Hildesheim - David Ossenkopp will heute wieder hoch hinaus. Enorm hoch, um genau zu sein: 14 Meter sind es vom Hallenboden des Kletterzentrums Hi-Climb bis nach ganz oben. Der 23-Jährige mit einer Autismus-Spektrum-Störung schwingt sich wagemutig von einem Klettergriff zum anderen. An der Decke angekommen, stößt er sich nach einem kurzen Signal mit beiden Beinen von der Wand ab – und saust blitzschnell in Richtung Abgrund.
Dort hält Klettertrainerin Liane Neuleben das Seil, das mit Karabinerhaken an Ossenkopps Gurt befestigt ist, fest in Händen. „Gut gemacht“, sagt sie, als der junge Mann wieder sicheren Boden unter den Füßen hat und sich zur Belohnung gleich selbst ein High Five zuklatscht.
Seit drei Jahren, so erzählt es seine Mutter, ist so ziemlich keine Kletterwand mehr sicher vor dem 23-Jährigen, der in Söhre aufgewachsen und bei der Lebenshilfe Hildesheim beschäftigt ist.
Alle zwei Wochen klettern Menschen mit Beeinträchtigung
Regelmäßig bietet das Hildesheimer Kletterzentrum Hi-Climb einen Schnupperkurs für Menschen mit Beeinträchtigung an. Alle zwei Wochen kommen zwischen acht und zehn Handicapsportler nach Drispenstedt, um nach Herzenslaune in die Höhe zu kraxeln. Zwei spezielle Kletterrouten ermöglichen Menschen mit Beeinträchtigung dabei das Erklimmen in luftige Höhen.
Gemeinsam mit ihrer Kollegin Melanie Grobe leitet Klettertrainerin Liane Neuleben die Sportgruppe. Da die Arbeit mit Menschen mit Behinderung höhere Standards als bei einem regulärem Klettertraining erfordert und zuweilen mehrere Trainer vor Ort sind, um beim Klettern Hilfestellung zu geben, haben Neuleben und Grobe neben einer Kletterbetreuer-Ausbildung auch eine sogenannte C-Lizenz, mit der sie extra für das Training von Menschen mit einer geistigen oder körperlichen Beeinträchtigung ausgebildet sind.
Ein großes Event kommt nach Hildesheim
Das große Engagement der beiden Frauen hat sich inzwischen herumgesprochen – und dafür gesorgt, dass der niedersächsiche Landesverband der Special Olympics die Hildesheimer inklusive Klettergruppe zum Ausrichter für einen ganz besonderen Kletterwettkampf auserkoren hat.
Kommenden Freitag, 28. März, treten 35 Athletinnen und Athleten mit Beeinträchtigung aus Niedersachsen und Bremen erstmalig in Hildesheim zum Wettstreit gegeneinander an. Aus Hildesheim nehmen unter anderem Menschen vom Röderhof, von der Lebenshilfe, der Diakonie oder dem Förderzentrum Bockfeld teil. Begleitet werden sie alle von knapp 21 Betreuenden; rund 20 ehrenamtliche Helfer kümmern sich indes um einen reibungslosen Ablauf des Sportevents.
Die Wettbewerbsorganisation haben neben Grobe und Neuleben auch die stellvertretende Vorsitzende von Hi-Climb, Claudia Gaßmann, sowie Jessica Prelle von Special Olympics Niedersachsen übernommen. Lokale Unternehmen wie denns BioMarkt, Alnatura oder Rewe sponsern derweil Obst, Wasser, Nachtisch und Süßes.
„Wir freuen uns total drauf!“, sagt Neuleben. Eine Menge Arbeit sei in die Vorbereitungen geflossen, jetzt sei man eigentlich nur gespannt auf die Kinderschuhfehler, die eine Premiere von solchem Ausmaß halt mit sich bringe. Wobei: Ein paar Dinge müssten noch erledigt werden, sagt Neuleben. „Unsere Schrauber müssen jetzt noch die Griffe von 22 Kletterrouten abschrauben, sie reinigen und fünf inklusive Routen anbringen. Das ist unglaublich viel Arbeit.“
Spaß steht im Vordergrund – Medaillen gibt’s trotzdem
Bei allem Wettkampfgeist und sportlichem Ehrgeiz des Kletterwettbewerbs stehe jedoch eine Sache ganz klar im Vordergrund, betont Neuleben: „Der Spaß ist am wichtigsten.“ Es gehe vor allem um Teilhabe; die Bewertungen sollen den sportlichen Leistungen der Teilnehmenden entsprechen. Die Kletterrouten sind eher einfach gestaltet – sollen aber gleichzeitig auch den Ehrgeiz befeuern. Über eine Medaille freut sich immerhin jeder: „Am Ende hat aber jeder Teilnehmende etwas in der Hand. Das ist ganz wichtig.“

