Zivilcourage

Hildesheimerin will verletzter Frau helfen – und gerät plötzlich selbst ins Visier des Täters

Hildesheim - Ein Mann attackiert seine Freundin auf offener Straße, es fließt Blut. Eine Hildesheimerin eilt ihr zur Hilfe und gerät plötzlich selbst ins Visier des Täters. Wie es ihr heute geht – und welche Tipps die Polizei gibt.

Der Tatort: Lea K. deutet auf den Balkon, gegen den der 37-Jährige seine Freundin schubste. Foto: Robin Pardey

Hildesheim - Es ist fast zwei Wochen her, dass die Hildesheimerin Lea K. (Name von der Redaktion geändert) einer 36-jährigen Frau zu Hilfe eilte – und dadurch plötzlich selbst in das Visier eines Mannes geriet, den die Polizei bereits suchte.

Es passierte am Freitag, 31. Mai, gegen 20 Uhr an der Ecke Einumer Straße/Orleansstraße. Lea K. sah, wie der 37-Jährige eine Frau von hinten gegen einen Balkon schubste, der über den Fußweg ragt. Wie die Polizei später mitteilte, handelte es sich bei den beiden um ein Paar, bei dem ein Streit ausgebrochen war. Die Frau stieß mit dem Kopf gegen den Vorbau und ging zu Boden, während der Mann weiterlief und schließlich verschwand. Lea K. lief zu ihr und bot an, die Polizei und den Rettungsdienst zu rufen. Die Frau lehnte ab, und so half Lea K. ihr beim Aufstehen.

Angreifer kehrt zurück

Plötzlich habe die Frau ängstlich an ihr vorbeigesehen und gerufen: „Oh Gott, er kommt zurück!“. Als Lea K. sich umdrehte, war der 37-Jährige noch etwa drei Meter von ihr entfernt. „Er schaute mich mit starrem Blick an, als würde er durch mich hindurchblicken“, erinnert sich Lea K.. Die Option wegzulaufen hatte sie schnell verworfen, denn dem Angreifer den Rücken zuzukehren, hielt sie für eine schlechte Idee. Stattdessen streckte sie den Arm aus und rief mit lauter Stimme: „Nicht näher kommen. Lassen Sie uns in Ruhe. Ich rufe die Polizei!“

Das schien für einen kurzen Moment zu wirken, doch dann habe der Mann erneut versucht, seine Freundin zu attackieren. Da die sich hinter der Hildesheimerin versteckt hatte, begann der Mann nun Lea K. zu schlagen und zu schubsen. Die 27-Jährige trainiert in ihrer Freizeit Krav Maga, eine Kampfkunst zur Selbstverteidigung, und konnte die Attacken abwehren. „Ich schrie laut um Hilfe, doch niemand kam, um uns zu helfen“, blickt Lea K. zurück. „In der Situation fühlte ich mich hilflos und alleingelassen.“ Wie sich später herausstellte, griff zwar niemand sonst aktiv in das Geschehen ein, doch es gab weitere Personen, die das Geschehen mitbekamen und die Polizei informierten.

Zeugen informieren Polizei

Da die Angriffe des Mannes immer stärker wurden und Lea K. nicht wusste, wie lange sie dem noch standhalten konnte, lief sie nach eigenem Bekunden laut schreiend und wild mit den Armen wedelnd Richtung Straße, um Hilfe zu holen. Diese Gelegenheit nutzte der Angreifer. Lea K. sah, wie er seiner Freundin mit der Faust ins Gesicht schlug, so dass Blut spritzte. Die Frau ging erneut zu Boden doch dieses Mal setzte der Mann seinen Angriff fort. „Ich hatte Panik“, sagt Lea K.. „Es war schrecklich anzusehen, doch ich konnte nicht tatenlos zusehen, denn ich hatte die Befürchtung, er schlägt sie tot.“ Deshalb schrie sie weiter „aufhören“ und zog von hinten an der Kapuze des Mannes. Dadurch musste sie erneut Attacken auf sich abwehren.

Ob es ihr resolutes Auftreten oder der anrollende Rettungswagen war, lässt sich schwer sagen, aber auf einmal floh der Mann Richtung Moltkestraße. Nach Angaben der Polizei wurde er dabei von einer Zeugin verfolgt, wodurch die eintreffenden Beamten den 37-Jährigen kurz darauf stellen konnten. Der Mann stand laut Polizei unter Alkoholeinfluss und zeigte auf offener Straße den sogenannten „Hitlergruß“. Zudem beleidigte er die Einsatzkräfte und leistete vor Ort wie auch bei der späteren Blutentnahme auf der Wache an der Schützenwiese erheblichen Widerstand.

Ein Gefühl von Hilflosigkeit

Die Polizei leitete daher mehrere Strafverfahren wegen Körperverletzung, Beleidigung, tätlichen Angriffs und Widerstandes gegen Vollstreckungsbeamte sowie wegen des Verwendens von Kennzeichen verfassungswidriger und terroristischer Organisationen gegen den Mann ein. Er wurde schließlich in eine Justizvollzugsanstalt gebracht, denn eine Überprüfung ergab, dass bereits ein Haftbefehl gegen ihn vorlag.

Lea K. blieb nach eigenen Angaben zumindest körperlich unverletzt. Zwei Tage lang sei es ihr aber schwergefallen, das Haus zu verlassen. „Das Problem war gar nicht mal der Angriff selbst, sondern vielmehr dieses Gefühl der Hilflosigkeit“, sagt sie, als sie knapp zwei Wochen später am Ort des Geschehens steht. Es seien vor allem Gespräche mit ihrem Partner, Freundinnen vom Krav Maga und ihrem Trainer gewesen, die ihr geholfen haben, das Erlebte aufzuarbeiten. Was bleibe, sei ein unsicheres Gefühl, wenn Leute hinter ihr gehen. Und die Sorge, dass niemand eingreift, wenn sie um Hilfe schreit.

Tipps der Polizei

Dennoch ist sie froh, geholfen zu haben. „Ich würde es wieder tun“, sagt Lea K.. Sie erwarte von niemandem, sich in Gefahr zu bringen, und hätte sich selbst auch nicht auf einen Schlagabtausch eingelassen, wenn sie nicht schon mitten in der Situation gesteckt hätte. Sie sei den Menschen dankbar, die hilfsbereit zu ihr kamen, als die Gefahr gebannt war. Doch sie wünscht sich, dass Zeugen in einem solchen Fall mehr Präsenz zeigen, laut rufen und so den Täter einschüchtern und dem Opfer zeigen: „Du bist nicht allein.“

Ähnlich sieht es die Polizei: Es sei oft schwer abzuschätzen, wie ein Täter reagiert und ob er bewaffnet ist, teilt Polizeisprecher Jan Makowski auf HAZ-Anfrage mit. Er empfiehlt daher, andere Passanten auf die Situation aufmerksam zu machen, sofort den Notruf zu wählen und dabei eine möglichst detaillierte Täterbeschreibung und Fluchtrichtung abzugeben. „Bei einer möglichen Verfolgung eines Täters ist auf genügend Sicherheitsabstand zu achten. Im Zweifel oder bei Gefahr für die eigenen Person sollte eine Verfolgung abgebrochen werden“, schreibt Makowski.

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