Hildesheim - Die Impfkampagne gegen das Coronavirus verfolgt Dr. Martina Wenker, Präsidentin der Ärztekammer Niedersachsen, aus erster Hand: Sie ist regelmäßig selbst in den Impfzentren in Hildesheim und Alfeld als Impfärztin im Einsatz. Und bezieht im HAZ-Interview klar Position zu Fragen der Priorisierung, der Impfung von Kindern und Jugendlichen – und auch zur Zukunft der Maske im Alltag.
Frau Dr. Wenker, Sie fordern eine eigene Impf-Priorität für junge Eltern. Dabei sind derzeit selbst viele über 60-Jährige, teilweise sogar über 70-Jährige noch nicht drangekommen. Warum nun dieser Vorstoß?
Vorweg: Die Impf-Priorisierung nach Alter seit Jahresbeginn war goldrichtig. Wir haben viele Hochbetagte, Senioren und andere gefährdete Gruppen schützen können. Trotz hoher Inzidenzen liegen kaum Ältere auf den Intensivstationen, die Zahl der Todesopfer ist deutlich zurückgegangen. Es war und ist richtig, vom Alter her nach unten durchzupriorisieren.
Dann müssten ja als nächstes die 50- bis 59-Jährigen kommen und nicht junge Eltern.
Nein. Diejenigen, die vom Alter her besonders gefährdet sind, sind berücksichtigt. Menschen mit relevanten Vorerkrankungen müssen auch weiter Priorität beim Impfen haben, doch darüber hinaus sind nun junge Familien an der Reihe. Ich wünsche mir für sie die Einführung einer vierten Prioritätsgruppe.
Was versprechen Sie sich davon?
Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene sind eine Gruppe, die von der Pandemie ebenfalls hart getroffen wurde, der ein wichtiges Jahr quasi genommen wurde bei Bildung und Entwicklung. Das darf so nicht weitergehen. Ich finde es ganz entscheidend, dass Kinder und Jugendliche im nächsten Schuljahr wieder verlässlich und durchgehend in die Kita oder in die Schule gehen können. Weil sie noch nicht selbst geimpft werden können, sollten wir einen Schutzwall um sie herum bauen. Erzieherinnen und Lehrkräfte wurden und werden ja schon geimpft, fehlen noch die Eltern. Dieser Schutzwall für die Jüngsten ist wichtiger als der Sommerurlaub auf Mallorca.
Viel spricht dafür, dass zumindest Zwölf- bis 15-Jährige auch bald geimpft werden können, vielleicht auch noch Jüngere.
Ich bin da lieber vorsichtig. Ich bin grundsätzlich absolut fürs Impfen, das hat uns unendlich vorangebracht. Aber gerade bei Kindern ist die Abwägung von Nutzen und Risiko besonders wichtig, da sollten wir uns für die nötigen Studien und Untersuchungen eher mehr Zeit nehmen.
Zeit, die man mit dem von Ihnen geforderten „Schutzwall“ gewinnen kann?
Genau. Der würde das Risiko senken. Es gäbe weniger Personen, bei denen Kinder sich anstecken können, und umgekehrt können sie das Virus kaum weitertragen. Wenn sie sich anstecken, ist die Risiko nach unseren bisherigen Erkenntnissen sehr gering – und die Anforderungen an den Nutzen wären dann noch höher.
Viele Eltern fürchten eine Impfpflicht durch die Hintertür. Ihre Sorge: Analog zur Masern-Impfung könnte die Corona-Impfung zur Bedingung für den Kita- und Schulbesuch werden. Halten Sie das für realistisch?
Diese Befürchtung teile ich nicht. Im Gegensatz zur Corona-Infektion, welche bei Kindern und Jugendlichen in der Regel harmlos verläuft, ist eine Masern-Infektion in der Regel durch schwere Krankheitsverläufe mit dem Risiko von erheblichen Spätfolgen gekennzeichnet. Auf der anderen Seite ist die Masernimpfung gut verträglich und kann sehr effektiv vor schwerer Erkrankung mit Folgeschäden schützen, so dass hier eine völlig andere Nutzen-Risiko-Abwägung zwischen Impfung und Erkrankung besteht.
Eine realistische Chance scheint Ihr Vorschlag der „vierten Priorität“ für junge Eltern aber nicht zu haben. Stattdessen will Gesundheitsminister Jens Spahn die Priorisierung zum 7. Juni aufheben, weil dann deutlich mehr Impfstoff zur Verfügung steht.
Ich halte das für falsch! Auf jeden Fall ist das zu früh. Viele Menschen, die aufgrund ihres Alters, ihres Berufs oder von Vorerkrankungen priorisiert sind, hatten noch keine Chance, sich impfen zu lassen ...
... einige Gruppen können sich überhaupt erst ab dem 31. Mai anmelden, und in den nächsten beiden Wochen ist der Impfstoff für Erstimpfungen sehr knapp ...
