Hildesheim - Eine Insel! Der erste echte Familienurlaub sollte sich tatsächlich fernab vom Festland abspielen. Schon der Begriff war eine Verheißung. Ich war neun Jahre alt und hatte sämtliche Sommerferien bis dahin ausschließlich bei meinen Großeltern auf dem Bauernhof verbracht. Jetzt also die große weite Welt – Langeoog. Meine Vorstellungen über das Ziel basierten auf den Erkenntnissen, die ich aus Comicheften und Bilder-Witzen hatte. Eine Insel war für mich ein Haufen Sand, auf dem eine Palme stand, sonst nichts. Ich stellte mir vor, dass wir dort unser Zelt aufschlagen würden und zwei Wochen lang keine Menschen zu Gesicht bekämen. Wir würden ein Lagerfeuer anzünden und geangelte Fische grillen …
Es kam anders. Und es war trotzdem umwerfend. Ich genoss vierzehn Tage mit abenteuerlichen Nordseewellen, viel Wind im Gesicht und Sand auf der Haut, mit erstklassigen Rosinenbrötchen und einer faszinierenden sanitären Entdeckung in unserer Unterkunft.
Die selbstgemalte Reisekarte
Für mich beginnt der Urlaub auch heute noch mit dem Reiseantritt. Egal welches Verkehrsmittel, egal wie stressig es ist, ich liebe die Anfahrten. Früher liebte ich sie noch ein bisschen mehr. Meine Eltern hatten gerade ihren VW Käfer gegen einen nagelneuen Opel Ascona getauscht (viertürig!). Ich freute mich auf den Weg zum Fährhafen an der Küste. Damit meine kleine Schwester Christiane und ich unterwegs die Route verfolgen konnten, oder vielleicht auch, damit wir nicht dauernd drängelnd nachfragten, bastelte mein Vater für uns eine exklusive Reisekarte. Mit schwarzem Filzstift skizzierte er auf einem Stück Pappe den Weg – altersgerecht. Ich erinnere mich, dass er zum Beispiel anstelle des Ortsnamens Bremen die Stadtmusikanten gezeichnet hatte. Die Idee mit der Landkarte war neu, ansonsten konnten wir Kinder uns bei längeren Autofahrten auf zwei Sachen verlassen: Zum einen darauf, dass meine Mutter Brote mit Mortadella geschmiert hatte – und dass sie nach ungefähr der Hälfte der Fahrt für uns Kinder je ein Micky-Maus-Heft irgendwo herzauberte.
Die Inselbahn – ein Traum
Bremen, Oldenburg, Jever, Esens, Bensersiel. Der herrlichen Anreise im komfortablen Opel folgte eine noch bessere Überfahrt nach Langeoog. Auf der 45-minütigen Schiffstour kam ich mir vor wie ein Seemann. Auch wenn ich nur auf einer Fähre unterwegs war, die in einer ausgebaggerten Fahrrinne zu einem ostfriesischen Eiland tuckerte. Ich stand an Deck und sog alles in mich auf: die Schreie der Möwen, die unendlichen Wassermassen und die kleinen Fischerboote, die an uns vorbeizogen. Damals konnte ich von Fahrzeugen nicht genug bekommen und war nach der Auto- und Schiffsfahrt schon total begeistert – bis ich am kleinen Hafen von Langeoog die Inselbahn erblickte, die die Touristen vom Hafen in den Ort brachte. Konnte der Urlaub noch besser werden?
Er konnte. Behängt mit Taschen und Koffer schleppend, bezogen wir ein Zimmer in einer Pension. Die Bleibe war ein inseltypisches Haus aus rotem Backstein, in dem unten die Vermieter wohnten und in den drei Zimmern im Obergeschoss je eine Familie untergebracht war. Der Komfort war überschaubar. Es gab auf dem Flur eine Gemeinschaftstoilette und eine Dusche für alle. Unser Zimmer bestach durch Nüchternheit. Es beherbergte vier Betten, einen Schrank, einen kleinen Tisch und vier Stühle. Das war’s. Mit einem Angebot dieser Art bräuchte man es heute noch nicht einmal bei Airbnb versuchen. Für meine Schwester und mich war es trotzdem wie das Paradies. Aufgrund der Räumlichkeiten durften wir so lange aufbleiben wie unsere Eltern, es gab jeden Tag Brötchen zum Frühstück, die man im Wohnzimmer der Herbergsleute kredenzt bekam und die Dusche hatte eine Kabine mit Schiebetür – nicht wie bei uns zu Hause einen Plastikvorhang. Eine Schiebetür! Ich war begeistert und verbrachte sehr viel mehr Zeit unter dem Brausekopf als sonst.
