Hildesheim - Lange Brombeerranken hängen wie Tentakel vor der Betonwand mit den bunten Graffiti am Klingeltunnel. Brombeersträucher sind es auch, die auf den Verbindungsweg von Telemannstraße zur Schneckenbrücke auswuchern. Im Marienfriedhof sind es vor allem Brennnesseln, die auf den Gehweg drängen, Brennnesseln bedrohen auch alle Unachtsamen, die dieser Tage in kurzen Hosen oder Röcken den Schleichweg zwischen Arbeitsagentur und Kennedy-Damm benutzen. Und das sind nur ein paar Beispiele. Die Natur erobert gerade überall in Hildesheim urbanisierte Räume zurück, oder kurz gesagt: Die Stadt wuchert zu.
Unterdessen kommen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Bereichs Grünflächenpflege kaum noch dagegen an, wie die Verwaltung auf HAZ-Nachfrage einräumt. Grund dafür sei eine „Vegetation fördernde Witterung“, sagt Stadtsprecher Helge Miethe. Unbürokratisch ausgedrückt könnte man sagen: Es ist so warm und regnet so viel, dass die Pflanzen wachsen wie verrückt. Der Deutsche Wetterdienst (DWD) spricht für den Zeitraum Juli 2023 bis Juni 2024 von einem Regenrekord, jedoch ohne dass ein einzelner Monat davon Rekordniederschläge aufwies, wie Sprecher Andreas Walter betont.
Ein Grund sind sehr warme Meere
Ursächlich für die großen Regenmengen seien sowohl thermische als auch dynamische Entwicklungen. „Der Atlantik ist auf einem Temperaturniveau wie wir es seit Ewigkeiten nicht mehr gesehen haben.“ Auch im Pazifik hätten der Ausbruch des Unterwasservulkans Hunga Tonga im Jahr 2022 und zuletzt ein starkes El-Niño-Ereignis zur einer erhöhten Oberflächen-Temperatur geführt. Weil aufgrund des Klimawandels die Temperaturen steigen, könne die Atmosphäre mehr Wasserdampf aufnehmen, sagt Walter weiter. Ein andauerndes Hochdruckgebiet über Süd-Ost-Europa, das von Tiefdruckgebieten flankiert werde, führe dort zu Trockenheit und Hitze und hier zu dem nassen Sommer, der die Flora so sehr nährt. Die gesamte Flora?
„Es sind auch Stauden über den Winter gestorben, die eigentlich eher trockene Standorte brauchen“, sagt Gartenbau-Diplomingenieur Thorsten Graf. „Jetzt profitieren Pflanzen, die etwas mehr Wasser brauchen“, sagt der Geschäftsführer der Hildesheimer Firma Gartenkonzept weiter. Die Tiefdruckgebiete und der viele Regen seien im Grunde erfreulich, weil sich die Natur nach sehr trockenen Jahren nun wieder erholen könne. „Mehr Pflanzen bedeuten mehr Insekten.“ Auch Schnecken würden sich über die Feuchtigkeit freuen. „Und dann vermehren sich hoffentlich auch die Igel wieder, die gerne Schnecken fressen.“ Für seine Arbeit bedeute das feuchte Wetter, dass sich aktuell viele Kunden bei ihm melden, sagt Graf. „Wir haben ein besonders feuchtes Jahr, da braucht man für den starken Zuwachs auch mehr Manpower.“
So viele Beschäftigte pflegen die Hildesheimer Grünflächen
Das gilt auch für die Stadt. Insgesamt 36 Beschäftigte widmen sich im Augenblick der Pflege von städtischen Rasen- und Wiesenflächen sowie der Gehölz- und Baumpflege in Hildesheim – bei Vollbesetzung wohlgemerkt, also wenn niemand gerade krank oder im Urlaub ist. „Für die Wildkrautbekämpfung fehlen in der Regel das Personal und die Zeit“, räumt Stadtsprecher Miethe ein. Dabei wurden erst kürzlich drei neue Stellen geschaffen. Angesichts der rund 1162 Hektar Wald, Grün- und Friedhofsflächen, um die sich die Stadt kümmern muss, überrascht die Überforderung dann aber kaum noch. Immerhin entspricht das in etwa der Fläche von 830 durchschnittlichen Fußballfeldern. Auf einen Mitarbeiter kommen damit 23 Fußballfelder Stadtgrün. Die Fläche war früher mal kleiner. Die Erschließung neuer Gewerbe- und Wohngebiete habe den Aufgabenbereich des Bauhofs vergrößert, sagt Miethe. Die Personaldecke sei jedoch gleichgeblieben. „Dazu kommt noch, dass die Mitarbeitenden heute leider viel mehr als früher damit beschäftigt sind, Grünanlagen von Müll zu befreien.“ Der zunehmende Müllvandalismus sorge dafür, dass viel Zeit, die eigentlich für die Grünpflege genutzt werden könnte, verloren gehe, unterstreicht Miethe.
Die Grünpfleger müssen ihre Prioritäten daher genau abwägen. „Vorrang haben Bereiche, wo die Verkehrssicherheit gefährdet ist“, erklärt Stadtsprecher Miethe. Falls ein Hildesheimer Bürger übrigens selbst die Gartenschere in die Hand nehmen will, um überwuchernde Gewächse im öffentlichen Raum zurückzuschneiden, ist das laut Verwaltung nur erlaubt, wenn er eine Patenschaft für diesen Bereich übernimmt.
Mehr Kompost als im Vorjahr
Das erhöhte Pflanzenwachstum wird auch andernorts in Hildesheim registriert: „Im Vergleich zu den Vorjahren, die teilweise sehr trocken waren, ist die Menge an Grünschnitt gestiegen“, sagt Hartmut Winck, Geschäftsführer der Bioenergiezentrum Hildesheim GmbH, die das Kompostwerk an der Ruscheplatenstraße 25 betreibt. Mit Blick auf die vergangenen 30 Jahre liege das derzeitige Aufkommen aber noch im Mittel, sagt Winck weiter. „Die Bioabfallmenge ist relativ konstant. Es geht hauptsächlich um den Grünschnitt, der mehr kommt.“ Im vorigen Jahr habe das Kompostwerk 34.000 Tonnen entgegengenommen, davon seien 23.000 Tonnen Bioabfälle und 11.000 Tonnen Grünschnitt gewesen. „Wir gehen davon aus, dass es in diesem Jahr mehr wird.“
Vom 7. Oktober bis zum 9. November nimmt das Kompostwerk wieder bis zu drei Kubikmeter Baum- und Strauchschnitt kostenlos entgegen. Termine zur Abholung im Landkreis sind hier einsehbar. „Wenn Sie darüber hinaus noch etwas abgeben wollen, kosten 500 Liter Selbstanlieferung 20 Euro“, sagt Winck. Der Tonnenpreis liegt bei 98 Euro. Das Kompostwerk hat Montag bis Mittwoch und Freitag von 7.30 bis 16 Uhr, Donnerstag von 7.30 bis 18 Uhr und Samstag von 8 bis 12 Uhr geöffnet.




