Hildesheim/Hannover - Auf den ersten Blick sieht der kleine Container aus wie ein harmloser alter Eimer mit Deckel. Doch Jörg Gustke legt erst einmal dicke, silberfarbene Schutzkleidung an, bevor er sich dem Behälter überhaupt nähert. Als er vorsichtig den Deckel öffnet, wird klar, warum. Drinnen glüht flüssiges Aluminium, kräftige Wärme verbreitet sich umgehend. „Das sind 800 Grad“, sagt Gustke. Es ist unter rund 800 Ständen des Technik-Festivals auf dem Messegelände wohl der heißeste.
Hier entstehen neue Kooperationen, von denen wir alle profitieren.
Seit Samstag läuft die IdeenExpo. Am Wochenende waren vor allem Familien in den vier großen Hallen unterwegs, seit Montag sind es in erster Linie Schulklassen, aber insbesondere nachmittags auch weiterhin viele Eltern mit Kindern sowie Jugendliche. Sie reisen teilweise aus ganz Deutschland an, um anzuschauen und auszuprobieren, was Technik alles kann und möglich macht. Das Ziel: Schülerinnen und Schüler für technische Berufe und Studiengänge zu begeistern.
Plötzlich weit oben
Das erste Highlight wartet gleich hinter dem Haupteingang an der Tür von Halle 9. Dort hat die Universität Göttingen eine hölzerne Schaukel aufgebaut. Wer schaukeln will, bekommt eine Virtual-Reality-Brille aufgesetzt – und je länger und stärker er schaukelt, desto höher fliegt er in der virtuellen Realität. Sieht Häuser, Bäume und schließlich die Wolken von oben, gelangt gefühlt bis ins Weltall – eine erstaunliche Erfahrung und eine gefragte Attraktion, an der sich immer wieder längere Schlangen bilden.
Im „Hildesheimer Ideenwald“
Wer von dort geradeaus zur Rückseite der Halle geht, läuft geradewegs auf den „Hildesheimer Ideenwald“ zu. Erstmals haben sich ganz unterschiedliche Firmen und Institutionen aus Stadt und Landkreis zusammengetan. „Bundesweit vorbildlich“, nennen die Veranstalter dieses Hildesheimer Konzept. Hier wartet auch Jörg Gustke mit seinem flüssigen Aluminium.
Gustke ist Ausbildungsleiter beim Gießerei-Unternehmen KSM Castings, das mit Partnern eine Lehrwerkstatt auf der IdeenExpo aufgebaut hat. Selbst gießen dürfen Besucher zwar nicht, aber den Guss mit Sand und Formen vorbereiten. Besonders beliebtes Motiv: zwei Blätter aus Aluminium. Eins davon darf man mit nach Hause nehmen, das andere landet an den Zweigen eines metallenen Baums, der das Zentrum des „Ideenwaldes“ bildet.
Ein „Baum“ für Hildesheim
Der Baum ist ein Gemeinschaftswerk der Firmen KSM Castings, Helo Sports und Waggonbau Graaff. Er soll nach der IdeenExpo an verschiedenen Orten in Hildesheim öffentlich gezeigt werden – und ist für Gustke ein Symbol dessen, was der „Ideenwald“ jenseits der Messe schon jetzt gebracht hat: „Es gibt jetzt einen viel engeren Austausch zwischen den Betrieben gerade im Bereich Ausbildung, da profitieren wir alle davon, nicht zuletzt die Azubis!“
Groß ist der Andrang auch bei der Firma Kühn Sicherheitstechnik. Das Hildesheimer Unternehmen bittet zum Tresorknacken. Wer will, bekommt erklärt, wie ein dreirädriges Schloss funktioniert und welche Position der drei Scheiben er erreichen muss, damit die Tür aufgeht und er einen Gewinn mitnehmen kann. Allerdings haben angehende Meisterdiebe nur eine Minute Zeit. Wie viele Unternehmen auf der IdeenExpo gewinnt Kühn mit seinem spielerischen Ansatz ein großes Publikum.
Es ist schon unglaublich was los!
Ebenfalls im Ideenwald zu Hause ist die Realschule Himmelsthür. Schülerinnen und Schüler aus dem Technikprofil der neunten Klasse präsentieren eine gemeinsam mit der Firma Helo Sports konzipierte Solarbank, an der bis zu vier Nutzer gleichzeitig nicht nur entspannen, sondern dabei auch ihre Handys aufladen können. Es gibt inzwischen Pläne, mit dem Produkt über eine Schülerfirma in Serie zu gehen. Gleich nebenan hat der Alfelder Automobil-Zulieferer Innotape ebenfalls viel Zulauf – mit einem ferngesteuerten Auto, das möglichst schnell eine Runde fahren soll. Viele Schulklassen liefern sich dabei regelrechte Wettbewerbe. „Es ist schon unglaublich was los“, freut sich Personalchefin Anuschka Weiser, die auch den „Ideenwald“ mit konzipiert hat.
