Kolumne „Unter uns“

Hildesheimer Kampagne gegen K.O.-Tropfen: Und wer sagt den Tätern, dass sie’s lassen sollen?

Hildesheim - Grundsätzlich ist es wichtig und richtig, dass die Stadt Hildesheim und die Polizei die Präventionskampagne „Lass dich nicht K.O.-Tropfen“ starten, meint HAZ-Kolumnistin Katharina Brecht. Doch: Aus ihrer Sicht sollte man auch den Tätern deutlich machen, was sie im Leben der Betroffenen anrichten.

In der HAZ-Kolumne „Unter uns“ schreiben sich Katharina Brecht und Julia Haller zu Themen, die sie bewegen. Foto: HAZ

Hildesheim - Bald startet eine Kampagne gegen K.o.-Tropfen in Hildesheim, liebe Julia – wichtig und richtig. Man kann gar nicht oft genug vor den Risiken warnen, die in einem Glas schlummern können. Aber: Neu dürfte das doch wohl den wenigsten sein. Werden wir Frauen nicht seit jeher davor gewarnt, unser Getränk bloß nicht aus den Augen zu lassen? Stehe ich in der Kneipe, halte ich also den Daumen auf die Öffnung der Bierflasche. Und meine Cola würde ich niemals in einer Bar abstellen, weggehen und dann wieder trinken. Viel zu riskant. Doch obwohl ich aufpasse: Sicher bin ich nie. Muss mich doch nur mal kurz nach links drehen, und von rechts tut mir jemand was in den Cocktail, ohne dass ich es mitbekomme.

Darum stört mich auch etwas an der Kampagne, die „Lass dich nicht k.o. tropfen“ heißt. Für mich schwingt da ein Hauch von Täter-Opfer-Umkehr mit. Denn es ist doch so: Ich kann noch so vorsichtig sein, hässliche bunte Bierdeckel auf mein Glas legen und wiederverwendbare Neon-Kronkorken nutzen. Wenn ein Täter das will, wird er trotzdem einen Weg finden, mir eine Substanz ins Getränk zu mischen. Aber ich bin dann garantiert nicht schuld daran, k.o. getropft worden zu sein, und werde es auch niemals sein. Ich plädiere daher für eine Kampagnen-Erweiterung. Sie könnte zum Beispiel „Sei kein Arschloch“ heißen. Denn wieso sagt eigentlich niemand den Tätern, dass sie es gefälligst lassen sollen – und macht ihnen deutlich, was sie im Leben ihrer Opfer anrichten? Dass bereits geringe Mengen von K.o.-Tropfen tödlich sein können und Betroffenen nachhaltig geschadet wird? Es muss nicht mal zu einer Vergewaltigung oder einem Raub kommen – mindestens das Freiheitsgefühl wird für die Opfer nicht mehr dasselbe sein. Und dieses dunkle Gefühl, nicht zu wissen, was in den Stunden des Blackouts passiert ist – das geht nie wieder weg. So viele Arschlöcher kann es doch gar nicht geben, denen das alles völlig egal ist. Oder etwa doch?


In der HAZ-Kolumne „Unter uns“ schreiben sich Katharina Brecht und Julia Haller zu Themen, die sie bewegen.

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