Hildesheim - Einer der schönsten Momente der Hildesheimer Wallungen ereignet sich fast im Verborgenen: Nach dem umjubelten Auftritt von Ton Steine Scherben am Samstagabend haben einige Fans nicht genug und wollen unbedingt noch „Junimond“ hören. Birte Volta, Hildesheimerin und neue Frontfrau der Scherben, erbarmt sich, packte etwas abseits vom Geschehen die Gitarre wieder aus und stimmte Rio Reisers Klassiker im Nieselregen an. Die Fans können ihr Glück kaum fassen, singen das Stücken aus Leibeskräften mit, Wort für Wort.
Am Freitagabend hatte Eclipsed By The Moon den Wallungen mit ihrer Pink-Floyd-Show den perfekten Auftakt beschert. Es mögen an die 3000 Menschen gewesen sein, die im Ehrlicher-Park Songs wie „Money“, „Wish You Were Here“ oder „Another Brick In The Wall“ feierten – mit Lasershow, runder Videoleinwand und großem Lichtbesteck. Etwas getrübt wurde der erste Abend von den langen Schlangen an den Ess- und Getränkeständen. Für eine Bratwurst musste man teilweise eine halbe Stunde anstehen – die meisten Leute nahmen es mit Fassung.
Birte macht das megageil
Der Auftritt von Ton Steine Scherben am Abend darauf hat für viele Besucherinnen und Besucher eine ganz besondere Bedeutung. „Dass wir das erleben dürfen!“, staunt ein Zuhörer. „Ich hab noch nie eine Gänsehaut gekriegt, ich bin nicht so der Typ“, erzählt ein anderer, „aber heute Abend war es so weit.“ Und immer wieder ist zu hören: „Birte macht das megageil.“
Zusammen mit den Ur-Scherben Kai Sichtermann und Funky Götzner an Bass und Cajon holt die Hildesheimer Musikerin Klassiker wie „Keine Macht für niemand“, „Macht kaputt was euch kaputt macht“ oder „Halt dich an deiner Liebe fest“ in die Gegenwart. Dass es dabei die ganze Zeit regnet, hätte nicht unbedingt sein müssen, stört aber auch niemanden sonderlich.
Mit Einbruch der Dunkelheit entfalteten die Wallungen dann ihr besonderes Flair. Beleuchtete Kunstinstallationen auf den Teichen, rot illuminierte Bäume im Kehrwiedergrund, eine kleine, spärliche schimmernde Chillstation mit Matratzen unterm Regenschirm, Lichterketten auf dem Wall, die große Videoprojektion am Weinbergtunnel: Man kann sich einfach treiben lassen, von den Liedermacher-Klängen mit Strom und Wasser am Gefängnis zu den Rappern Nim77; Läsh und Karanova am Käsekeller hin zum Techno von Kasimir Effekt an der Goschenbühne – live gespielt mit Schlagzeug, Kontrabass und Keyboards. Heißt: Abtanzen, was das Zeug hält.
Und danach dann wieder ganz andere Eindrücke, pünktlich ab 23 Uhr die „Leise Nacht der Kultur“. Viele besorgen sich am Käsekeller drahtlose Kopfhörer, um zu Beats auf drei verschiedenen Kanälen weiterzutanzen. Andere zieht es zu den Bühnen im Park, wo es nun unverstärkte oder kaum verstärkte Musik gibt. Bonsai, ein schräges Freistil-Jazz-Trio mit Schlagzeug, Bassklarinette und Posaune, findet am Wiesendreieck ein konzentriertes, fasziniertes Publikum.
Gleich um die Ecke, auf der Gefängnisbühne – Mitternacht ist längst vorüber – singt der Münchener Songwriter Til Waldhier mit seiner Akustikband eigene Stücke. Es sind einfühlsame Lieder mit wunderbar samtiger Stimme. Über dem Teich und am Wall erhebt sich derweil die eindrucksvolle Lasershow des Ateliers Licht.n.Stein. Ein Augenschmaus mit immer neuem Wechselspiel von Licht und Kunstnebel.
Das geht bis in tief in die Nacht, doch schon am späten
Sonntagmorgen füllt sich das Gelände wieder mit Menschen. Jetzt ist es freilich eine ganz andere Atmosphäre. Die Sonne scheint, Daniel Schürers Kittelschürzen-Ausstellung, die den Wallweg säumt, pendelt sanft im Wind. Viele Familie sind mit ihrem Nachwuchs gekommen und erkunden das reiche Angebot an Kindertheater, Ratespielen, Bastelangeboten, Metallwerkstatt oder Cajon-Workshop – und natürlich weiterhin viel Livemusik. Erst am späten Nachmittag läuten der Capt’n auf der Parkbühne und Ronja Maltzahn auf der Gefängnisbühne das Finale ein.
Manchmal werden einem die vielen Sinneseindrücke fast zu viel – hier ein Chor, der „Sweet Dreams“ von den Eurythmics a-cappella anstimmt, dort das jugendliche Duo Botanik, das in schwindelerregender Höhe Baumakrobatik vorführt, ein paar Schritte weiter afrikanischer Tanz am Wiesendreieck und Seifenblasengestöber am Geschichtenzelt. Das tfn-Ensemble mit den Highlights aus „Das Leben des Brian“, harter Stoner-Rock mit Holz, die Impro-Show von Schmidt’s Katzen. Obendrein die Außenspielorte St. Godehard, Dommuseum und HAWK, wo ein Kreativmarkt das Publikum anlockt.
Zum Glück gibt es auch die ganz ruhigen Momente, etwa im Zelt des Literaturhauses St. Jakobi, wo man sich am Samstagabend auf großen Kissen fläzen kann und Michael Endes „Momo“ vorgelesen bekommt. „Manche sind auch eingeschlafen“, erzählt Jakobi-Intendantin Sarah Sophia Patzak schmunzelnd.
Die Vielfalt ist Trumpf
Es ist genau diese Vielfalt, die die Wallungen so besonders macht – da sind sich die Besucherinnen und Besucher einig. Am Samstag hätte das Wetter etwas besser sein dürfen, wie meistens bei den Wallungen. Ein Erfolg war das Festival allemal. Die Auswertung der Publikumszahlen wird noch ein paar Tage dauern, Schätzungen des Festivalteams gehen von rund 7000 Menschen aus. Das reicht, um schwarze Zahlen zu schreiben: 2025 gibt es ein Wiedersehen.
Eine große Bildergalerie zu den Hildesheimer Wallungen finden Sie hier.




