Spaß-Projekt für 1000-Jahr-Feier

Heersumer demonstrieren in Berlin für ihr Recht auf’s Ammonshorn

Hildesheim/Berlin - Das Forum Heersum schreckt vor nichts zurück: Diesmal sind 35 Menschen nach Berlin gereist, um das Ammonshorn aus dem Naturkundemuseum zurückzufordern. Spaß, Ampelmännchen und Polizeikontakt inklusive.

Hildesheim/Berlin - Der Blick von Marko Radojevic zeugt von Irritation, seine Stimme von Skepsis: „Was wollen sie denn in Berlin?“, fragt der Sausewind-Busfahrer angesichts der neonfarbenen Plakate, der aufgerollten Banner, Warnwesten und Klapphocker, die seine Mitreisenden in den Bauch des Reisebusses wuchten: „Demonstrieren“, ist die nüchterne Antwort von Gudrun Gadow. Sie ist beim Forum Mädchen für Alles: von der Logistikexpertin bis zur Produktionsleiterin.

35 Menschen – die Plätze waren begrenzt – und Labradoodle Noah haben sich am Wochenende aufgemacht, um für das nächste Sommerspektakel – diesmal zum 1000. Jubiläum von Heersum – mit Vehemenz das Wahrzeichen des Dorfes zurückzufordern. Seit 1884 trägt das Dorf die versteinerte Schnecke im Wappen. Carl von Seebach hat das 150 Millionen Jahre alten Fossil 1868 in den Heersumer Schichten gefunden. Ein Ammonit aus Heersum wird im Naturkundemuseum Berlin neben den großen Dinosauriern ausgestellt. Unklar ist, ob es sich um den Heersumer Wappenammoniten handelt.

Das Ammonshorn soll zurück ins Dorf

Für ihren Identifikationsschatz wollen die Heersumer auf die Straßen Berlins gehen und Menschen und Politik auf die schamlose Ungerechtigkeit aufmerksam machen. Das ganze ist natürlich ein Riesenspaß, wie ihn sich das Forum jedes Jahr ausdenkt. Wie viel Aufsehen die Menschen mit ihrer Theater-Aktion bei Touristen, aber auch Polizei erregen und welches theatrale Glück ihnen der Mann in Sandalen und mit Hausmeister-Krause-Kittel beschert, das ahnen sie an diesem Abend kurz vor Abfahrt des Busses an der Bavaria-Alm nicht.

Ich will auch mal dabei sein und nicht hinter der Nähmaschine sitzen

Elena Anatolevna, Kostümbildnerin beim Forum

Forums-Vorstand Brigitte Findeiß und Geschäftsführer Jürgen Zinke haben die verrückte Fahrt in die Hauptstadt organisiert, Mitspielende der vergangenen Jahrzehnte zwischen 12 und 70 Jahren fahren auf eigene Kosten mit. Selbst Kostümbildnerin Elena Anatolevna ist mit von der Partie, „um mich inspirieren zu lassen, aber auch, um mal dabei zu sein und nicht nur hinter der Nähmaschine zu sitzen“. Der Bus fährt in Hildesheim los und holt die größere Truppe der Protestler aus Heersum ab. Im Bus großes Hallo, man kennt sich. Auch schon von den Forums-Fahrten nach Sizilien, Rom und Albanien.

Urlaub von der regulären Arbeit

Für Markus Bokemüller und Stefan Gellert ist der Wochenendtrip „Urlaub von unserer regulären Arbeit – und ein Superspaß“. Das Hildesheimer Filmteam mrss design begleitet die Aktionen des Forums seit 2015. „Das ist unser Jahreskulturprojekt“, formuliert Gellert. Mit zwei Systemkameras ausgerüstet, halten die beiden jede noch so verrückte Aktion fest. Der fünf- bis achtminütige Film soll am 9. Januar zum Neujahrsempfang als Beitrag des Forum Heersum zum Jubiläum gezeigt werden. Als Cliffhanger für das Theater im Sommer wird ein silberfarbener Koffer mit unbekanntem Inhalt dienen.

Am Ende des Drehtages in Berlin und zehn Kilometern Weg und „gefühlt genauso viel Stillstehen“ haben mrss design drei Stunden und 15 Minuten gefilmt und mit 554 Dateien im Kasten. Berlin sei schwieriger gewesen als der Dreh in Albanien für „Vlad“ (2019 in Wrisbergholzen). „Weil der Charakter eher performativ war“, resümiert Bokemüller schmunzelnd.

„Das Planlose ist Konzept“

„Das Planlose ist Konzept“, bestätigt Jürgen Zinke. Schon nach der Ankunft m Hotel instruiert er die Mitreisenden, die gerade sämtliche Protestutensilien auf die Zimmer verteilt haben: „Es gibt kein Drehbuch.“ Aber was sie erzählen wollen, das wissen Zinke und Autor und Regisseur Uli Jäckle genau. Was nicht heißt, das nicht kreativ dazu erfunden und gefilmt wird. Zum Beispiel drei verschiedene Schlussversionen. Man weiß ja nie.

