HAZ-Serie zum neuen Heizungsgesetz

Heizen mit Gas: Auch im Raum Hildesheim wollen viele daran festhalten – doch ist das klug?

Hildesheim - Schnell noch eine neue Gasheizung einbauen? Es gibt Immobilien, bei denen das sinnvoll sein kann, sagen Fachleute. Doch für die Mehrheit der Haushalte gelte das eher nicht. Was sagt das Heizungsgesetz dazu, was gilt es zu beachten?

Der Gaszähler im Heizungsraum gehört in Zehntausenden Haushalten in Stadt und Landkreis Hildesheim zum Inventar. Wie lange noch? Foto: Julia Moras

Hildesheim - Viele Menschen wollten und wollen sich möglichst noch in diesem Jahr eine neue Gasheizung einbauen lassen, auch wenn es vielleicht die alte Anlage noch tut: Dieser Eindruck vieler Sanitär- und Heizungsbetriebe in der Region lässt sich mit Zahlen unterlegen. 1140 Gasheizungen wurden im gesamten Vorjahr in der Stadt Hildesheim ausgetauscht, weil sie zu alt oder kaputt waren. Mitte dieses Jahres waren es bereits wieder 750, wie die EVI Energieversorgung Hildesheim auf HAZ-Anfrage berichtete.

Vom Umweltschützer zum Umweltsünder?

Inzwischen gibt es allerdings offenbar eine Entspannung. Nachdem klar ist, dass die endgültige Fassung des neuen Heizungsgesetzes durch die kommunale Wärmeplanung bis 2026 und 2028 Immobilienbesitzern mehr Zeit einräumt, „haben einige Kunden, die schnell neue Gasheizungen einbauen lassen wollten, ihre Aufträge wieder storniert“, berichtet Jörg Bokelmann, Obermeister der Sanitär- und Heizungsinnung Hildesheim.

Seit Jahrzehnten ist Erdgas in Stadt und Landkreis Hildesheim wie auch in vielen anderen Regionen Deutschlands, vor allem im Norden, der wichtigste Brennstoff. Weit mehr als die Hälfte aller Hildesheimer nutzt ihn. Im Netzgebiet der Avacon, zu dem auch der gesamte Landkreis außer Hildesheim selbst gehört, werden 63 Prozent aller Heizungen mit Erdgas betrieben.

Ende des vergangenen Jahrhunderts rissen sich Kommunen und Ortschaften förmlich darum, vom Sarstedter Avacon-Vorgänger Landesgas an das Erdgasnetz angeschlossen zu werden. Günstiger, durch Leitungen statt Tanks einfacher zu bekommen und obendrein noch umweltfreundlicher – diese Argumente überzeugten Zehntausende Hausbesitzer.

Torschlusspanik

Der Umweltaspekt ist nun derjenige, der das Ende des Erdgas-Zeitalters einläuten soll. Im Jahr 2045 soll in Deutschland überhaupt nicht mehrt mit fossilen Brennstoffen geheizt werden, in Niedersachsen könnte es durch das neue Klimagesetz sogar schon 2040 so weit sein.

Ist es trotzdem klug, noch einmal eine neue Gasheizung einzubauen? Eine wesentliche Motivation dafür ist die Sorge, bald keine neue Gasheizung mehr einbauen zu dürfen und stattdessen gezwungen zu sein, eine deutlich teurere Wärmepumpe einsetzen zu müssen, womöglich zusätzlich ins Gebäude investieren zu müssen. Dabei ist der Einbau neuer Gasheizungen auch vom nächsten Jahr an nicht verboten.

Keine Empfehlung mehr

Ein erfahrener Sanitär- und Heizungsmeister aus dem Kreis Hildesheim rät bei schlecht isolierten Altbauten, bei denen über die Wärmepumpe hinaus große Investitionen etwa für Dämmung nötig wären, im Zweifel „noch einmal eine neue Gasheizung einbauen zu lassen und abzuwarten, wie sich die Situation bis 2045 tatsächlich entwickelt“.

