Hildesheim - Heute wollen wir uns an dieser Stelle mal über Menschen aufregen, die sich darüber aufregen, dass sich andere aufregen. Klingt zu kompliziert? Ist es gar nicht. Lassen Sie uns die Sache einfach an einem Beispiel diskutieren: der Schnee am vergangenen Wochenende. Wir erinnern uns an viele Flocken, wenig Schule, kaum ÖPNV, glückliche Kinder und jede Menge Sonnenschein. Und doch reichte die eben beschriebene, eigentlich entspannte Lage aus, die Hildesheimer Aufregungsspirale ordentlich in Schwung zu bringen. Munter voran all jene, die sich lautstark wunderten, warum wegen so ein paar Schneeflocken gleich alle hysterisch werden. Gab’s sogar unter Redakteuren! Die Gruppe, nennen wir sie der Unterscheidbarkeit halber einfach die „alten weißen Schneemänner“, pflegt ihre Sätze stets mit dem Wort „früher“ einzuleiten und kommt immer zum Schluss, dass einst alles besser, entspannter und einfacher, die Jugend weniger wehleidig und Anspruchsdenken noch gar nicht erfunden war. Das klingt in der Regel so: „Früher mussten wir 20 Kilometer zu Fuß zur Schule gehen, in kurzen Hosen, und wir hatten nur EINEN Bleistift, und wenn wir Hunger hatten, dann aßen wir den auf, ohne Butter! Und trotzdem waren wir froh!“
Königsdisziplin: Sich über Empörte zu empören
Warum Frauen so was nur selten schreiben oder sagen – ich weiß es nicht. Gern wüsste ich auch, wer aus Sicht der alten weißen Schneemänner diesmal in Winterhysterie verfallen ist. Ich habe niemanden getroffen – nur Menschen, die sich auf den Schnee eingestellt und oft sogar darüber gefreut haben. Aber auch das zeichnet die Empörungsspirale aus: Sie empört sich, ob sie nun einen Grund hat oder nicht. Und hier kommen Sie ins Spiel, liebe Leserinnen und Leser. Wenn Sie sich über diesen Text ärgern, dann regen Sie sich über einen Kolumnisten auf, der sich darüber aufregt, dass sich Menschen darüber aufregen, dass sich andere aufregen. Ich sage Ihnen: Früher gab’s so was Durchgedrehtes nicht!
