Hildesheim - Die Stadt macht ernst mit ihren Bemühungen, den Durchgangsverkehr aus der Innenstadt fernzuhalten: An vier markanten Kreuzungen sollen die Ampeln bis Ende dieses Jahres so geschaltet sein, dass alle Autofahrer ohne Ziel im Zentrum um dieses freiwillig einen Bogen machen und statt dessen auf Hauptverkehrsstraßen am Rand der City ausweichen. Die Entscheidung über das Vorhaben obliegt der Politik, nächsten Mittwoch befasst sich der Ausschuss für Stadtentwicklung damit. Im Finanzausschuss jüngst äußerte die CDU bereits Vorbehalte.
Der Grundsatzbeschluss des Hildesheimer Rates ist 13 Jahre alt
Basis für den Kurs der Verwaltung ist das Verkehrskonzept, das der Rat vor nunmehr 13 Jahren beschlossen hat. Das Papier zielt im Kern darauf ab, den Durchgangsverkehr um die Innenstadt herumzuführen; diese soll damit für Fußgänger, Radfahrer und Busfahrgäste attraktiver werden. Doch warum sollten die Autofahrer eigentlich darauf verzichten, durch das Zentrum zu fahren? Weil es für sie bequemer ist, andere Strecken zu nutzen.
Um das zu erreichen, will die Stadt die Ampeln an vier Kreuzungen anders takten. Konkret geht es um die Knotenpunkte Schützenwiese/Dammstraße, Schützenallee/Kardinal-Bertram-Straße/Marien-Wagenknecht-Straße/Kaiserstraße, den Hindenburgplatz und die Ecke Hohnsen/Struckmannstraße.
Überall dort sollen jene Fahrer, die durch die Innenstadt wollen, länger warten müssen als bisher. So lange, dass sie lieber andere Wege wählen, zum Beispiel am Hohnsen in die Struckmannstraße abbiegen und dann die Senator-Braun-Allee nutzen. Über den nördlichen Hohnsen-Abschnitt würde so deutlich weniger Verkehr fließen. Auch für die Kardinal-Bertram-Straße, die Schuhstraße, die Wollenweberstraße und die Dammstraße geht die Verwaltung von einer Entlastung von bis zu 30 Prozent aus.
Auch etliche Fahrspuren sollen anders aufgeteilt werden
Mit der anderen Ampelschaltung soll zudem teilweise eine neue Fahrbahnaufteilung einhergehen: So sollen am PvH alle vier Straßen, die auf den Platz zuführen, eigene Busspuren bis zur Kreuzung erhalten – wobei auf diesen voraussichtlich auch Radfahrer unterwegs sein dürfen. Der Rechtsabbieger von der B1 in die Kardinal-Bertram-Straße bekommt eine Ampel, derzeit haben Autos dort jederzeit freie Fahrt. Auch in der Marie-Wagenknecht-Straße ist eine Busspur vorgesehen, der bisherige eigene Rechtsabbieger für Autos fällt weg und wird mit der Geradeausspur zusammengelegt. Die Verwaltung beziffert die Kosten auf 405 000 Euro, das Land übernimmt 370 000 Euro und damit 90 Prozent. Dafür muss das Konzept allerdings bis zum Jahresende umgesetzt sein, die nötigen Arbeiten will die Stadt laut Sitzungsvorlage im Herbst erledigen lassen.
CDU-Politiker sorgt sich wegen der vielen Baustellen in Hildesheim
Beim Finanzausschussvorsitzenden Frank Wodsack kam diese Zeitplanung schlecht an: Erst müssten alle Baustellen in der Innenstadt erledigt sein, forderte der CDU-Politiker – der Verkehr stocke dadurch bereits jetzt. Wodsack äußerte zudem Zweifel, ob der Verkehrsfluss an den vier Kreuzungen und auf den Hauptverkehrsstraßen, die als Ausweichrouten dienen sollen, nach den Veränderungen noch gewährleistet sei. Das ist er nach Ansicht der Verwaltung: Tiefbau-Fachbereichschef Kai-Uwe Hauck verwies im Finanzausschuss auf entsprechenden Berechnungen.
Das 2010 beschlossene Verkehrskonzept sah insgesamt 35 Maßnahmen vor. Davon sind nach Angaben der Verwaltung 17 umgesetzt, weitere 16 würden gerade verwirklicht oder seien zum Teil umgesetzt, zwei seien noch offen. Der Stadtentwicklungsausschuss befasst sich am Mittwoch mit der Liste und dem weiteren Vorgehen.
Pro: Gut durchdacht
Die Idee, den Durchgangsverkehr um die City herumzuleiten, war schon 2010 richtig. Sie ist es jetzt erst recht. Es geht nicht darum, alle Autos aus der Innenstadt fernzuhalten. Aber jene, die kleinere Straßen belasten und die Luftqualität in Wohnvierteln wie der Neustadt mindern, obwohl die Fahrer dort gar nicht hin müssen, solche Routen aber aus Gewohnheit nutzen. Wenn diese Gruppe einen Bogen um die City macht, ist mehr Platz für alle anderen, deren Ziele wirklich im Stadtkern liegen. Und auch Fußgänger, Radfahrer und Busse gewinnen.
Kontra: Wieder mal Murks
Der mehr als zehn Jahre alte Ampel-Plan ist typisch für die vermurkste Hildesheimer Verkehrspolitik. Denn die langen Rotphasen werden eben nicht nur den Durchgangsverkehr treffen – sondern alle. Also auch die, die zum Arbeiten oder Einkaufen in die City wollen oder sogar müssen. Man könnte ja sogar darüber reden, das Autofahren dort unattraktiver zu machen, wenn Radwege und Qualität des ÖPNV gleichzeitig massiv ausgebaut würden. Davon ist bislang aber nur wenig bis nichts zu spüren. Verkehrswende durch Ampel-Frust? Armes Hildesheim.


