Mitspielende seit Jahren

Heersumer Sommerspiele machen nicht nur das Publikum süchtig

Heersum/Berlin - Die Mitreisenden bei der Protestaktion des Forum Heersum in Berlin genießen den verrückten Spaß – viele von ihnen sind seit Jahren mit von der Partie. Aber warum binden sie sich monatelange Proben und sechs besetzte Wochenenden ans Bein?

Heersum/Berlin - Das Hallo beim Treffen am Bus vor Beginn der Fahrt des Forum Heersum nach Berlin ist groß. Man kennt sich vom Spiel auf Wiese und Acker oder Beton, als Nachbarn und Freunde. Und ist auch schon zusammen im Auftrag des Forum verreist, nämlich nach Sizilien für „Bulls“, zum Papst nach Rom für „Im Namen der Rose“ in Hildesheim und nach Albanien für das Vampirstück „Vlad“ in Wrisbergholzen.

Diesmal nun Berlin, um „das Horn zurück ins Dorf zu holen“ – das Thema zum 1000. Jubiläum 2022 in Heersum. Mit von der Partie insgesamt 35 Mitstreitende, die zum Teil seit Jahren und Jahrzehnten mit von der Partie sind. Trotz langer Probephasen und vielen besetzten Wochenenden.

Zum Beispiel Familie Findeiß: Sie sind aus dem Mitspielbestand des Forum Heersum nicht mehr wegzudenken und natürlich komplett mit Brigitte, Oliver, Emil und Kalle in Berlin vertreten: „Als wir 2007 nach Heersum gezogen sind, haben wir uns gleich beim Verein angemeldet“, erzählt Brigitte Findeiß von der Kontaktaufnahme in der neuen Heimat.

„We are family“

Damals wurde aber nur ihr Mann Oliver gebraucht: „Ich war einer der sieben sagenhaften Siegfrieds bei den ,Runkelrittern’“, erzählt der Lehrer (in Ottbergen) mit einem breiten Grinsen, das seinen Spaß an der Sache unterstreicht. „Wenn man einmal mitgemacht hat, ist man süchtig“, weiß nicht nur er. Gudrun Gadow – seit den „Runkelrittern“ Mädchen für alles beschreibt – dieses Gefühl als „we are family“.

„Ich ärgere mich, dass ich nicht schon früher mitgespielt habe“, betont auch Elke Kottutz, die seit zehn Jahren eigens aus Braunschweig – selbst bis nach Alfeld – anreist, um mitzumachen. „Schon beim ersten Casting hab ich mich sofort Willkommen gefühlt“, schwärmt die studierte Chemikerin, die heute als Informatikerin arbeitet, vom Gemeinschaftsgefühl. Besonders gern erinnert sie sich an die Rolle der Uschi in „Hairsum“ und „Im Name der Rose“ und an die Chefin der Kurschatten in „Schluchz!“. Ein weiterer Reiz: „Du weißt nie, was auf Dich zukommt.“

Ehrenamt ist Ehrenwort

Brigitte Findeiß ist natürlich auch auf der Landschaftsbühne gelandet. Irgendwann sogar mit Kind: „Bei ,Piraten’ war Kalle zwei Jahre und hat mir immer den Mund zugehalten, wenn ich was gesagt habe“, erinnert sie sich lachend. Inzwischen ist Kalle 13 und hat im vergangenen Jahr bei „Die Puschenaffäre“ in Alfeld einen großartigen Hitler gespielt. Auch Bruder Emil (16) ist gehört zum Team.

Ich bin für die Schilder zuständig

Brigitte Findeiß, über ihre Arbeit am Bühnenbild

Brigitte Findeiß hat nach dem Ausscheiden von Marion Schorrlepp vor zweieinhalb Jahren zusätzlich im Vorstand die Buchhaltung und viel Organisation übernommen. „Eigentlich wollte ich, als die Kinder größer waren, aus der Teilzeit raus. Nun hab ich das wegen des Forum gelassen“, erzählt sie schmunzelnd von ihrer ehrenamtlichen Zusatzarbeit. Besonders gern „basteln“ Brigitte und Oliver Findeiß auch am Bühnenbild mit: „Ich bin für die Schilder zuständig“, betont sie.

Warum nicht nur mal im Bett liegen?

Auch Jonas Dirks hat sich seit neun Jahren auf Bühne und Technik eingeschossen, „weil es Spaß macht“. Seit 2006 ist der heute 26-jährige Student des Umweltingenieurswesens mit von der Partie, hat auch schon mitgespielt.

Die älteste beim Berlin-Trip ist Eva-Marie Breitenstein. Die 70-Jährige nutzt ihr Rentnerdasein – neben der Arbeit im Hospiz und auf einem eigenen Marktstand mit Blumen und Kuchen – zum Mitwirken beim Forum. „Vor Urzeiten hab ich ,Rübe Null’ gesehen“, erinnert sie sich. Seit drei Jahren spielt sie mit, zum Beispiel gehörte sie zu den Safaris in „Die Liebesbank“, und bei „Vlad“ durfte sie als Dorfbewohnerin im Bett liegen.

