Stadtführung

Hildesheim mal ganz anders gesehen: Obdachlose und Bedürftige führen durch die Stadt

Hildesheim - Eigentlich erzählen Stadtführer von Sehenswürdigkeiten. Doch die Vinzenzpforte bietet Rundgänge an, auf denen es um das Schlafen auf Parkbänken geht und um Anlaufstationen für ein warmes Mittagessen. Geführt und erzählt von Menschen, die selbst Bedürftigkeit erfahren haben.

Bei den Streetsmart-Führungen lotsen Bedürftige und Obdachlose durch Hildesheim. Foto: Kathi Flau

Hildesheim - Wer auf den Straßen einer Stadt lebt, wer in ihr kein Zuhause hat, der geht mit einem anderen Blick hindurch. So geht es in Hildesheim nicht wenigen Menschen. Zwei, die diese Perspektive gut kennen, sind Udo und Claude. Udo ist Bürgergeldempfänger und akut von Wohnungslosigkeit bedroht. Claude ist Sozialarbeiter in der Vinzenzpforte und hat als Projektverantwortlicher in den vergangenen Monaten mit vielen obdachlosen und wohnungslosen Menschen die Sozialen Stadtführungen erarbeitet.

Die beiden führen nun Hildesheimerinnen und Hildesheimer durch ihre eigene Stadt – und an Orte, von denen sie oft gar nicht wussten, dass sie existieren oder welche Bedeutung sie haben. Zu den Schlafplätzen Obdachloser. Zu den Orten kostenloser Essensangebote. Dahin, wo es eine Dusche gibt oder einen Spritzenautomaten.

Wer zum Beispiel hätte gewusst, dass der Marienfriedhof auch deshalb so oft von Wohnungslosen aufgesucht wird, weil es hier allerorten kleine Verstecke gibt. Hinter Büschen, Bäumen, den uralten Grabmälern. Privatsphäre ist nämlich eines der größten Probleme derer, die ohne Zuhause sind, erzählt Claude: „Bist du zum Beispiel in einer Notunterkunft, teilst du dir einen Raum mit allen, die zufällig auch gerade dort sind. Der eine vielleicht auf kaltem Entzug, der Nächste auf der Suche nach dem nächsten Schuss, und ein Dritter, der einen psychotischen Schub hat.“ Da sei ein Rückzug unmöglich, deshalb sei vielen Obdachlosen auch eine Parkbank lieber als eine solche Unterkunft.

Einrichtungen in der Innenstadt

Die gibt es – Claude und Udo zeigen es von der Ohlendorfer Brücke aus – in Hildesheim zum Beispiel im Langen Garten. Nicht weit davon entfernt befindet sich der Gute Hirte, wo man für 50 Cent ein warmes Mittagessen bekommen kann. „Nachschlag gibt’s sogar auch“, sagt Udo. Und: Der Gute Hirte kocht nicht nur für seine eigenen Gäste, sondern auch für die der Vinzenzpforte. Das Sozialcafé im Mutterhaus der Vinzentinerinnen ist ebenfalls eine Anlaufstelle für Bedürftige und die letzte Station dieser besonderen Stadtführung. Und der Ort, an dem die Idee dazu entstanden ist.

Die hatte im vergangenen Jahr Jeanne Golla, die damalige Leiterin der Vinzenzpforte, als sie selbst in Hannover so einen sozialen Stadtrundgang mitmachte, geführt von einem Mann, der selbst erfahren hatte, was ein Leben auf der Straße bedeutet. „Da waren vor allem Jugendliche dabei, und die hatten gar keine Berührungsängste, was Obdachlosigkeit und Armut betrifft“, sagt sie. Das fand sie so spannend, dass sie beschloss, das Konzept nach Hildesheim zu bringen. Denn um den Dialog und das Verständnis für die Situation von Obdachlosen geht es ja auch hier. „Unser Schwerpunkt in der Vinzenzpforte liegt darauf, Menschen an einen Tisch zu bringen“, so Golla. „Unsere Gäste sind im Wesentlichen bedürftige Menschen.“

„Die Nachfrage ist zumindest jetzt am Anfang groß“

Was sie angeschoben hat, setzt ihre Nachfolgerin Marie Hilgenfeld mit ihrem Team nun um. Und siehe da: Viele Menschen wollen gern an einer sozialen Stadtführung teilnehmen. „Die Nachfrage ist zumindest jetzt am Anfang groß“, sagt auch Maximilian Balzer, Pressesprecher der Kongregation der Barmherzigen Schwestern. „Mal sehen, wie es weitergeht.“

Weiter geht es auf jeden Fall mit weiteren Terminen, die die Vinzenzpforte für die Stadtführung anbietet. Und die die Malteser mit einer KulTour(en)-Rikscha unterstützen, die immobile oder eingeschränkte Interessierte zu den jeweiligen Haltepunkten der Stadtführung fährt. „Das geht sehr gut“, sagt Tinka Dittrich, die an diesem Tag persönlich als Fahrerin zur Verfügung steht, „und soweit ich es bislang erprobt habe, kommt man auch durch alle Straßen der Stadt samt Baustellen ganz gut damit durch.“

Ab Oktober jeden zweiten Donnerstag im Monat

Die Sozialen Stadtführungen durch Hildesheim finden ab Oktober jeweils am zweiten Donnerstag des Monats ab 15 Uhr sowie für Gruppen auf Anfrage statt. Startpunkt ist der Ottoplatz in Hildesheim. Eine Führung dauert etwa anderthalb Stunden. Das Angebot ist kostenlos, über Spenden freut sich die Vinzenzpforte. Eine Anmeldung ist erforderlich, telefonisch unter 05121-109875 oder per Mail an sozialestadtfuehrung@vinzenzpforte.de. Mobilitätseingeschränkte Menschen können zudem einen Platz in der Rikscha anfragen, telefonisch unter 05121-6069873 oder per Mail: kultouren-hildesheim@malteser.org. Auch dieses Angebot kostenlos.

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