Hildesheim - Andreas Arlt ist ein Blueser, wie er im Buche steht. Mit der Hildesheimer Band B.B. & The Blues Shacks hat er schon Tausende von Konzerte gespielt und zahlreiche Alben veröffentlicht. Auch Stefan Brünig alias Steve Brian aus Burgstemmen ist erfolgreicher Musiker, allerdings in einem ganz anderen Genre: Er produziert vor allem Trance- und House-Tracks, tritt gelegentlich auch als DJ auf. Bei Spotify kommt er mit seinem eigenen Profil als Steve Brian und Beiträgen zu Stücken anderer Künstlerinnen und Künstler auf rund 150 Millionen Streams.
Herr Arlt, haben Sie schon mal auf einer Techno-Party die ganze Nacht durchgetanzt?
Andreas Arlt: Nein!
Stefan Brünig: Warum nicht?
Arlt: Das ist einfach nicht mein Fall. Die Musik hat mich gar nicht erreicht. Ich glaube auch, dass ich vielleicht schon zu alt bin, um überhaupt einzusteigen. Ich weiß jetzt nicht, wie der Altersdurchschnitt da ist.
Brünig: Boah, von Anfang 20 bis 60, 70? Kommt drauf an. Ich fahre ja auch immer noch zu Partys und bin jetzt fast 40. Zum Beispiel auf die ehemalige Loveparade in Berlin, die jetzt Rave the Planet heißt. Aber klar, man hat nicht mehr die Energie von früher. Alterstechnisch finde ich das in der Musik jedenfalls nicht relevant.
Arlt: Das, was ich so kenne, hat für mich keinen richtigen Herzschlag. Ich finde, da machen keine wirklichen Menschen Musik. Und für mich ist es relativ seelenlos, ehrlich gesagt. Ich habe keine Ahnung, wie so eine Musik produziert wird. Aber ich glaube nicht, dass da wirkliche Menschen zusammen Musik machen. Dazu muss ich auch sagen: Für mich ist sowieso die musikalische Entwicklung 1970 abgeschlossen. Bis dahin war alles gesagt.
Brünig: Meinst du die Synthesizer-Geschichte?
Arlt: Nein, überhaupt die Musik. Die Entwicklung war 1970 abgeschlossen. Danach hat man nur noch immer wieder versucht, verzweifelt irgendwas Neues zu machen. Disco zum Beispiel ist für mich nur eine Nachfolge vom Soul, der dann einfach mit anderen Sounds produziert wird. Ich glaube, jede Musik hat irgendwie Blues oder irgendwie Jazz in den Wurzeln. Und das fehlt mir beim Techno total.
Brünig: Also seelenlos oder kein richtiges Zusammenkommen von Musikern und Künstlern, da muss ich widersprechen. Ein Beispiel: Ich arbeite ja auch beim Kontor Verlag. Kontor Records ist, glaube ich, das größte Dance-Label in Deutschland. Und da werden auch Songwriting-Camps veranstaltet. Ich selbst habe letztes Jahr mit einer Sängerin und einem Gitarristen zusammengearbeitet. Wir kommen im Studio zusammen und hauen Akkorde raus, Melodien, was auch immer. Und dann wird halt auch ein Songtext entworfen. Also, das ist jetzt nicht Techno in dem Sinne, monoton, nur perkussiv. Was ich mache, ist auf jeden Fall mit Harmonien, Melodien, alles ist volles Programm dabei.
Arlt: Ich weiß gar nicht, worüber wir uns genau streiten. Ist das noch Musik oder ist es keine Musik? Was spielst du denn eigentlich?
Brünig: Gitarre eigentlich, aber durch Zeitmangel kann ich es kaum mehr. Und ein bisschen Klavier, aber ich kann ja keine Noten lesen.
Arlt: Kannst du nicht?
Brünig: Nö.
Arlt: Ich auch nicht. Ich gehe nach Gehör. Du spielst also Gitarre. Spielt man im Techno Gitarre?
Brünig: Ich habe auch schon Gitarrenparts aufgenommen, na klar.
