Heinrich Heeke
Borsum - Bis vor einem Jahr standen bei ihm jeden Tag bei Wind und Wetter ausgedehnte Wanderungen durch die Natur auf dem Programm. Dann aber musste Heinrich Heeke sie wegen eines kleinen Schlaganfalls aufgeben. Das Alter aber sieht man ihm nicht an, denn er hat sich inzwischen gut erholt und blickt auf ein bewegtes und erlebnisreiches Leben zurück.
Heeke ist geistig noch sehr fit. Er liest viel Zeitung und löst gerne Rätsel. Heute feiert der gebürtige Borsum seinen 100. Geburtstag. Er ist damit der älteste Dorfbewohner im Ort.
Nach der Volksschule besuchte er die Handelsschule in Hildesheim und machte bei den Senkingwerken in Hildesheim eine kaufmännische Lehre. Im Alter von 18 Jahren wurde er 1942 als Soldat zur Wehrmacht eingezogen und diente im Zweiten Weltkrieg drei Jahre bei Kampfeinsätzen an der Westküste Frankreichs, in Italien und an der Ostfront. Nach zwei schweren Verwundungen lag er bei Kriegsende in einem Prager Lazarett, wo er in russische Gefangenschaft geriet. Nach der Genesung wurde er vorerst zur Erntearbeit in der Niederlausitz eingesetzt.
Im Januar 1946 kam er als Gefangener über Breslau und Stalingrad zu Straßenbaueinsätzen in den Kaukasus und der Ukraine. Dort musste er mit Hacke und Schaufel viele Straßen rechts und links verbreitern. Bagger und andere Geräte gab es nicht. Untergebracht war er mit 15 Kameraden in einem ausgedienten Hühnerstall. „Zu essen gab es in den gesamten vier Jahren der Gefangenschaft nur Hirsebrei, Kapusta (gekochter Kohl), Wasser und Brot“, erzählt Heeke. „Aber nur dann, wenn wir als Gefangenen-Kolonne auch die Quote erfüllt hatten. Wenn diese mal übererfüllt war, dann gab es zur Belohnung von der russischen Bewachung schon mal ein zusätzliches Quotenbrot, das in 15 gleiche Scheiben an in der Gruppe verteilt wurde.“ Fleisch habe er in den ganzen vier Jahren nie gesehen, geschweige gegessen.
Erst am 26 November 1949 kam Heeke als einer der Letzten aus der Kriegsgefangenschaft nach Borsum zurück.
„So hat man mir damals sieben Jahre lang die schönste Zeit meines jungen Lebens weggenommen“, bemerkt Heeke. Die Lebenserfahrungen aber habe ihn bereichert und er habe dabei gelernt, dass man auch mit weniger durchs Leben kommen kann.
Nach seiner Rückkehr arbeitete Heinrich Heeke über 47 Jahre lang bis 1987 bei seiner Lehrfirma Senking. Am 16. Oktober 1951 heirate er seine inzwischen verstorbene Frau Irmgard, geborene Lange, aus Sorsum.
Bis zur Gebietsreform im Jahr 1974 war er sechs Jahre Mitglied des ehemaligen Borsumer Gemeinderates, stellvertretender Standesbeamter und lange Jahre auch als Schiedsmann und Schöffe beim Landgericht. Außerdem war er Geschäftsführer des Schulzweckverbandes für die ehemalige Mittelpunktschule Borsum mit den sechs umliegenden Ortschaften, der heutige Grundschule Borsumer Kaspel.
Viele Jahre arbeitete er auch als freier Mitarbeiter für die HAZ. Er ist seit Jahrzehnten Mitglied der örtlichen Kolpingfamilie, dem DRK, dem Musikverein und dem Kreisheimatbund.
Ihn besorgt derzeit besonders die große Unzufriedenheit und Respektlosigkeit vieler Menschen sowie die Kriege in der Welt.
Seinen Geburtstag feiert der Jubilar heute im Kreis der Familie in dem im Jahr 1960 gebauten Eigenheim in der Aseler Straße. Mit dabei sind seine drei Kinder, acht Enkel- und elf Urenkel.
Rosa Maria Ziegenbein
Groß Düngen/Borsum - Rosa Maria Ziegenbein zählt ohne Frage zu den Groß Düngener Urgesteinen. Zu ihrem besonderen Ehrentag am heutigen Tag haben sich neben den offiziellen Vertretern der Stadt auch zahlreiche Freunde und Bekannte zum Gratulieren in der Bahnhofstraße angesagt.
