Hildesheim - Vor 30 Jahren feierten die Hildesheimer ein großes Fest. Endlich hatten sie ihre gute Stube wieder, die 1945 den Bomben zum Opfer gefallen war: den Marktplatz mit seinen markanten Fachwerkhäusern, allen voran das eindrucksvolle Amtshaus der Knochenhauer. Die Erinnerung daran, wie es vorher aussah, beginnt schon zu verblassen. Und jüngere Menschen kennen eh nur die heutige Situation. Umso lohnenswerter ist der Besuch der neuen Sonderausstellung, die am Donnerstag im Stadtmuseum eröffnet wurde: „Rekonstruktion vs. Moderne – 30 Jahre Hildesheimer Marktplatz“.
„Es ist ein Wunder, wie schnell der Aufbau voran ging“, sagt Museumsdirektorin Regine Schulz über die Jahre nach dem Krieg. 1950 wurde als erstes Gebäude der Sparkassen-Neubau des Architekten Diez Brandi eingeweiht. 1960 folgte die Stadtverwaltung und zwei Jahre später das Hotel Rose an der Stelle des Knochenhauer-Amtshauses.
Vier großformatige Luftaufnahmen zeigen im Hauptraum der Ausstellung die Entwicklung: links oben die Situation 1938, daneben die Nachkriegslösung von 1967. Und darunter, jeweils aus ganz ähnlicher Perspektive, aktuelle Fotos, die HAZ-Fotograf Chris Gossmann mit der Drohne geschossen hat.
Schiefe Etagen – wie im Original
Mit den Häusern hatte Hildesheim seine Identität verloren. Und so bildete sich schon wenige Jahre nach der Fertigstellung des Hotels Rose die „Gesellschaft für den Wiederaufbau des Knochenhauer-Amtshauses“. Es dauerte allerdings bis zum Jahr 1983, bis der Stadtrat beschloss, den alten Marktplatz zu rekonstruieren.
Bei der Nord- und Südseite handelt es sich nur um Fassade vor Betonkernen – „Disneyland“, sagten Kritiker dazu. Das Hauptstück, Knochenhauer- und Bäckeramtshaus wurden jedoch original nachgebaut. Das ging soweit, dass die oberen Etagen wieder so schief sein mussten wie im Original, betont Kurator Stefan Bölke. Als letzter Baustein im Ensemble wurde 1990 das Stadtmuseum im Knochenhauer-Amtshaus eröffnet. Die Geschichte war korrigiert.
Außerdem sind „wirklich tolle Stücke aufgetaucht, die seit Jahrzehnten in den Magazinen schlummerten“, berichtet Kurator Bölke. Da sind – allesamt aus dem 18. Jahrhundert – Wappenschilder von Ratsdienern, das Signalhorn eines Stadtwächters und die Büchse eines Stadtboten. Museumsgründer Hermann Roemer hat sie eigenhändig inventarisiert – das Schild ist mit ausgestellt.
Nur fünf Besucher pro Etage
In den beiden Nebenräumen entdeckt der Besucher Planungsskizzen für andere Marktplatz-Lösungen, Presseartikel, weitere Modelle und vor allem viele Fotos, die die vielfältige Nutzung des Platzes seit den 90er Jahren zeigen. Die meisten Bilder hat Chris Gossmann geschossen und um weitere Aufnahmen aus dem HAZ-Archiv ergänzt. Wer speziell Interesse am Knochenhauer-Amtshaus hat, wird im obersten Stockwerk fündig, dem 2019 neu eingerichteten Museumsbereich.
Pro Museums-Etage dürfen sich zeitgleich nur fünf Menschen aufhalten, wenn sie aus unterschiedlichen Haushalten stammen. Über Möglichkeiten zu Sonderführungen und Workshops für Kinder gibt es Infos unter Telefon 29936-85. Die Sonderausstellung ist bis zum 31. Januar 2021 dienstags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Erwachsene zahlen 3 Euro, Kinder zwischen 6 und 14 Jahren 1,50 Euro.


