Hauptrolle im ARD-Film „Exit“

Hildesheimer Tatort-Star Jan Krauter wünscht sich schnelle Hilfe für Schauspieler und Künstler

Hildesheim - Der Hildesheimer Schauspieler Jan Krauter sorgte mit dem ARD-Film „Exit“ für Gesprächsstoff – und wünscht sich jetzt „unbürokratische Soforthilfe“, und dass über ihn und seine Branche künftig mehr und anders gesprochen wird.

Jan Krauter (Mitte) spielt in Exit die Rolle des Malik. Mit drei Freunden hat er das Startup Infinitalk gegründet und erweckt Tote virtuell zum Leben. Foto: ARD

Hildesheim - Tatortfans wird es aufgefallen sein: Der Hildesheimer Schauspieler Jan Krauter taucht in einer Hauptrolle im kontrovers diskutierten ARD-Science-Fiction-Film „Exit“ auf. Der Film hat bundesweit für Diskussionen gesorgt. Ein Grund, bei dem 36-jährigen Schauspieler nachzufragen, warum der aufwendig produzierte Streifen nicht im Kino lief, wie er als Schauspieler mit der Corona-Zeit umgeht und was die Zukunft für den jungen Mann bringt.

Herr Krauter, wir haben lange nichts von Ihnen gehört. Und jetzt tauchen Sie in dem Film „Exit“ groß auf.

Ja, zwischenzeitlich war ich wieder mehr in der Krimilandschaft unterwegs – umso schöner, dass nun wieder ein paar Spielfilme dazukommen. Und mit „Exit“ ja sogar ein – wie ich finde - besonderer, sehr ungewöhnlicher Film fürs deutsche Fernsehen.

Was ist besonders an ihm?

Es gefällt mir sehr, dass vermehrt Neues ausprobiert wird. Dadurch wird vieles möglich. Tatsächlich mal in einem deutschen Science-Fiction Film mitzuspielen, hätte ich jetzt nicht unbedingt erwartet (schmunzelt).

„Exit“ wirkt so aufwendig produziert, als wäre er fürs Kino geplant gewesen...

Er funktioniert sehr gut auf der großen Leinwand – wir sind ja wenigstens einmal in den Genuss gekommen, ihn so erleben zu dürfen: i Rahmen des Münchner Filmfests, wohin wir mit „Exit“ eingeladen wurden.

Trotz Corona?

Naja, nicht ganz. Auch das fiel, wie die meisten Veranstaltungen, größtenteils den Coronamaßnahmen zum Opfer. Aber es wurden dennoch einige Filme in dem sehr liebevoll gestalteten Popup-Autokino gezeigt. Wir durften von Liegestühlen aus zuschauen und uns im anschließenden Publikumsgespräch mit Autos unterhalten (lacht).

Aber mal im Ernst: Wer „Exit“ sieht, denkt nicht unbedingt an einen Mittwochabendfilm in der ARD.

Ich war selber sehr beeindruckt davon, was „Exit“ schon rein optisch hermacht und wie gut dieser sehr viel kostengünstigere Film mit größeren Blockbustern mithalten kann. Aber selbst wenn er im Kino laufen würde, könnten wir ihn zur Zeit ja leider eh nicht sehen. Und ob es nach Corona überhaupt noch Kinos geben wird, bleibt ja leider auch fraglich.

Lassen Sie uns mal hinter die Kulissen einer solchen Produktion blicken. Erzählen Sie mal ein paar Details über die Arbeit am Set.

Über 400 Effekte wurden eingesetzt. Die Hälfte von dem, was wir im Film sehen können, war schlichtweg gar nicht da. Die Dreharbeiten haben weitgehend im Studio stattgefunden, die komplette Außenwelt wurde später digital hinzugefügt. Es gab eine aus Sperrholz gezimmerte Kulisse eines verwinkelten Hotelflurs und zwei Hotelzimmer, die variabel zu den Zimmern der Figuren umgebaut werden konnten. Im Endeffekt spielt der ganze Film in Wirklichkeit auf denselben paar Quadratmetern. Schaust du aus dem Fenster, blickst du auf ’nen Greenscreen. Und wenn du zu doll gegen die Fahrstuhlwand haust, kann es passieren, dass sie umfällt. Man musste sich vieles vorstellen, wenn man in der Luft herumgeswipet hat und einfach drauf hoffen, dass das hinterher alles aufgeht, wenn die Effekte dazukommen. Man kommt sich währenddessen aber durchaus dämlich vor. Und sieht, glaube ich, auch so aus.