Dass ein Gitarrist und eine Sängerin an einer Produktion beteiligt sind, ist im Techno aber nicht unbedingt Gang und Gäbe.
Brünig: Nein, das ist unterschiedlich. Elektronische Musik, Techno, House, Trance: Es gibt tausend unterschiedliche Subgenres, wie wahrscheinlich auch im Blues.
Arlt: House, Techno: keine Ahnung. Gefühlt habe ich nur, dass da irgendwie nix ist. Für mich ist das so ein seelenloses Gestampfe. Aber du wolltest gerade noch mehr dazu sagen.
Brünig: - Ja, man kriegt im Radio so Dinger mit, die auf die breite Masse abzielen. Viele befassen sich ja nicht so sehr mit der Musik und lassen sich berieseln. Und da wird einem natürlich immer das vorgesetzt, was im Radio läuft. So etwas würde ich, von der Produktion her, auch an einem Tag hinkriegen. Irgendeinen 70er-Track covern, einen Groove drunterbasteln, einen Beat, das kriege ich locker hin. Das ist halt die Businessgeschichte. Wer wird hochgepusht und wer nicht? So läuft der Hase halt.
Arlt: Genauso ist das. Die Leute tanzen zu dem Scheiß, der ihnen vorgesetzt wird. Früher ging es einfach nach der Präferenz des Volkes.
Brünig: Ja, genau, das fand ich ja so geil.
Arlt: Und das ist ja auch eine ganz andere Herangehensweise, Musik zu konsumieren.
Zu den Konsumgewohnheiten oder einfach Vorlieben: Gerade bei jüngeren Menschen ist es doch so, dass die meisten lieber zu elektronischer Musik tanzen. Herr Brünig, würden Sie sagen, dass elektronische Beats tanzbarer sind?
Brünig: Na ja, es kommt auf die jeweilige Person an. Wer fühlt sich wovon angesprochen? Letztlich geht es darum, aus sich rauszukommen, alles zu vergessen, den Moment zu genießen.
Arlt: Mein Dilemma ist einfach, dass zum Beispiel meine Musik gar nicht präsent ist und auch jüngere Leute, die möglicherweise zu deinen Gigs - oder was auch immer das ist - oder zu Tanzpartys gehen, an diese Musik gar nicht rankommen. Die kennen meine Musik gar nicht. Wenn sie dann aber da sind, finden sie es gut und spüren auch irgendwie: Ah, da ist ja eine Interaktion zwischen Band und Publikum. Da passiert etwas, da ist so eine Energie, die ich bei solchen Partys einfach nicht mehr sehe. Die stehen da alle und tanzen zu einem toten Groove.
Brünig: Es kommt immer darauf an. Ich stimme in dem Fall zu, wo auf einem Festival immer mehr Smartphones hochgehalten werden, alles aufgenommen wird, und man genießt selber gar nicht mehr den Moment an sich. Dann stehen die Leute wirklich wie tot da. Also, als Künstler würde ich mir schon halb belästigt vorkommen. Aber das gibt es nicht nur bei Techno-Festivals. Das sieht man auch bei, was weiß ich, Coldplay-Konzerten zum Beispiel. Ansonsten ist es so, dass sich die Leute gezielt Festivals oder Club-Events aussuchen. Nehmen wir das Bootshaus in Köln. Der Laden ist immer rappelvoll und die Leute feiern ohne Ende. Manche fangen an zu heulen, weil sie ein Stück lieben und von Emotionen ergriffen sind. Das ist mir auch selber schon passiert.
Arlt: Du meinst, die Leute erkennen Stücke?
Brünig: Klar, da gibt es ganz viele Klassiker mittlerweile, das hat sich halt entwickelt über die Jahre.
Arlt: Die Emotionen, von denen du sprichst, das kenne ich eigentlich eher von einer Musik, die auch dynamisch ist. Beim Techno habe ich das Gefühl, dass da gar keine Dynamik drin ist, sondern dass das immer auf dem einen Level ist, mit einem stupiden Groove. Mir fällt es schwer zu glauben, wie da Emotionen angefasst werden können. Bei uns reagieren die Leute, wenn wir eine leise Stelle spielen und das dynamisch gemeinsam als Band steigern. Da passiert eine Interaktion der Band mit dem Publikum. Das ist das Musikerlebnis, wie ich es mir eigentlich vorstelle.
