team.
Apropos Authentizität: Wie wichtig ist dir die beim Fotografieren?
Für mich ist Authentizität eigentlich alles. Ich will echte Momente einfangen, die Leute vor der Kamera auch nicht verstellen. Deshalb will ich auch nicht, dass die Leute die ganze Zeit in meine Kamera gucken, weil das eben ein gestellter Moment ist.
Gerade bei Instagram ist das mit dem authentisch sein so eine Sache. Da sieht man Menschen, die man auf der Straße wegen der ganzen Filter nicht wiedererkennen würde. Wie stehst du dazu?
Da halte ich nicht viel von. Bei meinen Fotos lege ich meinen Farbfilter drüber, bearbeite vielleicht ein paar Pickel weg, die sind ja nicht für immer da. Aber wenn ich sehe, die Leute haben Narben, Unreinheiten, Verbrennungen – das lasse ich alles da, weil das Merkmale sind, die zur Person gehören. Ich retuschiere auch keine Doppelkinne oder Bäuche. Ich bekomme aber schon Anfragen: „Kannst du meinen Arm ein bisschen dünner machen, kannst du meinen Bauch wegmachen?“ – Nein.
Wie reagieren die Leute dann?
Es kommt drauf an. Die meisten merken aber: Die Fotos sind schön, man achtet nicht auf die Stellen. Man selbst geht da mit einem anderen Blick dran, was die eigenen Unsicherheiten angeht.
Sind Frauen kritischer mit ihren Fotos?
Ich denke, Frauen machen sich grundlegend mehr Gedanken als Männer. Frauen sind nervöser und haben eher Angst, es liege an ihnen, wenn die Fotos nicht gut werden. Wenn ich dann Fotos zeige, sind Frauen auch kritischer. „Da guck ich nicht gut, da sieht man mein Doppelkinn.“ Da sind echt wenig Männer, die da genauer drauf achten.
Wie kritisch bist du mit Fotos von dir?
Kritischer als bei anderen Leuten (lacht). Mein Doppelkinn auf Fotos, das stört mich schon. Aber ich finde, das ist auch einfach ein Ding von Social Media, wovon man sich beeinflussen lässt. Dieses Ideal, alle sind dünn und trainiert. Das ist einfach falsch. Gerade Menschen, die dem Ideal nicht so entsprechen, die mehr wiegen, kleine Brüste haben, ein vernarbtes Gesicht haben – die finde ich eigentlich eher schöner zu fotografieren. Ich arbeite auch lieber mit Leuten zusammen, die nicht professionell modeln; die nicht wissen, was sie vor der Kamera machen müssen, damit sie gut aussehen. Weil ich bei solchen Leuten auch nicht die echten Momente einfangen kann.
Wie machst du das, dass Leute sich vor deiner Kamera wohlfühlen?
Nach den ersten paar Fotos gebe ich den Leuten meine Kamera um zu zeigen, wie sehen die ersten Fotos aus. Dann sehen die meistens: Oh, ich seh ja gar nicht so schlecht aus. Da merkt man dann, dass die Leute mehr Sicherheit bekommen und sich wohler fühlen. Wenn die Leute alleine sind, sage ich ihnen, mach deine Lieblingsmusik an, tanz ein bisschen.
Wie setzt man sich selbst in Szene, ohne, dass es unauthentisch ist?
Erstmal frage ich nach der Schokoladenseite. Dann fotografier ich gar nicht gerne frontal, sondern gern etwas von der Seite, und auch nicht von unten nach oben, das ist unvorteilhaft. Wenn es im Sitzen ist, sollte es bequem sein, schön locker.
Und wenn du fotografiert wirst, worauf achtest du?
Ich sitze immer wie eine krumme Banane. Sowas wäre mir wichtig, dass mir da dann jemand sagt: Mach deinen Rücken mal grader. Das würde mich im Nachhinein stören.
Und wohin mit den Händen auf dem Foto?
Lockerlassen. Aber Hände sind immer schwierig. Wenn man jemanden hat, zum Beispiel einen Partner, kann man die Hände an den anderen legen. Aber wenn man alleine ist, die hängen halt. Gut sind Hosentaschen, das sieht lässig aus. Beim Sitzen kann man die Hände ablegen, auf den Schoß. Aber im Stehen ist das schwierig.
Vielleicht doch die Merkel-Raute?
Nee, die lieber nicht.
Machst du gerne Selfies?
Selfies sind eigentlich die schlimmsten Fotos, die man machen kann – weil es einfach der unauthentischste Moment ist. Viele benutzen dann auch noch Filter, die super unecht aussehen. Ich glaube, ich hab noch nie wirklich ein Selfie von mir selbst gemacht. Die Handykamera spiegelt ja das Gesicht, und dann gucke ich mir mein Gesicht an und denke: Das bin doch nicht ich? Ich bin aber allgemein kein Fan von Handykameras, ich bin einfach an meine Kamera-Qualität gewöhnt. Ich weiß, wie man mit einer guten Kamera aussehen kann. Ich glaube, viele fühlen sich unfotogen, weil sie sich nur auf Handyfotos sehen.
Dabei sind Handykameras mittlerweile doch schon recht gut, was die Qualität angeht. Oder?
Die Qualität kommt nicht an Spiegelreflexkameras heran, nein. Ich mache schon auch Fotos mit dem Handy, zum Beispiel im Urlaub. Das Kamera-Objektiv hat schon ein Gewicht, das merkt man irgendwann im Handgelenk. Aber immer, wenn ich meine Kamera nicht mitnehme, bereue ich es. Dementsprechend ist meine Kamera eigentlich doch 24/7 dabei.
Wenn deine Freundinnen beim Ausgehen also sagen, lass mal ein Selfie machen, sagst du: Nein, danke?
Ich stell mich auf jeden Fall nicht nach vorne!
Zur Person
Michelle Wachholz ist 1999 in Hildesheim geboren und hier zur Schule gegangen. Auf der Elisabeth-von-Rantzau-Schule machte sie ihr Fachabi im Sozialwesen. Eine Ausbildung zur Fotografin in Bayern brach sie 2019 frühzeitig ab – weil sie sich mit dem Schießen von Passfotos langweilte. Nach einem Bundesfreiwilligenjahr im Waldorf-Kindergarten absolvierte sie die Ausbildung zur sozialpädagogischen Assistentin. Mittlerweile arbeitet sie hauptberuflich in einer Hildesheimer Krippe. Neben dem Job, eigentlich täglich, ist sie mit der Kamera unterwegs für Shootings und Hochzeiten. Irgendwann, so träumt sie, will sie das hauptberuflich machen.
