Helios Klinikum

Hildesheimer Ärzte nähen Hand eines Mannes an seiner Leiste an – und retten sie so vor der Amputation

Hildesheim - Es fing mit einem Sturz und einer anscheinend harmlosen Prellung an. Doch daraus entwickelte sich eine gefährliche Komplikation: Wie Hildesheimer Ärzte mit einer ungewöhnlichen Therapie die Hand eines 53-Jährigen retteten.

Oberarzt Dr. Rameez Razzaq (links) und Chefarzt Nikolaus Unbehaun begutachten die Hand von Friedhelm Bühmann. Foto: Marc Pingel

Hildesheim - Chirurgen des Hildesheimer Helios Klinikums haben die rechte Hand eines 53-Jährigen aus Salzgitter gerettet, indem sie das Körperteil nach zwei Operationen für drei Wochen an der Leiste des Mannes festnähten. Sonst hätte die Hand wohl amputiert werden müssen. Das ungewöhnliche Verfahren war wegen einer sehr seltenen, gefährlichen Weichteilinfektion der einzige Ausweg – und erfolgreich. Die Leidensgeschichte von Friedhelm Bühmann begann bereits vor mehr als einem halben Jahr. Jetzt war er wieder zu einer Nachbehandlung im Klinikum. Die Hand kann er schon zu einem großen Teil wieder benutzen, als Lagerist ist er beruflich auch auf sie angewiesen.

Aber, der Reihe nach: Es fängt im Grunde mit einem grippalen Infekt an. Bühmann fühlt sich schlecht, der Hausarzt schreibt ihn krank. Ein paar Tage später erleidet er einen Schwächeanfall, wird ohnmächtig, stürzt. Dabei muss er sich eine Prellung an der Hand zugezogen haben. Die schwillt innerhalb weniger Tage immer stärker an, schmerzt immer schlimmer. An einem Samstag Anfang März fährt er deswegen zur Notaufnahme des Helios Klinikums. „Mir war der Ernst der Lage überhaupt nicht klar“, sagt er heute rückblickend.

Streptokokken fressen sich durch das Bindegewebe

Den Ärzten schon. In der Hand sind die Haut und die darunter liegenden Weichteile schwer entzündet – durch eine Infektion mit einer Streptokokken-Variante, einer aggressiven Bakterienart. Die entwickelt Toxine, also Giftstoffe, die sich plötzlich und rasch durch die Faszien fressen, das Bindegewebe. Immer mehr davon stirbt ab, immer schneller. Die nekrotisierende Fasziitis, so der Fachbegriff, muss unbedingt schnell gestoppt werden – sonst ist die Hand nicht zu retten. Nur: Wie konnte sich eine so dramatische Komplikation nach einer Prellung entwickeln? „Auslöser waren Mirkotraumata, die sich der Patient bei dem Sturz zugezogen hat“, erklärt Nikolaus Unbehaun, Chefarzt der Klinik für Plastische, Ästhetische und Handchirurgie. Sein Team operiert den 53-Jährigen noch am selben Tag, innerhalb von 48 Stunden folgt ein zweiter Eingriff. Gleichzeitig erhält Bühmann Antibiotika, um die Infektion aufzuhalten.

Eine Herausforderung ist dann der Wiederaufbau der Hand: Das abgestorbene, entfernte Gewebe soll durch einen transplantierten Hautlappen aus dem Bereich der Leiste ersetzt werden. Um sicherzustellen, dass er auch gut durchblutet wird, greifen die Ärzte zu dem Trick mit dem Annähen: Die Hand wird einfach mit dem Blutfluss in der Leiste verbunden. Er wird dann für immer längere Phasen bewusst unterbrochen. Erst für wenige Minuten, im Verlauf der Behandlung bis zu zwei Stunden. „So werden neue Gefäße in dem Hautlappen gebildet und er lernt, sich selbst zu versorgen“, erläutert der Leitende Oberarzt Dr. Rameez Razzaq den medizinischen Hintergrund und betont: Hätte Bühmann nicht so viel Selbstdisziplin an den Tag gelegt und gut mitgearbeitet, hätte sich die Hand wohl nicht so gut entwickelt. „Ich durfte drei Wochen lang fast nur liegen“, berichtet der Patient, „und das Zimmer durfte ich wegen der Infektionsgefahr nicht verlassen.“ Nach der Akutbehandlung folgen intensive Physio- und Ergotherapie.

Überschüssige Haut aus dem Lappen entfernt

Der Einsatz aller Beteiligten hat sich anscheinend gelohnt. Der Daumen ist schon wieder voll funktionsfähig, der Rest der Hand auf einem guten Weg. Nun war der 53-Jährige im Klinikum, um erstmals überschüssige Haut des transplantierten Lappens entfernen zu lassen – damit die Hand auch wieder natürlicher aussieht. Immerhin konnte er beim jüngsten Klinikbesuch auch schon wieder ein Formular mit der kranken Hand unterschreiben. Ansonsten bewegt er sich viel, fährt oft Fahrrad – und kurbelt damit die Durchblutung an. Offenbar auch in der Hand. „Sie wird dadurch weicher“, erzählt er und freut sich schon auf die nächsten Fortschritte.

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