Hildesheim - „Der Feuerwehrmann da, der geht nicht auf die Bühne. Der schaut nur zu wie wir“, stellt Luise (3) sachlich fest. Sie sitzt in der vierten Reihe des Stadttheaters neben ihrer Großmutter und hat gerade ein paar Plätze vor sich den Uniformierten entdeckt. Ansonsten lauscht sie aber gebannt der Geschichte, die Julian Rohde gerade auf der Bühne erzählt, begleitet von den Streichern der tfn-Philharmonie.
Luise ist eine von vielen Kindern und Erwachsenen, die am Sonntagmorgen zum Familienkonzert des tfn gekommen sind. „Durch die Jahreszeiten“ heißt das Programm, dem die Familien eine Stunde lang mit konzentrierter Aufmerksamkeit folgen. Das Orchester hat Vivaldis Musik „Die vier Jahreszeiten“ auf den Pulten liegen. Der große italienische Barockmeister vertonte programmatisch vier Gedichte, die erzählen, was in der Natur und bei Menschen jahreszeitlich bedingt so alles los ist.
tfn fragt Schulkinder
Davon erfährt das Publikum aber nichts, weil die Theaterpädagogin Bettina Braun und der tfn-Tenor Julian Rohde eine andere Idee hatten. „Wir sind in die 3. und 4. Klassen der Elisabethschule und der Grundschule Alter Markt gegangen. Dort bekam jede Klasse eins der vier Konzerte zu hören, natürlich immer in kleineren Abschnitten“, berichtet Bettina Braun. „Den Titel der Konzerte haben wir verraten, nachdem wir uns mit den Kindern über die jeweilige Jahreszeit ausgetauscht haben. Mehr aber nicht. Dann luden wir sie ein, ihre Gefühle zu den einzelnen Teilen zu erzählen und sich dazu Geschichten auszudenken.“
„Da kannte die Fantasie kaum Grenzen. Das war unglaublich und hat mich an den eigenen Spaß mit Fantasy-Geschichten erinnert“, ergänzt Julian Rohde. Und so eine an Ideen geradezu überbordende Fantasy-Geschichte ist dann auch entstanden, nachdem das Ganze vom pädagogischen Kreativ-Duo Braun/Rohde in Form gebracht wurde. Zusätzlich bauten Rohde und Dirigent Ki Yong Song in vielen gemeinsamen Stunden aus dieser Geschichte und der Vivaldi-Musik ein neues Gesamtkunstwerk, das dann mit Tenor Rohde über die Bühne geht.
Aufregende Haie
Zu singen hat er allerdings nichts. Dafür umso mehr vorzulesen. Mit begeisternd variationsreicher Schauspielkunst tritt er als Vivaldi auf und erzählt, wie er mit seiner Schwester durch Venedig schlendert, die Füße im Meer abkühlt und beim Blick ins Wasser in ein grenzenloses Fantasyland abtaucht. Man kann den vielen Assoziationen, Geschichten in den Geschichten, unheimlichen und dann wieder anrührenden Begegnungen, den Bedrohungen und Befreiungen, den stimmungsvollen Naturschilderungen und emotionalen Berg- und Talfahrten kaum folgen.
„Ich fand die Geschichte toll und die Haie sehr aufregend“, meint hinterher Simon (6). Er ist mit seinen Eltern aus Lüneburg gekommen. Die Oma wohnt in Hildesheim und der Theaterbesuch ist ein Geburtstagsgeschenk. „In Lüneburg haben sie auch Vivaldis ,Jahreszeiten’ für Kinder aufgeführt, allerdings die Originalgeschichte und die Kinder aktiv beteiligt“, sagt Simons Mutter. „Aber ich finde diese Erzählversion hier auch sehr schön.“
Es wie in Lüneburg zu machen, hatten Braun und Rohde auch überlegt. „Aber es geht uns diesmal darum, dass Kinder ein unmittelbares Gespür für die Emotionen der Musik bekommen und ihre eigenen Geschichten erzählen können“, sagt die Theaterpädagogin. Und das ist überzeugend gelungen.
Zu der aufmerksamen Spannung im Saal trägt auch die Musik bei, die im fließenden Übergang zwischen Text und Orchesterklang zum musikalischen Kommentar des Erzählten wird. Unter der sicheren Leitung von Ki Yong Song hört man sofort, dass dieses Orchester mehrfach in barocker Spielweise gecoacht wurde und entsprechende Konzerterfahrungen hat. Mit geschlossen präziser Phrasierung werden die teilweise extrem schnellen Partien gespielt, und die leisen Klangbeispiele bekommen einen wunderbar schwebenden Klang. Bemerkenswert auch die Continuo-Gruppe.
Beifall will nicht enden
Ein Ereignis für sich ist die Solistin Mariia Kundirenko. In dieser als vier Violin-Konzerte angelegten Musik gestaltet sie ihre Soli ausdrucksstark, virtuos und mit strahlender Tonbildung – und, wo nötig, mit zupackendem Temperament. Man wünscht sich, dass dieses Vivaldi-Werk auch mal als Ganzes durchgehend in einem Sinfoniekonzert zu erleben ist.
Im Theatersaal endet die Geschichte zwar in der klirrenden Kälte eines Eispalastes, muss aber die Herzen aller erwärmt haben, denn der Beifall will nicht enden. Auch der dreijährige Lukas („Ich war schon zweimal im Theater“) ist zufrieden. Und seine große Familie freut sich, dass ihr Weihnachtsgeschenk jetzt zu einem schönen Erlebnis wurde.

