Hildesheim - Nach dem Ringen um den Erhalt des Roemer- und Pelizaeus-Museums im vergangenen Jahr drohen nun auch dem zweiten Aushängeschild der Hildesheimer Kulturszene finanzielle Probleme. Das Theater für Niedersachsen könnte in der kommenden Spielzeit ein Defizit von fast zwei Millionen Euro einfahren. So jedenfalls steht es im Wirtschaftsplan des Theaters, der am Mittwoch im Finanzausschuss der Stadt Hildesheim verhandelt wird.
Am stärksten schlagen Personalkosten zu Buche – fast 15 Millionen Euro in der kommenden Spielzeit 23/24. Hinzu kommen Steigerungen bei den Betriebskosten, vor allem höhere Ausgaben für Energie. Insgesamt summieren sich die Ausgaben auf fast 20 Millionen Euro, denen Gesamteinnahmen von gut 18 Millionen Euro gegenüber stehen. Wenn es bei diesen Zahlen bliebe, würden unterm Strich 1,88 Millionen Euro fehlen.
Die Personalausgaben fallen besonders ins Gewicht, nachdem die letzten Tarifverhandlungen eine Erhöhung der Künstler-Mindestgagen von 2000 auf 2700 Euro ergeben haben. Weitere Tarifsteigerungen kamen hinzu. Dem stehen geringere Einnahmen gegenüber. Nach dem Ende der Pandemie sind die Publikumszahlen zwar wieder im Aufwärtstrend, haben aber längst nicht das Vor-Corona-Niveau erreicht. Laut Verwaltungsvorlage für den Finanzausschuss kommen nur halb so viele Menschen ins Theater wie in der Saison 2018/19.
Das Publikum kommt zurück, wir sind auf einem guten Weg
Diese Zahl sei nicht mehr aktuell, sagt tfn-Intendant Oliver Graf. Die laufende Spielzeit sei zwar noch stark von Corona-Einschränkungen geprägt gewesen, doch der Trend sei deutlich: „Das Publikum kommt zurück, wir sind auf einem guten Weg.“ Da die Saison noch andauere, könne er aber keine konkreten Besucherzahlen nennen. Obendrein, so Graf, laufe das Gastspielgeschäft „richtig gut“. Als Landesbühne bespielt das tfn 60 Orte in Niedersachsen und zum Teil auch darüber hinaus.
Allerdings finanziert sich das Theater nur zum kleinen Teil aus den Eintrittsgeldern und Abstecher-Einnahmen (knapp 2 Millionen Euro), sondern viel mehr durch Zuschüsse der öffentlichen Hand – etwas mehr als 16 Millionen Euro. Mit über 8 Millionen Euro pro Jahr ist das Land Niedersachsen der größte Zuschussgeber, Stadt und Landkreis sind als Gesellschafter des tfn mit je 3,8 Millionen dabei. Hameln, Nienburg und Region geben jeweils Zuschüsse im fünfstelligen Bereich.
Das Land als große Unbekannte
Beim Blick in die Zukunft ist das Land Niedersachsen die große Unbekannte. Es hat mit dem tfn eine sogenannte Zielvereinbarung abgeschlossen, die alle paar Jahr erneuert werden muss. Zuletzt geschah das im Juni 2020 – zu Beginn von Corona, vor der Explosion der Energiekosten, vor den Tariferhöhungen. Aufsichtsrat und Geschäftsführung des tfn verhandeln mit dem Land über eine Anpassung der Zielvereinbarung. „Alle Beteiligten ackern hinter den Kulissen“, sagt Landrat Bernd Lynack, der auch Vorsitzender des Aufsichtsrats ist. „Unser Ziel ist doch klar: Wir wollen das Theater erhalten.“
Es gebe durchaus positive Signale seitens des Landes, sagt Hildesheims Oberbürgermeister Ingo Meyer. Den Wirtschaftsplan des tfn sehe er als „Momentaufnahme“. Gewissheit werde man erst haben, wenn der Landeshaushalt für 2024 verabschiedet ist. Ende 2023 also? Meyer ist skeptisch: „Meine Prognose ist, dass sich das noch länger hinzieht.“
Zum Glück, so der OB, sei das Haus gut aufgestellt und habe in den zurückliegenden Jahren Rücklagen erwirtschaften können – die freilich nicht dafür gedacht seien, den laufenden Betrieb zu finanzieren. Meyer geht davon aus, dass Stadt und Kreis in Zukunft mehr Geld werden zuschießen müssen. Mit Blick auf die Kostensteigerungen stellt er klar: „Die kommunale Seite alleine wird das nicht leisten können.“
Wir kämpfen, und wir werden eine Lösung finden
„Wir kämpfen, und wir werden eine Lösung finden“, sagt Doris Wendt, Grünen-Politikerin, Aufsichtsratsmitglied und Vorsitzende des tfn-Freundeskreises. Auch Intendant Graf gibt sich betont optimistisch: „Ich habe keine schlaflosen Nächte, weil wir mit allen Beteiligten in guten Gesprächen sind.“ Es gehöre zu seinem Job, „dass man Schwebezustände aushalten muss.“
Im Übrigen unterstütze er die Tariferhöhungen bei den Künstlerinnen und Künstlern, die für das Loch in der Theaterkasse mit verantwortlich sind: „Das waren zum Teil prekäre Verhältnisse.“ Die Anpassung an ein faires Niveau sei dringend nötig gewesen.

