Hildesheim - Professor Dr. Günther Schneider war von Mittwoch auf Donnerstag der einzige Gast in der frisch sanierten Hildesheimer Jugendherberge. Er ist nach Hildesheim gekommen, um einem Festakt beizuwohnen, der einen leichten Touch von Trauerfeier hat. Denn Schneider kennt als Präsident des Deutschen Jugendherbergswerks-Hauptverbandes sehr gut, wie kritisch derzeit die Lage der Einrichtungen ist. Sie sind häufig leer, in der Corona-Zeit fielen so gut wie sämtliche Schulfahrten, Vereinstreffen oder Bildungsveranstaltungen aus. Ein Desaster für Jugendherbergen. Auch Kultusminister Grant Henrik Tonne machte an diesem Tag keine großen Hoffnungen, dass es in naher Zukunft wieder Schulausflüge geben werde.
Doch in Hildesheim nutzte Schneider die Gelegenheit, auch Optimismus zu verbreiten. Die Hildesheimer Einrichtung ist seit 1966 im Schirrmannweg hoch über der Stadt Hildesheim angesiedelt und wurde vergangenes Jahr von Grund auf saniert. Doch die Eröffnung im Februar konnte nicht mehr gefeiert werden. Corona war schneller. Nun wurde die Feier nachgeholt und bot auch Gelegenheit, eine erste Bilanz zu ziehen.
Einnahmen auch durch Bauphase verhindert
„Die Entscheidung, in den Standort Hildesheim zu investieren, ist aller Ehren wert“, sagte er zur Begrüßung. Eine Entscheidung, die 2020 wahrscheinlich nicht getroffen worden wäre, denn die Kassen des Deutschen Jugendherbergswerksverbandes sind leer. Ohne Bundeshilfe und die Möglichkeit zur Kurzarbeit wären wahrscheinlich etliche Einrichtungen der Krise zum Opfer gefallen.
In Hildesheim kommt hinzu, dass die 18-monatige Bauphase in der Vergangenheit wichtige Einnahmen verhindert hat. „Das Gros der Belegungen sind Schulen und Vereine“, sagt auch Ulrich Wiesmann, der die Hildesheimer Jugendherberge seit 18 Jahren leitet. Sein einziger Trost: Immerhin seien in diesem Sommer verstärkt Familien und Einzelreisende gekommen, die eine Alternative zu einem Auslandsurlaub gesucht haben. „Hildesheim ist als Ausgangspunkt für Kurzurlaube sehr attraktiv“, weiß er. Doch auch die Kurzübernachtungen konnten die wirtschaftliche Krise der Jugendherberge kaum lindern.
„Wir stehen mit dem Rücken zur Wand“
„Wir stehen mit dem Rücken zur Wand oder fast schon in der Wand“, formuliert es Peter Peschel, Vorsitzender des Landesverbandes Hannover. Rund 440 Jugendherbergen gibt es in Deutschland, die seien mittlerweile als Bildungsträger mit rund 3000 pädagogischen Programmen nicht nur Übernachtungsstätten, sondern richtige Tagungsorte. Und er setzt darauf, das nach der Corona-Krise der Bedarf an Gemeinschaftserlebnissen größer sein wird: „Dabei spielen wir eine wichtige Rolle.“
Doch der niedersächsische Kultusminister Grant Henrik Tonne, der ebenfalls zum Festakt erschienen war, zeigte sich in Bezug auf Schulfreizeiten bedeckt. Am Rande der Veranstaltung sagte er auf Anfrage der HAZ: „Es ist den Schulen zwar nicht verboten, aber sie handeln dann in eigener Verantwortung.“ Die Erfahrung habe gezeigt, dass das größte Ansteckungsrisiko bei Freizeitveranstaltungen entstehe. Und dazu zählen eben auch Schulausflüge.
2021 als „Das Jahr der Wahrheit“
Schneider fasste es am Ende pragmatisch und bitter zusammen: „Für die Jugendherbergen in Deutschland ist 2021 das Jahr der Wahrheit.“ In Hessen oder Rheinland-Pfalz haben die ersten Einrichtungen wieder dicht gemacht. Doch die Hoffnung sterbe zuletzt, machte er auch wieder Mut: „Wir müssen alles tun, um das Ende abzuwehren.“ Das Jugendherbergswesen wurde vor 111 Jahren in Deutschland ins Leben gerufen: „Mittlerweile erfüllen wir einen richtigen Bildungsauftrag – nicht nur für die Schulen.“
Und auch Oberbürgermeister Ingo Meyer wollte kein Trübsal blasen. „Ich bin zuversichtlich, dass sich die Situation in einigen Monaten wieder bessert.“ Mit dem Neubau und der Sanierung werde die Hildesheimer Einrichtung zeigen, dass sie auf dem „Markt eine richtige Perle ist“. Dann werden die Gäste zu Multiplikatoren, denn hinzu komme, dass die Region Hildesheim viel zu bieten habe. „Wenn wir Kulturhauptstadt werden, werden Sie überrannt“, schloss Meyer seine Rede.
Millionen-Sanierung
Die Hildesheimer Jugendherberge ist für rund 7,5 Millionen Euro komplett saniert worden. Das Land Niedersachsen hat dazu 440 000 Euro als Zuschuss geleistet. Insgesamt stehen 106 Betten zur Verfügung, außerdem gibt es verschiedene Tagungsräume.
Am Ende sollte Minister Tonne noch ein Los ziehen, damit eine Schule, die die Hildesheimer Jugendherberge bisher besucht hat, einen kostenlosen Aufenthalt bekommt. Gewinner ist die Grundschule Ochtersum.
