Landgericht Hildesheim

Hildesheimer Millionen-Pleite: Angeklagter nicht mehr in U-Haft – und ein wichtiger Zeuge weiß erstaunlich wenig

Hildesheim - Im Prozess gegen die beiden früheren Geschäftsführer der Hildesheimer Investmentfirma Bertram & Meyer hat ein früherer Mitarbeiter ausgesagt – was er nicht wusste und warum das aufschlussreich ist.

Landgericht Hildesheim, Saal 147: Hier hat am fünften Verhandlungstag ein früherer Mitarbeiter der Investmentfirma Bertram & Meyer über mehrere Stunden ausgesagt. Foto: Jan Fuhrhop

Hildesheim - Es ist ein ungewohntes Bild, das sich an diesem Vormittag im Landgericht Hildesheim bietet: Thomas Bertram, zusammen mit seinem früheren Geschäftspartner Frank Meyer Angeklagter im Prozess um die Millionenpleite ihrer nach ihnen selbst benannten Investmentfirma, hat keine Justizwachtmeister an seiner Seite. Seine Hände sind nicht mehr gefesselt, als er Saal 147 betritt und Platz nimmt. Er ist – vorerst – ein freier Mann: Das Gericht hat den Untersuchungshaftbefehl gegen ihn nach rund acht Monaten zwar nicht aufgehoben, aber außer Vollzug gesetzt.

Haftbefehl außer Vollzug – Bertram muss sich regelmäßig bei der Polizei melden

Nach Bertrams erfolgter Aussage zu den Vorwürfen gegen ihn und angesichts seiner familiären Bindung vor Ort mit Ehefrau und kleinem Kind könne man „der Fluchtgefahr durch Auflagen begegnen“, erklärt der Vorsitzende Richter die Entscheidung der Kammer. Heißt: Bertram muss sich regelmäßig bei der Polizei melden. Das Landgericht geht zudem derzeit nicht mehr bei allen Tatvorwürfen gegen Thomas Bertram von einem dringenden Tatverdacht aus. Konkret geht es um zahlreiche Überweisungen von insgesamt knapp 6,4 Millionen Euro auf ein Konto für Kryptowährungen. Die Ankläger werten dies als Untreue – die Richter halten das inzwischen für schwer begründbar, da Bertram wohl mit Wissen des Co-Geschäftsführers Frank Meyer gehandelt habe und deswegen keine Untreue gegenüber der GmbH vorliegen könne. Dass sich Untreue gegenüber den Kunden nachweisen lasse, sei auch eher unwahrscheinlich.

Die Staatsanwaltschaft bewertet die Lage anders und hat bereits Beschwerde gegen den richterlichen Beschluss beim Oberlandesgericht Celle eingelegt. Die Entscheidung steht noch aus. Dass die Strafverfolger Fluchtgefahr sehen, hat mit der mehrjährigen Haftstrafe zu tun, die Bertram bei einer Verurteilung droht – und es dürfte auch eine Rolle spielen, dass der Beschuldigte sich während seiner Tätigkeit als Geschäftsführer der Bertram & Meyer GmbH für rund 170.000 Dollar die zehnjährigen Nutzungsrechte für zwei Apartments in Honduras gesichert hatte.

Was würde nun an diesem fünften Verhandlungstag des schon jetzt bis Mai 2026 terminierten Mammutprozesses der frühere enge Mitarbeiter Bertrams aussagen? Der 35-Jährige, der zu Beginn der Ermittlungen ebenfalls als Tatverdächtiger galt, weil er sich ebenso wie mutmaßlich Frank Meyer und Thomas Bertram unter anderem der Untreue und des Betrugs schuldig gemacht haben könnte, gilt als wichtiger Zeuge. Würde er womöglich Bertram belasten und über kriminelle Machenschaften auspacken? Oder könnte er vielleicht Bertrams Aussage unterstreichen, dass das Investmentgeschäft der Firma aus buchhalterischer Sicht etwas chaotisch lief, aber absolut ohne jegliche betrügerische Absichten?

Der engste Mitarbeiter müsste vieles beantworten können – weiß aber erstaunlich wenig

Eines vorweg: Es platzt keine Bombe an diesem Tag. Am Ende der zähen, knapp fünf Stunden dauernden Befragung des Zeugen ist es draußen dunkel, drinnen warm und stickig. Und: Man ist nicht viel schlauer als vorher. Kurz vor Ende der Aussage des Zeugen fragt eine Richterin ihn nicht ohne Grund und offensichtlich ehrlich verwundert: „Waren Sie bei Ihrer Arbeit denn eigentlich ausgelastet?“ Der 35-Jährige antwortet wie zuvor auch eher zögernd und mit monotoner Stimme: „Na ja…“. Er habe zwischendurch auch schon Leerlauf gehabt.