Im Einzelfall könne eine neue Gasheizung noch die beste Wahl sein, aber auch nur dann, zu diesem Schluss kommt auch Schornsteinfeger und Energieberater Florian Paasch-van Treel aus Hildesheim: „Grundsätzlich kann man aber nicht mehr empfehlen, eine neue Gasheizung einzubauen“, sagt er. Die Bedingungen verschärfen sich, die laufenden Kosten dürften steigen.

Gaspreis vor Anstieg?

Allgemein wird erwartet, dass Gas in den nächsten Jahren erheblich teurer wird – schon wegen der CO2-Bepreisung. Zum steigt der CO2-Preis von 30 auf 40 Euro pro emittierter Tonne. Ein Durchschnittshaushalt mit einem Jahresverbrauch von 20 000 Kilowattstunden Erdgas müsste also mit Zusatzkosten von knapp 60 Euro pro Jahr rechnen, wenn alle anderen Faktoren unverändert blieben.

Was außerdem die Preise für die Endkunden erhöhen dürfte: Wenn immer weniger Menschen Gasheizungen haben, weil es mehr Wärmepumpen und mehr Fernwärme gibt, gleichzeitig aber das bestehende Gasnetz weiter unterhalten muss, werden die sogenannten Netzentgelte auf weniger Kundinnen und Kunden verteilt – und werden damit für den einzelnen teurer. Davon gehen Expertinnen und Experten bundesweit, aber auch die örtlichen Netzbetreiber EVI wie Avacon aus, auch wenn sie sich mit Prognosen zur Preisentwicklung sehr zurückhalten.

Die Wasserstoff-Frage

Ein weiterer Aspekt ist, dass bei Gasheizungen, die nach dem 1. Januar 2024 eingebaut werden, ab 2029 Öko-Anteile beim Brennstoff vorgeschrieben sind: 15 Prozent ab 2029, 30 Prozent ab 2035 und 60 Prozent ab 2040. Zu erreichen zum Beispiel mit Hilfe von grünem Wasserstoff oder Biogas. Dass es entsprechende Angebote geben wird, ist nicht sicher. Für Heizungen, die noch in diesem Jahr oder früher eingebaut wurden, gilt diese Vorgabe nicht.

Unklar ist vor allem, wie es mit Wasserstoff weitergeht. Neue Gasheizungen sollen vom kommenden Jahr an möglichst „H2-ready“ sein, was bedeutet, dass sie auch mit Wasserstoff zu betreiben sind. Doch wird dieser Brennstoff, der dann auch über 2040 und 2045 hinaus nutzbar wäre, wirklich eine große Rolle bei der Heizung von Wohnhäusern spielen? Die EVI will es nicht ausschließen und beschäftigt sich mit dem Thema, erklärt aber: „Wir sehen aktuell den Einsatz von Wasserstoff allem voran in der Schwerindustrie, sowie in der Spitzenlastversorgung mit Fernwärme und bei der Stromerzeugung.“

Wette auf die Zukunft?

So sehen es auch die meisten Energie-Fachleute in Deutschland. Ihr Argument: Es wird schlicht nicht genug Wasserstoff aus erneuerbaren Quellen geben, um ihn über die Industrie und vielleicht noch den Schwerlastverkehr hinaus einzusetzen – und wenn es technisch doch möglich sein sollte, könnte es zu teuer werden.

Es gibt allerdings auch Experten, die dem Wasserstoff sehr wohl eine bedeutende Rolle beim Heizen einräumen. Denkbar sind sogar kleinere lokale Netze, die nur in einigen Bereichen einer Stadt verlaufen. Auf Wasserstoff zu setzen, ist aus Sicht des Einzelnen jedenfalls eine Wette auf die Zukunft – mit ungewissem Ausgang.



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