3-G-Simulator für Mutige
Der Weg zum nächsten Hildesheimer Unternehmen führt dann an einer weiteren Hauptattraktion der IdeenExpo vorbei – dem 3-G-Simulator der Metall- und Elektroindustrie. Mutige können sich dort festschnallen und gefühlt in allen Richtungen gleichzeitig herumwirbeln lassen – und erahnen, welche Kräfte auf Astronauten im Weltall wirken. Mancher Besucher kann davon kaum genug bekommen, andere bitten nach zehn Sekunden, wieder aussteigen zu dürfen – aber immer warten Interessierte geduldig in einer ziemlich langen Schlange. Mitunter kommt zum Zeitvertreib ein Roboterhund vorbeigewackelt.
An der nächsten Ecke, in bester Lage an der Kreuzung zweier Hauptwege durch die Halle, wird eine Ausbildung zum Mechatroniker im wahrsten Sinne des Wortes greifbar. Hier hat das Alfelder Brandschutz-Unternehmen Fagus GreCon – dank des Zertifikats Top-Ausbildung von der IHK eingeladen – seinen Stand aufgebaut. Wer will, kann einen Roboter-Greifarm per Fernsteuerung bedienen und sich mit etwas Geschick kleine Geschenke aus einer Box fischen. „Da ist alles drin, was diese Ausbildung beinhaltet“, schwärmt Torge Schmidt, bei Fagus GreCon Azubi im zweiten Lehrjahr, von dem Exponat der Firma: „Metall- und Elektrotechnik, Informatik, Steuerungstechnik ...“ Ausbilder Hendrik Howind macht den Hintergrund deutlich: „Wir haben uns gefragt: Wie zeigt man eigentlich, was ein Mechatroniker macht?“
Einmal Herzchirurg spielen
Was ein Herzchirurg macht, können Interessierte unterdessen am Stand des Sarstedter Medizintechnik-Unternehmens MeKo in Halle 8 ausprobieren. Die Firma stellt Stents her, winzige Spiralprothesen aus dünnstem Metall, die eingesetzt werden, um zu verhindern, dass Blut- oder Herzkranzgefäße verschließen. Bei MeKo dürfen Besucher versuchen, an einem Modell einen Stent mithilfe eines dünnen Drahtes durch ein verzweigtes Netz von Blutbahnen ins Ziel zu bringen. Da ist Geduld und Geschick gefragt – ebenso bei der Mikroskop-Challenge, bei der die Qualitätskontrolle des im Nanometer-Bereich präzise arbeitenden Unternehmens nachempfunden werden kann.
Nach so viel Konzentration tut etwas frische Luft gut. Vor einer weiteren Tür von Halle 9 wartet gleich die nächste Hildesheimer Firma: Willie Hennies Recycling präsentiert nicht nur eine Kiste mit Metallschrott und der nachdenklich stimmenden Aufschrift „Ich war ein Auto“, sondern bietet auch passend zur Fußball-EM ein Torwandschießen an. Für jeden Treffer spendet das Unternehmen für einen guten Zweck. Und wirbt zugleich für vielfältige berufliche Möglichkeiten im Recycling-Bereich. Wer mag, darf auch in eine Baggerkabine steigen.
Wenige Meter weiter präsentiert die Alfelder Papierfabrik Sappi Geschichte und Gegenwart der Papierherstellung. Draußen zeigen Azubis, wie mühsam einst Papier hergestellt wurde, mit „Gautschtisch“ und einer vollen Körpereinsatz verlangenden Presse. Nebenan unterm Dach läuft eine modernere Papiermaschine, die vollautomatisch läuft.
HAWK mit breitem Angebot
„Doch was von alledem ist nun das Richtige?“, dürften sich viele Besucher nach einem solchen Rundgang immer noch fragen. Hilfe bei der Suche nach Antworten gibt es bei der Hildesheimer Hochschule HAWK. Die Fakultät Soziale Arbeit hat das interaktive Projekt „Hands on“ mitgebracht, bei dem Nutzer herausfinden können, was ihnen für ihr Leben und ihren möglichen Beruf besonders wichtig ist. Und wer jetzt immer noch an die Schaukel am Anfang denkt: Eine Virtual-Reality-Brille gibt es bei der HAWK auch!
Die IdeenExpo ist noch bis Sonntag täglich von 9 bis 18 uhr geöffnet. Der Eintritt ist frei.










