Hildesheim - Kurz bevor die „Hölle“ ganz geschlossen wird, rückt noch einmal diese wilde Psychobilly-Band aus London an: The Meteors. Einfache harte Gitarrenriffs, knatternde Stimme, Slap-Bass, die Stücke in der Regel schon wieder beendet, ehe sie richtig begonnen haben. Innerhalb kürzester Zeit verwandelt sich die Tanzfläche des alten Bebops An der Wilhelmshöhe, im Volksmund der Stadt „Hölle“ genannt, in eine brodelnde Menschenmasse. „Irgendwann fingen die Jungs an, die Dielen aus dem Fußboden zu reißen“, erinnert sich Thomas Eichele. Er war 16 Jahre alt und an jenem 25. Januar 1986 mitten drin in diesem kochenden Meer aus pulsierender Energie, Lebensfreude und Wahnsinn.
Der Laden ist gerammelt voll. Viele in Hildesheim stationierte englische Soldaten haben sich eingefunden, um hier über der Stadt die Band zu erleben, die 50er-Jahre-Rock’n’Roll, Rockabilly und Punk zu einem völlig neuen Stil verquirlt. Psychobilly ist eine raue Musikrichtung. Die Songs sind schnell und hart, die Fans oft wenig zimperlich. Die meisten tragen diese markante Frisur, raspelkurz, abgesehen von einem „Flat“ genannten Horn an der Stirn, das dank Haarspray mitunter beachtliche Dimensionen erreichen kann und nicht selten an eine Bürste erinnert.
Auf der Vorderseite: Meteors-Frontmann Fenech mit Psychopaten-Anstrich
38 Jahre später sitzt der Mann, der heute ein kleines Zerspanungs-Unternehmen in Hasede führt, etwa einen Kilometer Luftlinie vom Ort des Geschehens entfernt an seinem Terrassentisch und legt einen Stapel Konzert-Eintrittskarten vor sich. Ganz oben liegt eine orangefarbene, die zum Besuch des Meteors-Konzerts berechtigte. Wie damals üblich ist eine der Ecken abgerissen, um sie zu entwerten. 10 Mark kostete die Karte. An der Abendkasse 12 Mark.
Aus den Tagen nach dem Konzert im Bebop muss auch das graue T-Shirt stammen, das Eichele jetzt trägt. Kurz gesagt: So müssen Lieblings-T-Shirts aussehen, die einen zu Dutzenden Konzerten begleitet haben. Über die jede Menge Bier floss, die schweißgetränkt waren und an denen heftig gezerrt wurde. Vorn auf dem verwaschenen Stoff ist der Frontmann der Meteors, Peter Paul Fenech, mit künstlerisch-blutverschmiertem Mund zu sehen. Fenech, der die Bühnen seit rund 40 Jahren mit Psychopaten-Anstrich betritt, gilt manchem als Erfinder der Musikrichtung.
„Obsessed boy turned killer after seeing bizarre band“
Wann und wo genau er das Shirt damals kaufte, kann Eichele, den in Hildesheim viele Menschen seit Jahrzehnten nur unter seinem Spitznahmen „Shorty“ kennen, auch nicht mehr sagen. Aber man sieht dem Stoff an, dass er schon viele wilde Konzerte und Partys hinter sich hat. „Obsessed boy turned killer after seeing bizarre band“ hat die Band damals auf die Rückseite drucken lassen. Vorn ein Foto des üppig tätowierten Frontmanns Fenech.
Hildesheims wohl größter Meteors-Fan stammt ursprünglich aus Ochtersum, wo Eicheles Vater ein Fliesengeschäft hatte. Vom Konzert im alten Bebop war er damals so begeistert, dass er in einer Bushaltestelle in der Nähe seines Wohnorts noch eines der Werbeplakate abkratzte, das die Tourbegleiter damals überall im Stadtgebiet aufgehängt hatten. Das Plakat ist eher klein, wellt sich von jahrzehntelanger Luftfeuchtigkeit – trägt aber schon damals den aus heutiger Sicht banal wirkenden Schriftzug, den die Briten nahezu ihr gesamtes Bandleben nutzten.
Auf Instagram nennt er sich „Psychobilly-Grandpa
Fotos auf Instagram zeigen „Shorty“ mit in der Szene bekannten Musikern. Auf Instagram nennt er sich „Psychobilly-Grandpa“ – obwohl er noch gar keine Enkelkinder hat. Wenn es irgendwann einmal so weit sein sollte, könnte er Geschichten bis zum Umfallen erzählen. Zum Beispiel die von der Oma seines Freundes Björn. „Die wollte damals immer meine Hose nähen“, erzählt er. Heute gehen junge Leute ja gern in einem Nichts aus Stoff auf die Straße. Das war früher anders. „Shortys“ Hosen waren wie bei vielen Psychobillys mit Domestos gebleicht, die dünnen Stellen rissen schnell ein.
Von den Meteors, im Original mit zwei spiegelverkehrten „E“ geschrieben, hat er viele T-Shirts. Etwa 40 der farbig bedruckten Konzertbesuch-Beweise legt er jetzt auf den Tisch vor sich. Eigentlich wären es noch mehr, aber viele sind schon im Müll gelandet. Die meisten stammen von The Meteors. Daneben gibt es Exemplare von Batmobile, Demented Are Go, Long Tall Texans, Klingonz, Nekromantix, Restless und weiteren bekannten Bands des Genres. Viele von ihnen treten noch heute auf. Und „Shorty“ ist bei fast allen Konzerten anzutreffen. Im vergangenen Jahr traten die Meteors in der Subkultur in Hannover auf. „Ich war da, bin aber draußen geblieben“, sagt Eichele grinsend. „Die spielen ja immer das selbe Programm.“