Wer Fleisch will, bekommt nackte Haut

Als Mann der ersten Stunden sitzt Bernhard Twickler im Bus und zaubert schnell erste flüssige Muntermacher hervor. Beim ersten „Hakelmann“ vor 23 Jahren spielte er den Campingnator, in „Bördianer Jones“ den lispelnden Hermann und im vergangenen Jahr in Alfelds „Puschenaffäre“ den Frauenvernaschenden Filmregisseur und späteren Schumacher. Seine kühnste Rolle bekam Twickler als Eros in „Unter Göttern“: „Wenn die Fleisch wollen...“ denkt er an seine spärlichst bekleideten Auftritte.

Der Werkzeugmacher und Gießereimeister, der seit wenigen Tagen in Altersteilzeit ist, hat seitdem in 17 Produktionen mitgespielt. „Inhaltlich bin ich da, textlich nicht immer“, erzählt er von seiner Vorliebe fürs Improvisieren, was die Einsätze für die Kollegen nicht immer erleichtert, weil er das Stichwort gern vergisst. Twickler kommt aus dem Rheinland, ist mit Karneval aufgewachsen und kann Witze aus dem Stegreif erzählen. Oft genug ist der 62-Jährige der Mann für die Schenkelklopfer, was er genießt.

Müll recyclen

Fast genauso lang zaubert Elena Anatolevna Kostüme – oder eben blanke Haut – bei den Landschaftstheaterspektakeln. „Sie beherrscht den Unterschied zwischen Karneval und Kunst“, ist Uli Jäckle begeistert. „Wir haben ähnliche Vorstellungen von Ästhetik“, beschreibt Anatolevna die Zusammenarbeit mit Jäckle, der inzwischen blind ohne Entwürfe funktioniere. In 22 Stücken hat die freie Kostümbildnerin seit 1999 das Bild der Theaterprojekte geprägt.

Ihr liebstes Stück ist und bleibt „Asterix“, „das hat am meisten meine Vorstellung von Bildertheater erfüllt“. Für Anatolevna bedeutet die Arbeit für das Forum – „ich hab mir immer die Zeit frei gehalten“ – ein Experimentierfeld der puren Fantasie. Dabei recycelt Elena Anatolevna, die in Braunschweig lebt, besonders gern Müll und kreiert aus Plastikbechern, Lampenschirmen oder Fischernetzen unglaubliche Kostüme.

Start mit tragender Rolle

Oliver Dressel hat 1993 als Regieassistent bei Uli Jäckle angefangen und später vor allem die verrückten Rollen am Rande gespielt, zum Beispiel den „geilsten Arsch der Börde“ (Ritter Randolf in „Runkelritter“ 2007) oder Gräfin Gurke in „Doppeltes Karottchen“ (2008 in Derneburg). Inzwischen ist auch seine Frau Juli N’Doci meist singend mit von der Partie. Die gemeinsame Tochter Jolinda ist mit drei Jahren das erste Mal als Katze im zweiten „Hakelmann“ zu sehen gewesen.

Uwe Hipler startete beim Forum in „Unter Göttern“ mit einer „tragenden Rolle“: „Als Zyklop habe ich mein Kostüm auf den Schultern getragen.“ Dem Förster in der „Liebesbank“ hat Hipler mit sächselndem Dialekt die Pegida auf den Leib geschrieben, im vergangenen Jahr durfte er in Alfeld Fabrikbesitzer Benscheidt spielen. „Ich war beruflich an meine Grenzen gestoßen und fand Starwerden großartig“, erzählt er lachend von seinen Anfängen 2011 bei „Piraten“.

Noch viel cooler als erhofft

Erst seit einem Jahr im Team ist Felix Leesty aus Achtum. 2019 hatte sich der Fachinformatiker beim Bundesamt für Strahlenschutz in Salzgitter „Vlad“ in Wrisbergholzen angeschaut und war begeistert: „Supergeil, da wollte ich gern mitmachen.“ Und letztlich waren die Proben und Aufführungen von „Die Puschenaffäre“ in Alfeld – Leesty spielte Franz Kafka – „noch viel cooler als erhofft“. Das Mitspielen mache ihm so viel Spaß „weil man merkt, dass alle es aus Freude machen. Und ein bisschen verrückt ist es auch“.

Die Reise nach Berlin bezeichnet er als „Hammer“. Allerdings muss Felix Leesty sich danach erstmal verabschieden. Er geht für ein Auslandsjahr wahrscheinlich nach Neuseeland. Aber 2023, da will er auf jeden Fall wieder dabei sein: „So schnell werden die mich nicht los.“