Brünig: Ja, was die Dynamik angeht…
Arlt: Bei euch ist doch auch keine Spontanität, oder?
Brünig: Nein, Spontanität nicht. Da gibt es die Leute, die alles voll durchgeplant haben. Aber eine Band, die auf Tour geht, hat ja auch ein Programm.
Arlt: Wir zum Beispiel haben kein Programm. Weil du gar nicht weißt, was da heute für ein Publikum ist. Stehen die? Sitzen die? Sind da vielleicht ein paar Ältere oder so? Fangen wir ein bisschen ruhiger an? Wir spielen auf Zuruf und gucken, was passiert. Und ich finde, das gehört auch ein Stück weit zum Musik machen.
Früher musste man jahrelang ein Instrument üben, bevor man sich auf eine Bühne gestellt hat. Heute kann im Prinzip jeder, der einen Rechner und die entsprechenden Programme hat, Musik produzieren. Fühlt sich das für Sie wie ein Fake an, Herr Arlt?
Arlt: Volle Möhre. Ich kriege jetzt in letzter Zeit auf Instagram App-Angebote mit dem Werbeslogan: „Machst du immer noch auf die alte Art Musik?“ Das ist eine absolute Unverschämtheit. Natürlich mache ich auf die alte Art Musik, fuck you!
Aber wie geht es in der Zukunft weiter? KI ist ja jetzt schon in der Lage, genau die Musik zu generieren, die man ihr vorgibt. Mit Songtexten und allem Schnippschnapp. Wenn das die Regel wird, sind Sie beide arbeitslos, oder?
Brünig: Ich sag mal so: Gott sei Dank wird eingegriffen in dem Sinne, dass ein Art Watermark, ein Wasserzeichen, vermerkt werden muss, wenn es KI generiert ist. Was natürlich auch nicht jeder macht. Aber bis das so kommt, muss die KI sowieso noch weitaus besser werden.
Arlt: Ist das zum Beispiel deinem Publikum nicht egal, ob das KI ist oder nicht?
Brünig: Nee, ich denke nicht. Es gibt ja viele, die live hingehen und einen hören und sehen wollen. Das geht ja bei KI gar nicht.
Arlt: Es gibt beeindruckende Ergebnisse. Du sagst der KI: Mach mal einen Blues-Song mit den und den Eckpfeilern. Jemand, der keinen Schimmer von der Mucke hat, der sagt: Das ist gut geworden. Das vernichtet uns wirklich. Für meine Musik ist es der Gnadenstoß.
Damit kommen wir zur schweren Frage. Was ist gute Musik?
Brünig: Gute Musik? Wo Herz und Seele drin ist. Egal welches Genre und welche Richtung. Es gibt die Musik, die einfach am Band produziert wird. Emotionslos. Und dann gibt es das, wo man wirklich mit der Seele dabei ist. Das ist halt voll der Unterschied.
Arlt: Ich glaube auch: Seele, Soul ist das Wichtigste für Musik. Das merkt am Ende auch das Publikum. Leider möchte das Publikum immer wissen, wer der Beste ist, wer der Größte. Diese Frage ist eine Katastrophe, denn das ist immer eine Geschmackssache. Das kann man nicht messen. Du kannst messen, wenn einer bei 100 Metern schneller durchs Ziel läuft als der andere. Aber bei Musik kann man das nicht messen. Ich glaube aber, dass man mit Soul und Herz die Leute am besten erreicht.
Brünig: Absolut.
Arlt: Obwohl ich auch glaube, dass sich immer mehr schlechte Musik gut verkauft.
Brünig: Ja, es ist zurzeit wirklich viel Mist im Umlauf. Aber das ist natürlich unsere Ansicht. Die, die erst in die Pubertät kommen, die feiern das wieder. Das ist ein ewiger Zyklus.