Eben. Politiker verkünden natürlich gern vermeintlich gute Nachrichten, zumal in Wahljahren. Aber das ist ein Fehler. Wenn die Priorisierung fällt, gilt in der Praxis in höherem Maße das Recht des Stärkeren. Wer kümmert sich wirklich, wer kennt alle Möglichkeiten? Da werden einige zurückfallen, die eigentlich eher dran wären. Wir haben so gute Erfahrungen mit der Priorisierung gemacht, die Aufhebung wäre schlicht kontraproduktiv. Und noch etwas stört mich am Vorgehen von Herrn Spahn gewaltig.
Was denn?
Die Verkürzung des Impf-Intervalls bei Astrazeneca! Das soll ja offenbar dazu dienen, mehr Menschen vor der Urlaubssaison den Status „voll geimpft“ zu ermöglichen. Aber dafür nimmt man einen geringere Schutzwirkung in Kauf. Die liegt bei Astrazeneca nach derzeitigen Erkenntnissen bei einer Zweitimpfung zwölf Wochen nach der Erstimpfung bei 81 Prozent, nach weniger als sechs Wochen sind es nur 55 Prozent. Der Minister agiert also wider besseres Wissen. Das suggeriert eine falsche Sicherheit und birgt die Gefahr einer vierten Welle in sich.
Was raten Sie Patienten?
Lieber das längere Intervall wählen! Wir sind auf einem so guten Weg! Nur noch ein kleines bisschen Geduld! Und wie gesagt, die Sicherheit in Schulen und Kitas erscheint mir wichtiger als der Sommerurlaub. Zumal, wenn Menschen in Gebiete mit aggressiveren Virus-Varianten reisen. Das bereitet mir Sorge.
Bei Priorisierung und Impf-Intervallen sind nun vor allem die Haus- und Fachärzte verantwortlich. Ist das zumutbar?
Ja. Gerade die Hausärzte kennen ihre Patienten am besten und sind imstande, für sie sozusagen intern nach Gefährdung zu priorisieren. Wer dadurch später an die Reihe kommt, sollte das dann aber auch respektieren. Wir können nicht alle gleichzeitig impfen, auch wenn deutlich mehr Impfstoff kommt.
Die Vertreter der Ärzte-Verbände fordern seit längerem mehr Impfstoff. Zugleich beklagen viele Ärzte und ihre Mitarbeiterinnen in den Praxen schon jetzt, dass Organisation und Impfungen kaum noch zu leisten sind. Funktioniert das alles überhaupt wie geplant?
Im Schnitt können die Arztpraxen noch mehr impfen, letztlich ist die Situation aber für jede Praxis anders. Sicher ist, dass der organisatorische Aufwand enorm ist. Zugleich ist für mich wichtig, dass wirklich alle Optionen genutzt werden. Haus- und Fachärzte, Betriebsärzte, Privatärzte, Impfzentren...
... auch Krankenhäuser? Die Hildesheimer Kliniken haben schon lange angeboten, sie könnten viele Impfungen übernehmen.
Das Land hat inzwischen einen Stufenplan veröffentlicht, welche Öffnungen bei welcher Inzidenz geplant sind. Finden Sie das richtig?
Auf jeden Fall. Das motiviert. Wir haben als Gesellschaft Ziele, auf die wir hinarbeiten können.
Vor allem aus Einzelhandel und Gastronomie auch in Hildesheim gab es zuletzt Kritik, dass die Maßnahmen ausschließlich an Inzidenzwerte gekoppelt sind, Faktoren wie Intensivbetten-Belegung oder Todesrate nicht berücksichtigt werden.
Das kann ich ein Stück weit verstehen. Es kann schon Sinn machen, solche Faktoren einzubeziehen. Andererseits haben wir auch gelernt: Sinkende Inzidenzen haben mit einiger Verzögerung auch sinkende Zahlen bei Intensivpatienten und Todesfällen zur Folge. Insofern sind sie schon nach wie vor ein guter Indikator.
Bei einer Inzidenz unter zehn würden nach dem Stufenplan alle Vorgaben fallen, auch die Maskenpflicht, die für viele Menschen notwendiges Übel ist und zugleich ein stets sichtbares Symbol der Pandemie. Glauben Sie, dass wir die Maske noch in diesem Jahr loswerden?
„Loswerden“ ist für mich nicht der richtige Begriff. Die Maske ist ja nicht nur negativ. Ich glaube, dass wir als Gesellschaft auch gelernt haben, welchen Wert Mund-Nasen-Schutz, Abstand und Hygiene über die Pandemie hinaus haben können. Die Grippesaison ist ja quasi ausgefallen, es gab viel weniger Erkältungen und auch Magen-Darm-Infekte. Die Schutzregeln helfen also auch gegen die Verbreitung anderer Infektionen.
Also Maske für immer?
So meine ich das nicht. Aber ich kann mir vorstellen, dass Menschen sie freiwillig tragen, wenn sie einen Schnupfen haben, um andere zu schützen, oder dass viele Leute sie in der Grippesaison weiter tragen, um sich selbst zu schützen. Das wäre dann eine positive Lehre aus der Corona-Pandemie.
