Hildesheim - Über 100 Jahre war das Städtische Krankenhaus Hildesheim am Weinberg ein fester Anlaufpunkt für Patienten, Besucher und Mitarbeiter – mit der Privatisierung 2005 endete dieses Kapitel der lokalen Medizingeschichte. Das neue Klinikum Hildesheim zog wenige Jahre später auf das Gelände der ehemaligen Ledebur-Kaserne. Am alten Standort wuchsen der Hochschul-Campus der HAWK und ein ganz neues Wohnviertel aus dem Boden. Einige denkmalgeschützte Bauten erinnern aber noch immer an die turbulente Anfangsphase.
20 Hospitäler – vor allem für Pilger
Die Gesundheitszentren heutigen Zuschnitts sind eine moderne Errungenschaft: Krankenpflege war zuvor eine private Aufgabe, die im Kreis der Familie und von weiteren Angehörigen geleistet wurde. Das mittelalterliche Hildesheim verfügte zwar über die stattliche Zahl von fast 20 Hospitälern, doch die waren – die Bischofsstadt hatte eine große Bedeutung als Ziel und Zwischenstation von Wallfahrten –, vorrangig zur Aufnahme von Pilgern da. Viele öffneten ihre Pforten darüber hinaus für Alte, Alleinstehende und Arme, lediglich Pest- und Leprakranke wurden in eigenen Einrichtungen versorgt.
Medizinischer und hygienischer Fortschritt gingen aber auch an der Innerstestadt nicht vorbei, die politischen Veränderungen nach dem Sturz Napoleons änderten die Rahmenbedingungen, nun begann sich der Staat um die medizinische Versorgung der Untertanen zu sorgen, neue Standards nahmen auch die Kommunen in die Pflicht.
Auf dem Gelände des früheren Kartäuserklosters am Ende der Neuen Straße wurde 1838 das erste lokale Krankenhaus eröffnet, 1852 gesellten sich die Barmherzigen Schwestern vom Orden des heiligen Vinzenz von Paul dazu. Bis zur Reichsgründung verdoppelte sich die Bevölkerungszahl nahezu, doch der Platz in der Kartause war begrenzt, die Stadt suchte nach einer Alternative – und wurde am Weinberg vor den Toren der Stadt fündig. Spendenaufrufe anlässlich der Goldenen Hochzeit des Kaiserpaares (die Gedenktafel ist noch im ehemaligen Empfangsgebäude zu sehen) legten das Fundament zur Finanzierung, ab 1894 konnte Stadtbaurat Gustav Schwartz seine Pläne realisieren. Ein Jahr später nahm das Krankenhaus die ersten Patienten auf.
Frische Luft galt schon damals als gesundheitsfördernd, und im Gegensatz zu den stickigen, auch in den Hinterhöfen eng bebauten Straßenzügen der Altstadt kam hier der Pavillon-Stil zum Zug: Ständiges Durchlüften war in diesen kleineren Baueinheiten kein Problem.
Das Städtische Krankenhaus war als kleine Stadt konzipiert
Schwartz hatte das Krankenhaus als kleine Stadt für sich konzipiert. Eine Umfassungsmauer riegelte das Areal nach außen ab, Besucher mussten zunächst den imposanten Haupteingang passieren und konnten dann – wie in einem römischen Marschlager – durch die Reihen der Pavillons schreiten. Chirurgie und innere Station waren getrennt untergebracht, auch Krankengymnastik war bereits ein Thema, Versorgungsbauten wie Küche, Maschinenhaus, Desinfektionsanstalt oder Totenhaus hatte Schwartz an der heutigen Renatastraße konzentriert.
Bis zu seinem Tod 1910 war der Stadtbaurat am Krankenhaus aktiv, konnte aber längst nicht alle Pläne realisieren. Das Bauen ging aber unter seinen Nachfolgern munter weiter, von der Pavillon-Idee rückte man ab, die Versorgung der Verwundeten des Ersten Weltkrieges brachte neue Herausforderungen. Auch Weimarer Zeit, NS-Gewaltherrschaft und Zweiter Weltkrieg hinterließen am Städtischen Krankenhaus ihre baulichen Spuren, die Bombenangriffe verursachten aber nur leichtere Schäden.
Nach Kriegsende stiegen Einwohner- und Patientenzahlen weiter an, Hildesheim war auf dem Sprung zur Großstadt, das kleinteilige Konzept der Gründerzeit war nun vollends passé. Ein siebengeschossiges Bettenhaus entstand, die Pavillons I bis III mussten einem Funktionstrakt weichen, ein Hubschrauber-Landeplatz mit eigener Beleuchtung entstand. Kaum ein Jahr verging am Weinberg ohne den Anblick von Handwerkern und Gerüsten. Zuletzt bezog die Unfallchirurgie mit den Intensivstationen ihr neues Quartier, da hatte sich allerdings bei dem mittlerweile als GmbH geführten Städtischen Krankenhaus schon ein gewaltiger Schuldenberg aufgetürmt.