Der Zeuge war von 2018 bis zum Zusammenbruch der Firma derjenige, der am dichtesten dran war am vermeintlichen Investment-Experten Thomas Bertram. Doch je länger seine Befragung dauert, desto deutlicher wird: Entweder er verschweigt vieles, oder – was deutlich wahrscheinlicher ist – er hat all die Jahre vieles von dem, was Bertram wirklich gemacht hat, gar nicht richtig verstanden. Der Mann verwendet Schlagworte und Phrasen aus der Investmentbranche, doch wer tiefer bohrt, stößt auf ein bröckeliges Fundament.

Er habe Bertram zugearbeitet, berichtet er. Er habe nach Vorgaben seines Chefs Märkte und Kurse beobachtet und Bertram dann eine Art Empfehlungsliste vorgelegt. Ob der dann aber die auch tatsächlich genutzt hat oder den Handel nach ganz eigenem Muster durchgezogen hat, könne er nicht mit Gewissheit sagen. „Was er genau damit gemacht hat, weiß ich nicht. Ich hatte keine Einsicht in die finalen Zahlen. Er hat sehr viel still für sich gearbeitet.“ Der Vorsitzende Richter Thorsten Eikenberg hakt nach: „Er hat sich nicht in die Karten gucken lassen?“ Antwort: „Nee, gar nicht.“ Pause. Und dann: „Ich war überzeugt: Das ist alles real, es läuft gut.“

Alles real? Die Zahlen stammen aus einer Excel-Tabelle

War alles real, lief es gut? Lag das Gesamtkapital der 204 Anleger noch im Sommer 2024 tatsächlich bei rund 20 Millionen Euro? Hat das Konzept über viele Jahre funktioniert und war der Kollaps Folge einer Kette von unvorhersehbaren Ereignissen? Die Fragen stehen nach wie vor im Raum. Bertrams Verteidiger Gerold Papsch ist von Anfang an bemüht, seinen Mandanten als fähigen Investmentexperten darzustellen, der letztlich am Markt gescheitert sei. Die Staatsanwaltschaft geht hingegen davon aus, dass die Firma mit einem Schneeballsystem am Laufen gehalten wurde, das nur so lange funktionierte, wie ausreichend neue Kunden hinzukamen und ausreichend wenige Kunden hohe Summen ausgezahlt haben wollten. Beide Geschäftsführer hätten zudem insgesamt fast vier Millionen Euro für private Zwecke aus der Firma gezogen.

Der frühere Mitarbeiter müsste doch eigentlich wissen: Waren die Guthaben und die Gewinne der Kunden alle echt? Schließlich hat er regelmäßig per Mail Anleger über deren Depotdetails mit konkreten Summen und Zinserträgen informiert. Doch auf Nachfragen vor Gericht räumt der 35-Jährige ein: Er könne nicht mit Gewissheit sagen, ob die Zahlen aus einer Excel-Tabelle tatsächlich immer durch real existierendes Kapital gedeckt gewesen seien. Wie auch Bertrams Co-Geschäftsführer Frank Meyer habe auch er keinen Einblick und keinen Zugang zu den entscheidenden Konten gehabt, erklärt der frühere Mitarbeiter.

Der Eindruck, dass es wirklich gut laufe mit der Firma, dürfte sich bei dem Mann auch dadurch verstärkt haben, dass intern immer Geld da war – zum Beispiel, wenn es um mehrfache Gehaltserhöhungen für ihn ging, oder wenn seine rund 17.000 Euro teure Hochzeitsfeier von Bertram und Meyer bezahlt wurde, oder Bertram ihm 75.000 Euro für ein Sportflugzeug des Herstellers Cessna gab.

Zeuge bricht in Tränen aus – Familienmitglieder haben Geld verloren

Dass er wirklich an den Erfolg glaubte, dafür spricht, dass zahlreiche Familienmitglieder und Freunde ihr Geld bei seinem Arbeitgeber anlegten. Als er davon berichtet, bricht seine sonst monotone Stimme, dem 35-Jährigen schießen Tränen in die Augen. Dass so viele Menschen, die ihm etwas bedeuten, beim Zusammenbruch der Firma viel Geld verloren hätten, mache ihm sehr zu schaffen. „Wenn ich von irgendeiner Krise gewusst hätte, hätte ich davon abgeraten, noch im Herbst 2024 zu investieren.“

Der Prozess wird am 16. Dezember fortgesetzt.


Fakten und Hintergründe zur Millionenpleite der Firma Bertram & Meyer gibt es auch im Podcast „HAZ gehört – Thema der Woche“ – die Folge können Sie hier hören.

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