Wanderjahre

Heute hier, morgen dort: Das erlebt eine 29-jährige Hildesheimer Zimmerin auf der Walz

Hildesheim - Seit über 2,5 Jahren unterwegs und noch ist kein Ende in Sicht: Anna-Lena freireisend fremde Zimmerin ist auf der Walz – so nennt man die Wanderjahre der Handwerksgesellen. Was sie auf ihren Reisen erlebt und wie sie über die Runden kommt.

Anna-Lena freireisend fremde Zimmerin ist seit mehr als 2,5 Jahren auf der Walz.  Foto: Holger Keifel

Hildesheim - Heute hier, morgen dort: Mehr als 2,5 Jahre ist Anna-Lena freireisend fremde (fr.frd.) Zimmerin bereits unterwegs. An den Rückweg nach Hildesheim denkt sie noch längst nicht: „Es macht mir zu viel Spaß. Mir geht es total gut.“ Nach mindestens drei Jahren und einem Tag könnte sie ihre Heimat wieder betreten. Derzeit nähert sich die Handwerksgesellin, die der Tradition der Walz (so heißen die Wanderjahre der Handwerksgesellen) folgt, ihren früheren Wohnort nicht auf 50 Kilometern – die sogenannte Bannmeile. Ihre Intention zu der zum Teil entbehrungsreichen Zeit: Losgehen. Frei sein. Neue Orte sehen, Menschen und Kulturen kennen lernen, neue Arbeitstechniken erlernen und in unterschiedlichen Betrieben arbeiten. Seit über 800 Jahren ziehen junge Handwerker los, um andere Regionen und neue Fertigkeiten in ihrem Fach und darüber hinaus kennen zu lernen. Anfang des 20. Jahrhunderts lag die Zahl der Wandergesellen im vierstelligen Bereich, heute sind es einige hundert. Anna-Lena ist eine von ihnen, ihren Nachnamen legt sie während der Walz ab.

Die Hildesheimerin hat eine Zimmererin-Ausbildung und ist gleich danach losgezogen - mit fünf Euro in der Tasche. Allein durch Arbeit finanziert sie sich die Wanderschaft. Diese führte sie wie sie sagt „überall und nirgends hin“. So war sie unter anderem viel in Norddeutschland sowie in der Schweiz unterwegs – zur Fuß und per Anhalter. Sie entscheidet, ob sie an einem Platz bleiben oder weiterziehen will. Auch das Tempo bestimmt sie.

Kalte Jahreszeit im Süden verbracht

Die triste, kalte Jahreszeit verbrachte die 29-Jährige mit anderen freireisenden Handwerkern in Portugal und Spanien. Dort sei das Trampen schwierig gewesen, berichtet sie. Das könnte an Überfällen und Straßenbanden liegen sowie daran, dass außerhalb des deutschsprachigen Raums die Walz wenig bekannt ist. Daher begegnete die Bevölkerung der Hildesheimerin, die die Kluft der Zimmerleute trägt, eher zurückhaltend. Doch insgesamt ist sie beeindruckt von der Hilfsbereitschaft der Menschen während der Walz, wenn sie beispielsweise nach einem Schlafplatz und der Möglichkeit zum Auffüllen ihrer Wasserflasche fragte. „Das wiegt unschöne Aspekte auf“, berichtet sie und nennt als Beispiele, dass sie oft ungefragt fotografiert wird. Auch Menschen, die nicht zuhören, stören sie. Hatte sie Angst unterwegs? „Ich darf mir keine Angst erlauben, sonst gehe ich nicht mehr los“, erklärt die Handwerkerin. Ihr Bauchgefühl, der sechste Sinn, habe sich in den vergangenen Monaten verstärkt, so dass sie Menschen besser einzuschätzen könne. Die Wanderschaft kennt die Zimmerin zum Großteil unter Corona-Bedingungen. Spontan aufbrechen und irgendwo einkehren – das war viele Monate nicht möglich. Schnelltests gab es zu Beginn der Pandemie nicht problemlos.

Inzwischen ist das Wandern leichter geworden. Derzeit ist die Hildesheimerin auf dem Weg nach Sylt. Zuvor war sie in Schwedeneck bei Eckernförde und Kiel. Denn sie plante mit Gleichgesinnten die diesjährige schachtübergreifende Sommerbaustelle freireisender Gesellen und spendete vier Wochen lang ihre Arbeitskraft für ein soziales Projekt, welches – ihr zufolge - ein voller Erfolg geworden ist. Ab November war sie mit den Vorbereitungen, der Planung der Infrastruktur, mit Fragen zum Material und Spendensammeln beschäftigt gewesen – was nicht gerade leicht war, denn die junge Handwerkerin darf auf die Walz keine elektronischen Kommunikationsmittel mitnehmen und ist auf die Unterstützung Dritter angewiesen. Besitzen darf die Wandergesellin nur, was sie am Körper und auf den Schultern trägt. Das Gepäck ist daher überschaubar: etwas Kleidung, Hygieneartikel, Schlafsack, seit vergangenem Jahr eine Isomatte, ein Notizbuch und manchmal ein Buch.

„Ich darf nicht rein nach Hildesheim, die aber raus“

An dem von einem Freund geliehenem Mobiltelefon berichtet die Handwerkgesellin, wie sie für einen Landwirt an der tschechischen Grenze eine Sauna auf Stelzen gebaut hat, für einen Spielplatz/-gerätehersteller tätig war, bei Freising als Zimmerin auf dem Dach gestand. „Man arbeitet, um zu reisen. Man reist, um zu arbeiten“, betont die 29-Jährige, die vor ihrer Ausbildung an der HAWK in Hildesheim Holzingenieurswesen studiert hat. Sie kann sich vorstellen, während der Walz erneut Richtung Schweiz und Österreich zu ziehen. Zudem würden sie Norwegen und Kanada reizen. Heimweg nach Zuhause? „Ne noch nicht!“, betont sie. Mit ihren Eltern und dem Freundeskreis hält sie Kontakt, auch gab es zwischenzeitliche Treffen. „Ich darf nicht rein nach Hildesheim, die aber raus.“

von Mellanie Caglar

  • Hildesheim
  • Hildesheim
Anmerkung zum Artikel

Sie haben einen Fehler im Artikel gefunden? Oder haben Sie weitere Informationen zu dem Thema für uns? Dann teilen Sie uns diese gerne mit.