Hildesheim - Nein, Buchhändler wollte Walter Georg Olms wahrlich nicht werden. „Ich habe im Einmannbetrieb in der Schuhstraße oft meinen Vater vertreten“, erzählt der heute 93-Jährige. Für einen 13-Jährigen war der Kontakt mit Kunden ziemlich langweilig. Viel lieber wäre Walter Georg wegen seiner Liebe zu Pflanzen und Pferden Farmer in Deutsch-Südwestafrika geworden. Oder Opernsänger.
Der erste Traum zerrann, weil die frühere Kolonie nach verlorenem Krieg doch nicht an Deutschland zurückfiel. Der zweite zerplatzte an häufiger Laryngitis. Also doch Bücher – immerhin liegen die seit 1886, als Hermann Olms die erste Buchhandlung gründete, der Familie im Blut. Der Laden des Großvaters wurde später von Tochter Magdalene weitergeführt, während ihr Bruder Georg nach dem Krieg die Buchhandlung Georg Olms gründete. Die wurde 1953 von seinem Sohn Walter Georg übernommen, dessen Sohn Dietrich ist 1990 in den Verlag eingestiegen. Dessen Bruder Manfred betreut die eigenständige Edition Olms in Zürich, Neffe Georg ist bei getAbstract in Luzern.
Als erstes Dach gezimmert
Der Hildesheimer Senior Walter Georg Olms kann sich gut erinnern an die Zeit, als er mit 18 aus der Kriegsgefangenschaft geflohen war und 14 Tage nach Kriegsende Zuhause in Hildesheim vor den Trümmern des Olmschen Fachwerkhauses stand. Zwei Monate später kam auch der Vater von der sogenannten Sahnefront zurück – „in Dänemark ist es den Kriegsgefangenen gut gegangen“ – und forderte den Sohn auf, ihn zu unterstützen. Der war inzwischen gar nicht mehr so abgeneigt: „Ein Volontariat in der Verlagsbuchhandlung Lax hatte mich schließlich überzeugt .“
Als erstes musste eine neue Bleibe gesucht werden. Die fand sich in der ehemaligen Waschküche des Hauses von Professor Siatz nur 100 Meter von der früheren Buchhandlung in der Dammstraße entfernt. „Wir haben den Schutt entfernt und ein primitives Dach gezimmert“, erzählt Walter Georg Olms schmunzelnd von den Improvisationstätigkeiten. Am 1. November 1945 wurde die Buchhandlung Georg Olms eröffnet.
Lieber keine Steine klopfen
Bücher gab es so kurz nach dem Krieg noch keine, aber Papierwaren. Walter Georg hatte dann noch die Idee mit der Leihbücherei: „Die Bücher habe ich von früheren Kunden, die nicht ausgebombt waren, erbeten.“ Doch dank Bertelsmann Gütersloh ließen die Leseexemplare nicht lange auf sich warten, drei Jahre später konnte auch das Schulbuchgeschäft wieder aufgenommen werden.
Innerhalb kürzester Zeit bot die kleine Firma Olms für neun Menschen eine Arbeitsstelle. „Sie schützte vor der Verpflichtung, Steine zu klopfen.“, erzählt Olms. Zu diesen Fachleuten gehörten eine Ärztin, eine Sekretärin, ein Grafiker und ein Maurer, die sinnvolle Beschäftigung suchten. Die einen bastelten Glückwunschkarten, einer entwarf Wandbilder mit klugen Sprüchen, die nächsten kümmerten sich um Leihbücher.
Nachfrage aus den USA
Acht Jahre später übernahm Sohn Walter Georg Olms die Buchhandlung und entwickelte daraus ein wissenschaftliches Antiquariat. „Ich habe schöngeistige und wissenschaftliche Privatbibliotheken aufgekauft.“ Die Nachfrage war so groß, dass Olms auf die Idee kam, die Bücher nachzudrucken. Das führte zum nächsten Schritt: 1958 „haben wir uns Buchhandlung genannt und Bücher gefertigt“, erzählt er lächelnd von dem Unternehmen Reprint. Für viele der Umschläge zeichnete der Hildesheimer Grafiker Paul König verantwortlich.
Allerdings druckte der Olms-Verlag nicht wahllos nach, sondern rief ein Expertenteam aus 25 Wissensgebieten zusammen, die für „exquisit ausgesuchte Werke“ sorgten. 55 Prozent der Reprints wurden in die USA ausgeliefert.
Versandkatalog von 1912
Durch die Kontakte zu den Wissenschaftlern kam es zu immer mehr Erstveröffentlichungen . Eines der größten Projekte zwischen 1987 und 2002 war das Handbuch der historischen Buchbestände mit 45 Bänden, an dem 1500 Bibliothekare mitwirkten. Finanziert wurde das Projekt von der Volkswagen-Stiftung. Auch 30 der Ur-Karl-May-Bände – bevor sie in lesbare Einzelbücher separiert wurden – sind im Olms Verlag erschienen. Wirkungsvoll der Reprint des Stukenbrok-Versandkatalogs von 1912: „Die Leute haben tatsächlich angerufen und wollten Sachen daraus bestellen“, freut sich Olms senior noch heute.
1972 gesellte sich die Olms-Presse für die Publikumstitel (wie Bücher über Pferde), 1988 Olms Neue Medien, 2007 Olms Online und 2008 Olms-Junior (2014 wieder eingestellt) in den Reigen der Olms-AG. 17 000 Titel sind seit Ende der 50er bei Olms erschienen, erzählt Dietrich Olms, der vor 20 Jahren das Verlagsprogramm übernommen hat. Sein 93-jähriger Vater kümmert sich immer noch um Großeditionen und den Kontakt in den Arabischen Raum. Von dort kommen bedeutende Aufträge, nicht nur Pferde betreffend.
Viele Schwerpunkte
Deutschlandweit gehört Olms zu den wichtigsten fünf Wissenschaftsverlagen. „So breit wie wir ist nur De Gruyter aufgestellt“, verweist Dietrich Olms auf die Olms-Schwerpunkte Philosophie, Altertum, Musikwissenschaft, Kunstgeschichte, Germanistik und Geschichte. 22 Mitarbeiter sind heute im Olms-Sitz am Hagentorwall beschäftigt. Gedruckt wird in verschiedenen Häusern mit Schwerpunkt in Deutschland: „Nur die ganz hochwertigen Werke wie die 88 Bände umfassende Mango Tree Enzyklopädie wird in Italien gedruckt.“ Und in New York gab es seit 1970 fast 50 Jahre eine Verlags-Filiale von Olms im Empire State Building: „Jetzt haben wir in New York eine Bürogemeinschaft.“
Dietrich Olms sieht den Verlag „bald eher als Handwerksbetrieb“. Noch sei der Bücherverkauf das Hauptgeschäft, doch die Zukunft liege im Open Access (der freie Zugang zu wissenschaftlicher Literatur im Internet, finanziert mit Bundesmitteln). In Zusammenarbeit mit der Universität Hildesheim entstehen auf diese Weise bereits jetzt im Schnitt acht Titel pro Jahr. Die Zukunft von Olms scheint gesichert.
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