Der Sommer 1978 war – sofern mir mein Gedächtnis keinen Streich spielt – ein sehr warmer. Zum Glück, denn die Temperatur der Nordsee war deutlich niedriger als die Gradzahl des Wassers in unserem Freibad im Nachbarort. Aber Kälte hin, Wind hier – was waren das für fantastische Wellen, von denen ich mich mitreißen lassen konnte. Leider, das musste ich lernen, war das Meer nicht immer an der gleichen Stelle. Wie das mit den Gezeiten funktioniert, hat mir mein Vater gleich am ersten Tag verdeutlicht. Er zog mit dem Finger eine kleine Furche in den Sand, meterweit entfernt von den Ausläufern der Wellen. Ich sollte an der Markierung warten, während er ein wenig am Strand joggte. Er verabschiedete sich mit den Worten „Wenn ich in einer Viertelstunde wieder da bin, ist das Wasser bestimmt an dieser Linie!“ Unmöglich, dachte ich, setzte mich in den Sand und beobachtete gebannt, wie sich die Nordsee stetig auf mich zubewegte. Als mein Vater nach 15 Minuten zurückkam, stand ich bis zu den Knöcheln im Wasser, genau dort, wo die Markierung war, die ich irgendwie verteidigen wollte. Fortan studierte ich jeden Abend den Gezeitenkalender, der in der Pension an der Wand hing. Die Nordsee und ich hatten uns gefunden.
Zitternd im Sand
Unsere Familie verbrachte die Tage von morgens bis abends am Wasser. Da meinen Eltern die Strandkorbmiete zu kostspielig erschien, waren wir gezwungen, täglich eine Sandburg zu bauen – gegen den Wind und weil meine Schwester und ich es einfach angemessen fanden, dass man sein Revier absteckt und mit Muscheln verziert.
Den kulinarischen Höhepunkt jedes Strandtags stellten die traumhaft leckeren Rosinenbrötchen dar, die meine Eltern auf dem Weg ans Meer in einer kleinen Bäckerei kauften. Es gab nichts Schöneres in diesen Tagen, als zitternd und mit blauen Lippen aus dem Wasser zu steigen, von Mama den Frottee-Bademantel übergehängt zu bekommen und in die Papiertüte mit dem herrlichen Backwerk zu greifen. Da störte es auch nicht, dass der feine Sand sich überall festsetzte. In der Kleidung, in den Taschen, ja sogar auf den geliebten Brötchen. Zuhause hätte es mich gestört, dort gehörte es einfach dazu.
Am Ende der Inselzeit verabschiedete der Pensions-Hausherr uns Kinder mit einem pädagogisch zweifelhaften Hinweis: „Und falls ihr dieses Jahr krank werdet, dann komme ich vorbei und ziehe euch die Ohren lang!“ Dabei grinste er, was uns noch mehr verstörte. Mein Vater übersetzte: „Ihr hattet jetzt so viel gute Seeluft, dass ihr wahrscheinlich kerngesund über Herbst und Winter kommt.“ Wie prägend diese Wochen waren, merke ich immer wieder, wenn ich in ein Rosinenbrötchen beiße – es schmeckt stets nach Wind, Sand und salzigem Wasser, nach Langeoog 1978. Und wahrscheinlich bin ich der einzige Mensch, der bei Duschkabinen als erstes an eine ostfriesische Insel denkt.
Der Autor
Martin Schiepanski verbringt seinen Urlaub immer noch am liebsten in Wassernähe. Inzwischen gern auch mehr südlich, am Mittelmeer oder am Gardasee. Langeoog hat er 2019, vier Jahrzehnte später, noch einmal besucht. Es kam ihm alles viel kleiner vor, als er es in Erinnerung hatte. Die geliebte Bäckerei hat er nicht mehr gefunden.