Beutekunst verträgt eigentlich keinen Humor

Jürgen Zinke, Geschäftsführer Forum Heersum

Am nächsten Morgen ist um 11 Uhr Treffen mit dem Wissenschaftler im Naturkundemuseum angesetzt. „Das war ziemlich schwierig zu organisieren“, erzählt Zinke. Denn das Thema Beutekunst vertrage eigentlich keinen Humor. Viele Anrufe und Mails waren notwendig, um die Museumsleitung davon zu überzeugen, dass man 1. den Ammoniten nicht wirklich zurückfordern wollte und sich 2. auch nicht lustig mache über die Beutekunst-Diskussion. Lustig soll’s natürlich im Film trotzdem werden.

Hausmeister Krause als Paläontologe

Und Dr. Dieter Korn hat verstanden, was die Truppe von ihm will und sich sogar eigens eingekleidet. Der graue Laborkittel „mit den Einschusslöchern im Rücken“ stamme noch „aus Vorkriegszeiten“ und die Cap mit dem Ammoniten passe ja zum Thema, erklärt er verschmitzt. Dass er außerdem Sandalen ohne Socken, Ring im Ohr und Haarschwänzchen trägt, outet ihn als Paläontologen, erkennt RPM-Ethnologin Andrea Nicklisch sofort. Sie ist als wissenschaftliche Verstärkung angereist, um Korn zur Herausgabe des Ammoniten zu bewegen. Auch Birgit Kraus, Leiterin des Kulturbüros des Landkreises, macht mit. Der Heersumer Ortsbürgermeister musste wegen Krankheit absagen.

Da kann ja jeder kommen

Dr. Dieter Korn, zur geforderten Herausgabe des Horns

Doch die steinerne Schnecke will in der Halle der Giganten aus dem Oberen Jura für die Kamera erst einmal gefunden werden. Dutzende von Ammoniten aus aller Welt hängen hier rum. Der aus Heersum „gehört zu den schöneren Exemplaren“, gesteht Korn. Doch rausrücken will er ihn nicht. „Wir haben 150 Jahre auf ihn aufgepasst. Da kann ja jeder kommen“, improvisiert er gekonnt.

Wissenschaftler bezeichnet Schnecke als Wurm

Auch auf einen Tausch mit dem ausgedruckten Heersumer Wappen – „sieht ja aus wie ein Wurm!“ – oder dem täuschend ähnlichen Kothaufen Dr. Dung aus dem Kammerspiel „Scharfe Geräte“ (1999) lässt Korn sich nicht ein. Maja Friebe jongliert den promovierten Fladen die ganze Zeit auf dem Kopf. Umsonst.

Dafür kann Jürgen Zinke den Wissenschaftler überzeugen, aus einem mit 80 000 Ammoniten bestückten Magazinsaal ein Exemplar kurzfristig herauszugeben. Mit dem wird für die Kamera der Diebstahl des Heersumer Stücks gefaket. Im Triumphzug zieht die Truppe mit dem Ammoniten im silbernen Aktenkoffer – eigentlich Behälter für einen Beamer - aus dem Museum ab. Zu diesem Zeitpunkt tragen die Mitspielenden schon die aufwändig mit dem Wappen präparierten, orangefarbenen Warnwesten. Denn im Film wird nach Dorns Weigerung der Herausgabe erstmal vor dem Reichstag demonstriert. Der Diebstahl passiert danach – wird filmisch aber vorgezogen.

Geheim-Demo wird entlarvt

Das grelle Outfit der Truppe sorgt nicht nur im Museum für Köpfeverdrehen, für geflüstertes „Die demonstrieren wegen Beutekunst“ und Menschen, die sich Protesterfahren der Truppe anschließen wollen.

Sie sehen aber aus wie Demonstranten

Polizeibeamter zur Behauptung des Theater-Flashmobs

Aber auch die Polizei entdeckt die nicht zu übersehenden Protestler. „Sie sehen aber aus wie Demonstranten“, zeigt sich ein schwer bewaffneter Polizist vor dem Reichstag irritiert über die Aussage, dass es sich um einen Theater-Flashmob beziehungsweise eine Kunstaktion handele. Vorsichtshalber nämlich hat Jürgen Zinke die Aktion nicht angemeldet: „Sonst hätten die das vielleicht verboten“, zeigt er sich erfahren mit Behörden. So muss die Polizei nun Rat per Telefon einholen, während die Heersumer Mitstreiter die Beamten für sich gewinnen. Die Konfrontation geht gut aus. Alle Augen werden zugedrückt.

Warum nicht im Adlon residieren?

Dummerweise hat eine Handvoll Reichsbürger den Platz vor dem Reichstag besetzt. Und mit denen wollen die Heersumer auf keinen Fall in einen Topf geworfen werden. So begnügt man sich für die Filmaufnahmen mit dem Reichstag im Rücken. Es folgen Aufnahmen am Brandenburger Tor. Auch dort ist das Interesse an der Aktion groß. Dann hat Zinke spontan die Idee, mit seinen 34 Protestlern ins Luxushotel Adlon zu ziehen. Also im Film zu behaupten, dass man dort logiere. Natürlich überzeugt er den Portier in Livree.

Am Ende des Tages ist Uli Jäckle zufrieden: „Für die kurze Zeit haben wir viel geschafft“, ist der Autor und Regisseur zufrieden. Auf der Strecke geblieben ist nur die Jubelszene nach geglücktem Raub und die Choreografie, die mit den Klappstühlen noch geplant war.