Vernachlässigung

Hildesheimer Tierschutz schlägt Alarm: Immer mehr Tiere verlassen, misshandelt oder fast verhungert

Hildesheim - Seit Mai sind in Stadt und Kreis Hildesheim allein 81 Katzen aus Missständen und schlechter Haltung gerettet worden, eine fast verhungerte Hündin wurde aus einer Wohnung geholt, ein Hund war schon tot. Tierschutz-Mitarbeiter sind fassungslos: „So schlimm war es noch nie.“ (Mit Video und Kommentar)

Elsi genießt die Streicheleinheiten von Sabine Witte im Tierheim, das Tier ist in einer Wohnung fast verhungert. Foto: Andrea Hempen

Hildesheim - Das Hildesheimer Tierheim zieht von Mai bis jetzt eine erschütternde Bilanz. In dem Zeitraum sind auf Veranlassung des Veterinäramtes und der Polizei 81 Katzen aus Missständen und schlechter Haltung befreit worden. Hinzu kommen 21 Fundkatzen, vier Totfunde, drei Eigenabgaben. Elf Kleintiere wurden ausgesetzt, ebenso zwei Hunde, vier Hunde wurden sichergestellt, einer davon war nicht mehr zu retten. Hinzu kommen über 100 abgegebene Wildtiere und vier Schildkröten.

Unglaubliche Verrohung

„So schlimm war es noch nie. Die Verrohung der Menschen ist unglaublich“, sagt Sabine Witte, die Leiterin des Hildesheimer Tierheims. Sie, ihre Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen sehen Tag für Tag viel Elend. Vernachlässigte, aber auch durch menschliche Gewalt verletzte Tiere. Nicht zuletzt auch solche, die in verlassenen Wohnungen ihrem Schicksal überlassen wurden. Wie etwa die vier Katzen, die die Polizei am Sonnabend in einer verwahrlosten Wohnung entdeckte. Beim Entrümpeln der Räume tauchten sogar noch vier weitere Katzen auf, die sich zwischen all dem Unrat gut versteckt hatten. Zwei erwachsene und zwei junge Tiere. Tierheimleiterin Witte schätzt die zuerst geretteten Jungtiere auf fünf Tage, die anderen auf ein Alter von acht Tagen. Deren Mütter waren extrem ausgezehrt und unterernährt, säugten ihre Jungen dennoch.

Hund in Wohnung verhungert

Aus einer ebenfalls verlassenen Wohnung im Landkreis retteten die Tierschützer die Hündin Elsi, etwa drei Jahre alt und fast verhungert. Ein anderer Hund, der mit in der Wohnung lebte, war bereits verhungert. Elsi wird nun im Tierheim aufgepäppelt.

Als die Hündin Sabine Witte an der Zwingertür sieht, wedelt sie kräftig mit der Rute. Sie bellt nicht, sie freut sich leise, aber überschwänglich. Sabine Witte erinnert sich an die Augen des Tieres, als es vor etwa zehn Tagen ins Tierheim kam. Leer und hoffnungslos sei der Blick gewesen. Nach ein paar Tagen der Fürsorge sieht es schon anders aus. Elsi hat bereits drei Kilogramm zugenommen, wiegt nun 16,5 Kilogramm. „Eigentlich müsste sie bei ihrer Größe 25 Kilogramm haben“, sagt Witte und setzt sich zu Elsies Freude auf den Boden zum Schmusen. Am liebsten würde die Tierheimchefin mehr Zeit mit der gequälten Hündin verbringen, doch die Arbeit hört nicht auf, das Telefon im Tierheimbüro steht nicht still. „Zum Glück gibt es auch manchmal Anrufer, die ein Tier adoptieren wollen“, sagt eine Bürokraft. Aber mindestens einmal am Tag nehme sie Abgabewünsche entgegen.

Im Zwinger neben Elsi lebt Rüdiger, der Rüde wurde an einen Laternenmast angebunden und verlassen. Das Tierheim bekommt lediglich für solche Fundtiere eine Pauschale von Stadt und den Gemeinden im Kreis bezahlt. Die Kosten für die Unterbringung in Pensionsunterkünften reicht der Tierschutz beim Landkreis ein. Für die Versorgung der Tiere, auch die tiermedizinische, die meist notwendig ist, oder aber für eine Verstärkung des Tierheim-Teams, gibt es keine Mittel.

Private Pflegestellen sind wichtig

Dabei sorgen die Tierheimmitarbeitenden nicht nur dafür, dass ihre Schützlinge Futter bekommen und die Zwinger sauber sind. Viel Zeit wird in die Suche nach Unterkünften investiert. „Wir fragen auch immer in anderen Tierheimen nach, ob die Platz haben, aber überall ist es schlimm“, berichtet Sabine Witte. Ohne private Pflegestellen wären die vielen Katzen kaum mehr zu versorgen. Die Tierheimchefin appelliert an alle, die sich ein Haustier wünschen, daran zu denken, dass man eine Verpflichtung für ein Leben übernimmt, die nicht mit den nächsten Ferien endet. Außerdem warnt Witte vor Aufnahmen aus dem Auslandstierschutz. Längst sei dieser ein lukratives Geschäft geworden. Mag es auch seriöse Anbieter geben, die auch nach der Aufnahme eines Tieres erreichbar sind, so sei dies mittlerweile die Ausnahme. Auch bei privaten Abgaben sollten die Interessenten wachsam sein, wenn beispielsweise ein Übergabeort vereinbart wird und sie das bisherige Heim nicht zu sehen bekommen. Für Elsi, Rüdiger und die vielen Hunde und Katzen im Tierheim wünschen sich Witte und ihr Team, dass sie nun ein dauerhaftes und gutes Zuhause finden. Aus diesem Grund sind die Hildesheimer Tierschützer auch besonders achtsam, bevor sie ein Tier abgeben. Schließlich sollen die Schützlinge möglichst nicht zurückkehren.

„Es wird wirklich immer schlimmer“, sagt Martina Dechant, die Vorsitzende des Tierschutzvereins Hildesheim und Umgebung. Sie verstehe die Menschen nicht mehr, und wenn kein Umdenken stattfinde, dann fürchte sie sich vor der Zukunft.

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Meinung: Empathie und Respekt

Welche Werte hat unsere Gesellschaft? Empathie und Respekt sind für viele Menschen wichtig. Sie leben danach, haben ihren Nächsten im Blick und nicht nur das eigene Wohlergehen. Und dann gibt es die, denen das Wurst ist. Die nur das eigene Wohl ist wichtig, alles andere ist wertlos.

Das ist offenbar auch beim Umgang mit Tieren so. Entweder tun Menschen alles für ihre Tiere, von der medizinischen Versorgung bis zum Verzicht auf Fernreisen, oder aber sie haben kein Respekt vor dem Leben, das sie sich ins Haus geholt haben. Was im Hildesheimer Tierheim so drastisch sichtbar wird, sind die Folgen von Gewalt, Vernachlässigung. Scheinbar ohne schlechtes Gewissen.

Wie das möglich ist, erschließt sich wohl keinem Andersdenkenden. Wie man der Lage Herr werden kann? Dafür gibt es kein Rezept. Vielleicht würden höhere Strafen etwas bringen, aber wer setzt sie durch, in einem Land, in dem Lebendtiertransporte in Richtung Afrika noch nicht mal untersagt werden?

Die Vorsitzende des Hildesheimer Tierschutzes sagt, sie fürchte sich vor der Zukunft. Verständlich.

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