Aus ihrem langen Leben weiß Rosa Maria Ziegenbein jede Menge zu erzählen. Als junge Frau wurde sie zum Kriegsdienst bei der Bahn verpflichtet. Jeden Morgen um 6 Uhr machte sie sich je nach Dienstplan auf den Weg zu einem Schrankenwärterhaus in Egenstedt, Klein Düngen oder Hockeln. Die 19-Jährige war dafür verantwortlich, die Schranken zu schließen, wenn sich ein Zug nähere. „An einem Tag bekam ich einen Anruf, dass ich sofort in einen Luftschutzkeller gehen sollte, weil Bomber in Richtung Groß Düngen flogen. Es gab für mich in dem Moment aber keine Möglichkeit, einen sicheren Ort aufzusuchen. Wenig später hörte ich ein Brummen in der Luft und sah, wie die Piloten mich im Blick hatten. Ich betete, dass nichts passiert. Ich war sehr erleichtert, als die Flugzeuge schließlich am Horizont verschwunden waren“, blickt die 100-Jährige zurück.
Ihrem Geburtsort hat Rosa Ziegenbein immer die Treue gehalten. Nach ihrer Volksschulzeit im Ort erlernte sie an einer fortbildenden Schule in Hildesheim das Schneiderhandwerk. Später legte sie die Qualifikation zur Handarbeits- und Werklehrerin ab. Ab 1954 unterrichtete Rosa Maria Ziegenbein in der Joseph-Müller-Grundschule Groß Düngen die Fächer Handarbeit und Werken. Einigen Kindern brachte sie auch das Spinnen mit dem Spinnrad bei. „Viele Jungen wollten unbedingt Handarbeit bei mir machen.“ Heute noch werde sie oft von ehemaligen Schülerinnen und Schülern auf die damalige Zeit in der Schule angesprochen. 1989 beendete sie ihre Tätigkeit als Lehrerin in der Grundschule.
War sie eine strenge Lehrerin? „Nein, auf keinen Fall. Ich war immer darum bemüht, den Unterricht so zu gestalten, dass es Spaß macht“, sagt die Jubilarin. Ziegenbein zählt zu den wenigen Menschen, die noch etwas über den früheren Groß Düngener Pfarrer Joseph Müller erzählen können. Müller war neben seiner Tätigkeit als Seelsorger auch ein entschiedener Gegner des Nationalsozialismus. Seine Haltung gegen Hitler und dem NS-Regime kostete ihn am Ende das Leben. Wegen eines politischen Witzes wurde er 1944 durch den Volksgerichtshof in Berlin zum Tode verurteilt. „Es war ein herzensguter Mensch und immer sehr hilfsbereit. Eines Tages kam er zu mir und fragte, ob ich aus Stoff eine zwei Meter lange Fahne für die Gemeinde nähen kann. Das habe ich natürlich gerne getan“, erzählt Ziegenbein, die auch heute noch eine enge Verbindung zur katholischen Gemeinde pflegt. Als vor drei Jahren auf dem Gehweg vor der Kirche Stolpersteine zu seinem Gedanken verlegt wurden, war die gebürtige Groß Düngenerin natürlich dabei.
Nach dem Krieg heiratete sie den Malermeister Georg Ziegenbein. Aus der Ehe gingen zwei Söhne und eine Tochter hervor. Zur Familie gehören auch die beiden Enkelkinder Sarah und Laura. Mittwochs und freitags schätzt Rosa Ziegenbein ihre Besuche in der AWO-Tagespflege. Während anfangs ein wenig Skepsis dabei war, möchte sie heute die Zeit dort nicht mehr missen. „Ich bin mit großer Begeisterung dabei“, sagt sie. Genauso groß ist die Begeisterung für den Sport, den sie regelmäßig am Fernsehschirm verfolgt. Nicht Fußball steht da ganz oben auf der Liste, sondern allen voran Snooker als eine besondere Variante des Billards sowie die gesamte Palette an Wintersport – angefangen vom Skispringen bis hin zum Biathlon. Ein Rezept für ein so langes Leben hat sie auch parat: Keinen Genuss von übermäßig viel Alkohol oder Nikotin. „Ich fühle mich auch mit 100 Jahren noch gut“, sagt Rosa Maria Ziegenbein zufrieden.