Verkauf und Umzug waren die Folge. Der Stadtrat entschloss sich, das Haus an einen privaten Träger zu verkaufen: Am 1. Januar 2005 wurde es zum Rhön-Klinikum. Die AG war damals einer der drei großen privaten Krankenhauskonzerne in Deutschland.
Schuldenberge, Verkauf und dann der Umzug
Ursprünglich wollte Rhön das Krankenhaus am Standort Weinberg Zug um Zug sanieren, denn nicht nur das siebenstöckige Bettenhaus anno 1962 war in die Jahre gekommen. Da eröffnete der Abzug der Bundeswehr eine neue Option: für einen Neubau in der Oststadt, auf dem verlassenen Gelände der Ledebur-Kaserne. Am 30. April 2008 wurde der Grundstein gelegt. In nur 40 Monaten wuchs an der Senator-Braun-Allee das neue Klinikum in die Höhe; zentral gelegen und nicht weit weg von der Autobahn, der B1, der B6. Aus den anfangs geplanten Kosten von 80 wurden allerdings schließlich 120 Millionen Euro.
Am 9. September 2011 stand die Einweihung an, am 10. und 11. September zog das gesamte Krankenhaus bei laufendem Betrieb um. Eine planerische Meisterleistung. Im März 2014 kaufte dann Helios von der Rhön AG insgesamt 39 Krankenhäuser und 11 medizinische Versorgungszentren – darunter auch den Standort Hildesheim. Die Helios-Gruppe ist einer der größten Anbieter von stationärer und ambulanter Patientenversorgung in Europa und betreibt das Klinikum als Nachfolger des einstigen Städtischen Krankenhaues bis heute.
Vom alten Pavillon-Krankenhaus der Anfangszeit am Weinberg haben nur das Empfangsgebäude, die Hautklinik sowie ein Wohnhaus erfolgreich den Zeitläuften trotzen können. Und das 1980 zur Pathologie umgebaute Totenhaus, oder „Todtenhaus“, wie es in einem historischen Lageplan von 1896 zur „Städtischen Krankenanstalt zu Hildesheim“ bezeichnet wurde.
Während die anderen übrig gebliebenen historischen Gebäude nach dem Umzug des Klinikums in Stand gesetzt wurden und genutzt werden, steht die denkmalgeschützte Pathologie nach wie vor leer – allerdings gibt es inzwischen Anzeichen dafür, dass nun endlich doch in absehbarer Zeit Leben einzieht und der Bau nicht weiter leer steht und verfällt.
Neue Nutzung nach langem Leerstand der Pathologie?
Sehr konkret waren die schon einmal, damals im Jahr 2011, als die AWO das über die Immobilienabteilung der Sparkasse vermakelte Gebäude gekauft hatte und verkündete, dort ein Bistro einzurichten. Psychisch und körperlich beeinträchtigte Menschen sollten eine Chance bekommen und in Küche und Service arbeiten, die Aktion Mensch sagte Fördermittel zu. Doch aus dem Vorhaben wurde nichts, die AWO zog die Reißleine und verkaufte das zuvor von der Lüder-Immobiliengruppe erworbene Gebäude an einen Hildesheimer Unternehmer. Der soll damals zunächst geplant haben, mit seiner eigenen Firma einzuziehen, aus baulichen und Platzgründen wurde daraus aber nichts. Auch die Verpachtung an die Restaurant-Kette L’Osteria war zwischenzeitlich angedacht, später folgten Verhandlungen mit der Stadtverwaltung über eine ganz andere Nutzung: eine Kindertagesstätte könne dort eingerichtet werden, so die Idee. Doch auch aus diesem Konzept wurde letztlich nichts, seit Anfang 2020 war es vom Tisch.
2021 kaufte schließlich die Hildesheimer Hanseatic Gruppe die Pathologie. Die Verantwortlichen hielten sich allerdings zunächst bedeckt, was ihre weiteren Pläne anging. An der benachbarten HAWK harrte man der Dinge, Studierende entwickelten eigene Ideen, wie sich der historische Backsteinbau nutzen lassen könnte. Nach langem Schweigen der Besitzer, kommt nun Bewegung in die Angelegenheit. In Absprache mit der städtischen Denkmalschützerin Maike Kozok eröffnet nun zunächst ab Mai ein Biergarten auf Zeit direkt neben der Pathologie. Und 2025 könnte es dann tatsächlich soweit sein, dass die Pathologie umfassend saniert und für eine neue Nutzung hergerichtet wird. Es deutet einiges darauf hin, dass es um ein gastronomisches Angebot geht.
Von Sven Abromeit und Jan Fuhrhop