Halten Sie es für wahrscheinlich, dass wir im Jahr 2047 durch Computerchips im Kopf in parallele Realitäten flüchten können – und auch Tote digital zum Leben erwecken können?

Ich denke, sowas wird alles früher oder später kommen und existiert in kleinerer Form ja bereits. Mir graut’s, wenn ich sehe, wie schon jetzt für einige Filme verstorbene Schauspieler digital wieder zum Leben erweckt werden.

Aber schon irgendwie faszinierend, oder?

Klar, irgendwie faszinierend. Aber überwiegend empfinde ich das als pietätlos und eine Art digitale Leichenfledderei. Wir können hier und heute erleben, wie daran gearbeitet wird, virtuelle Realitäten immer realistischer zu gestalten und die digitale Unsterblichkeit aus der Fiktion in die Wirklichkeit zu holen. Einige Firmen bieten ja bereits Plätze im digitalen Himmel an, mit der Aussicht bis zum Todeszeitpunkt, die dafür nötige Technologie entwickelt zu haben.

Okay, überzeugt. Es ist doch gruselig.

Für mich hakt der Gedanke an einem wesentlichen Punkt: Selbst wenn man dazu in der Lage wäre – alles, was man da vom Menschen herunterladen würde, wäre in erster Linie eine Kopie. Man selbst müsste wohl oder übel dennoch abtreten.

Macht Ihnen diese Vorstellung Angst?

Ich mach mir ein bisschen Sorgen um die Unantastbarkeit des Menschseins und habe Angst, dass wir immer mehr einen Realitätsverlust erleiden könnten. Was wird das für eine Gesellschaft bedeuten, wenn irgendwann die virtuelle Realität für die breite Masse attraktiver wird als die tatsächliche. Man erkennt bereits Tendenzen in diese Richtung und kann sehen, wie sich das zum Beispiel auf unser Sozialverhalten auswirkt.

Apropos Sorgen. Zu Beginn der Corona-Krise haben Sie einen Social-Media-Clip produziert, in dem sich in einem Endzeitszenario zwei Menschen um die letzte Rolle Klopapier streiten. Der Plot zeigt vier Minuten Spannung, starkes Schauspiel, man fiebert richtig mit. Und dann geht es um Klopapier ...

(Lacht) Ja genauso bescheuert ist es ja leider! Das ist jetzt natürlich ein großer Spoiler... Wir wollten den Klopapierhortern einfach mal zeigen, dass – wenn die Apokalypse tatsächlich eintreten sollte - Klopapier mit Sicherheit ihre letzte Sorge sein dürfte. Und für mich war es eine Gelegenheit, weiter an meinen Regieambitionen zu arbeiten.

Das ist gelungen. Ich habe mitgefiebert und war dann irgendwie enttäuscht, dass es um Klopapier ging.

Ich möchte nicht jammern, ich möchte nicht klagen, doch niemals verzicht’ ich auf meine drei Lagen.

Gehen Sie mit der derzeitigen Corona-Krise generell so humorvoll um? Sie sind schließlich auch am Theater zu Hause.

Ja und nein. Das ist schon ein ernste Sache für diese Branche.

Künstler treten derzeit immer häufiger und lauter in die Öffentlichkeit. Zuletzt warteten Till Brönner, Helge Schneider oder auch Bastian Pastewka mit starken Statements auf. Schlagen Sie in dieselbe Kerbe?

Natürlich, von mir wird da auch noch was kommen. Und ich hoffe noch von vielen anderen. Es war sehr schmerzlich, plötzlich zu erfahren, dass man nicht mehr arbeiten darf und im übrigen von den Mitmenschen als nicht systemrelevant erachtet wird.

Das ist ohnehin eine komische Formulierung.

Ja, die Erkenntnis war ziemlich hart. Und das von einer Gesellschaft, die gerade im Lockdown sich einmal mehr in den Konsum von Film, Musik und so weiter gestürzt haben dürfte. Aber eben das sind wir geworden: Konsumgüter. Produzenten aufwendiger Arbeiten, die weggebinget (Anm. d. Red.: Serienmarathon) und künstlerische Persönlichkeiten, die weggesnackt werden. Wir müssen leider gerade alle darauf hinweisen, dass auch unsere Arbeit einen Wert hat. Aber wie die meisten Werte verfallen unsere auch immer mehr der Inflation.

Und jetzt geht der Lockdown wieder von vorn los.

Unter den aktuellen Maßnahmen leiden wie immer zuerst die Kleinen. Viele meiner Freunde und Kollegen gerade aus der Off-Szene kämpfen gerade wortwörtlich um ihre Existenz. Dazu kommt, dass die Theater, wie auch die Gastronomen, einmal mehr unter all dem leiden. Und andere Veranstalter , die – nachdem sie endlich alle Auflagen erfüllt haben – nun wieder schließen dürfen.

Wie kann die Politik helfen?

Wenn das nun wirklich notwendig sein sollte, dann braucht es jetzt wirklich unbürokratische und schnelle Soforthilfen. Künstler die wechselhaft selbstständig, angestellt und unselbstständig beschäftigt sind, gelten zumeist nicht als Selbstständige und verlieren damit jeglichen Anspruch – einfach nur weil es noch keinen Begriff für unsere Art Beschäftigtentum gibt. Ich würde umständlich beschäftigt vorschlagen.

Wann können wir Sie wieder im Fernsehen sehen? Was sind Ihre nächsten Projekte?

Im September durfte ich eine Hauptrolle in dem ARD-Film „3 ½ Stunden“ (Anm.d.Red.: Arbeitstitel) spielen, der von der Fahrt des letzten D-Zugs in die DDR vor Mauerbau erzählt – die Passagiere erfahren die Neuigkeit an Bord und müssen nun entscheiden, ob sie aussteigen oder sitzenbleiben. Das war sehr spannend. Und jetzt komme ich gerade aus Köln, wo wir zur Zeit den Fernsehfilm „Goldjungs“ (Anm.d.Red.: Arbeitstitel) drehen. Eine makabere Komödie über den Bankencrash der Herstatt Bank im Köln der 70er Jahre – auch darauf darf man sich freuen, glaube ich.

„Exit“ – der Film

Digitales ewiges Leben – „Infinitalk“ macht dies in Zukunft möglich. Ein Startup hat eine künstliche Intelligenz entwickelt, die nicht nur den Geist und das Wesen eines Menschen digitalisiert, sondern ihn komplett simuliert: Aussehen, Stimme, Sprache, Humor. Linus, Luca, Bahl und Malik befinden sich in Tokio im Jahre 2047. In einem Hotel stehen sie kurz davor, ihr „Infinitalk“ an den Unternehmer Linden Li zu verkaufen. Nach diesem Deal hätten sie alle finanziell für immer ausgesorgt. Luca, die Ex-Verlobte von Linus, macht allerdings einen Rückzieher und ist gegen das Geschäft. Am nächsten Morgen ist sie verschwunden, ohne eine Nachricht an ihre Kollegen hinterlassen zu haben. Auf der Suche nach Luca entwickelt Linus langsam aber sicher Zweifel an seinen Freunden, an seinen Feinden und letztendlich an sich selbst. Ist die ganze Welt überhaupt noch real oder nur eine Simulation?

Der Film läuft derzeit in den Mediatheken in dem ARD. Jan Krauter ist dort außerdem in dem Thriller „Im Abgrund“ zu sehen.

Zur Person: Jan Krauter

Geboren ist Jan Krauter in Wilhelmshaven, seine Eltern und ihn zieht es aber schnell nach Hildesheim. Abitur macht er am Andreanum und wartet in den Schulaufführungen des Gymnasiums groß auf. 2005 verschlägt es Krauter nach Stuttgart an die Hochschule für Musik und Darstellende Kunst. Dort spielt er am Schauspielhaus, lehrt als Dozent und dreht nebenbei Kurzfilme. 2006 erhält er den Ensemble-Förderpreis beim Theatertreffen deutschsprachiger Schauspielstudierender in München; 2008 den Soloförderpreis für Schauspielstudierende der Bundesministerin für Bildung und Forschung für seine Rolle in Woyzeck.

Seit 2015 ist er verstärkt in Fernseh- und Filmrollen zu sehen. In dem Spielfilm „Grzimek“ verkörperte er an der Seite von Ullrich Tukur Grzimeks Sohn Michael. In der ZDF-Krimireihe „Solo für Weiss“ ermittelt er seit 2016 an der Seite von Anna Maria Mühe als Simon Brandt, 2017 spielte er im historischen Fernsehfilm „Zwischen Himmel und Hölle“ über den Beginn der Reformation in Wittenberg den deutschen Reformator und Revolutionär Thomas Müntzer und und ist in einigen Tatort-Folgen zu sehen. Im TV-Thriller „Im Abgrund“, der im September 2020 auf Das Erste erstausgestrahlt wurde, verkörperte Krauter als guter Freund und hilfsbereiter Nachbar einer Pfarrhaushälterin, deren 8-jähriger Sohn spurlos verschwunden ist, einen der Verdächtigen.

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