Bockenem - Ein Junge, der 24 Stunden am Tag von zehn Fachleuten betreut werden muss, weil er kaum zu bändigen, die Gefahr, dass er ausrastet, sich oder andere gefährdet, einfach zu groß ist. Systemsprenger werden junge Menschen wie dieser Junge genannt. Das sind Mädchen und Jungen, die ein besonderes Problemverhalten zeigen, eines, das nur schwer zu behandeln ist. Die, die solchen Kindern helfen, sind die Mitarbeiter der evangelischen Jugendhilfe Bockenem. Aber nicht nur so extreme Fälle fallen in den Aufgabenbereich des Vereins.
Angebote zur Hilfe
Die Schwächsten der Gesellschaft, darum kümmert sich die Kinder- und Jugendhilfe Bockenem (JuhiBo) seit 60 Jahren. In diesem Zeitraum haben sich die Herausforderungen enorm verändert. Ebenso wie die Angebote zur Hilfe, wie die Jugendhilfe-Bockenem-Vorstandsmitglieder Michael Krause und Torsten Langrehr am Beispiel der Systemsprenger erklären.
Die Gesellschaft ist überfordert
Mädchen und Jungen, die die Gesellschaft schier überfordern, das System sprengen. Oft werden diese Betroffenen von Einrichtung zu Einrichtung weitergereicht. Mit dem Ergebnis, dass ihnen nicht geholfen wird. Nicht selten fallen diese jungen Menschen dann durch das soziale Netz, werden mitunter sogar straffällig. Das galt es bei dem Jugendlichen, der von der JuhiBo betreut wird, zu verhindern. „Wir haben ein pädagogisches Konzept für Systemsprenger entwickelt“, berichtet Torsten Langrehr, Koordinator für Soziale Gruppenarbeit, Kompetenztrainings und Projekte. Mittlerweile hat der Jugendliche mit Hilfe der Therapeuten so große Fortschritte gemacht, dass er in einer Einrichtung betreut werden kann.
Die Aufträge bekommt die JuhiBo vom Jugendamt. „Im Amt wird beraten, welches die beste Hilfe für ein Kind ist, und die wird dann eingekauft“, erklärt Geschäftsführer Michael Krause das Verfahren. Von der ersten Meldung bis zum Schritt der Hilfe vergeht meist viel Zeit. Zeit, in der sich Verhaltensauffälligkeiten manifestieren und oft nur langsam wieder abgebaut werden können. Niedrigschwelligere Angebote, etwa in Kindergärten oder Schulen, könnten ein Weg sein, um Familien schneller an die Unterstützung zu bringen. Seit zwölf Jahren ist die JuhiBo daher an einigen Schulen vertreten.
Kinderheimalltag in den 60er Jahren
Kein Vergleich zum Beginn der Arbeit 1963 in einem Kinderheim in Bockenem. Dort wurden damals etwa 20 Kinder in drei Gruppen von drei Pflegerinnen und -pflegern und der Heimleiterin betreut. „Anfang der 1960er Jahre waren Verhaltensauffälligkeiten bei Kindern noch nicht so ausgeprägt“, erklärt Michael Krause. Damals habe es mehr Orientierung für Mädchen und Jungen gegeben. Habe ein Kind im Kinderheim etwas angestellt, musste es zum Heimleiter. Züchtigungen waren die Folge. Aber auch in vielen Elternhäusern sei auf die schmerzhafte Grenzsetzung gesetzt worden. „Es war klarer, was man durfte und was nicht. Heute wird alles mit allen diskutiert“, sagt Krause. Dennoch ist auch Gewalt in der Familie immer wieder ein Thema. Therapeuten der Jugendhilfe unterstützen beispielsweise Familien dabei, langfristige Lösungen zu finden. Diese Hilfe findet im häuslichen Umfeld mit allen Familienmitgliedern statt. Sie lernen gemeinsam, gewaltfrei zu kommunizieren, respektvoll miteinander umzugehen.
Medienkonsum hat gravierenden Einfluss
Auch der Medienkonsum spiele eine große Rolle. In den 90er Jahren gab es in Einrichtungen für Kinder noch einen Fernsehraum. Man schaute gemeinsam fern, wie in den Familien. Heute sind die Medien überall und zu jeder Zeit konsumierbar. „Diese Einflüsse sind sehr gravierend für die Gesellschaft“, erklärt der Sozialpädagoge. Ebenso die Berufstätigkeit beider Elternteile. Denn nicht für jedes Kind sei es sinnvoll, schon früh in die Betreuung zu kommen. Die 165 Mitarbeitenden der JuhiBo hätten es immer wieder mit Eltern zu tun, die nicht wüssten, wie sie eine Nähe zu ihren Kindern entwickeln oder sie unterstützen können. „Auffälligkeiten, Armut, alles wird mehr. Aber es gibt auch mehr Antworten, wie man das begleiten kann“, sagt Krause. In Gruppen etwa lernen Mädchen und Jungen, wie sie Konfliktsituationen durchstehen oder wie sie sich mit anderen Meinungen auseinandersetzen können. Auch dabei helfen die ausgebildeten Therapeuten.
Mädchen und Jungen in Not entwickeln für sich Strategien, um mit ihrer jeweiligen Situation klarzukommen. Diesen jungen Menschen zu helfen, das hat sich die Jugendhilfe Bockenem zur Aufgabe gemacht. Dafür gibt es viele verschiedene Angebote, von der Wohn- bis zur Lerngruppe, Erziehungsfamilien, Tages- und Schulangebote.
Inklusion bis 2028
Die Entwicklung der Jugendhilfe ist eine, die wohl nie abgeschlossen sein wird. Ab 2028 wird die Jugendhilfe im Sinne der Inklusion zudem für junge Menschen mit Beeinträchtigungen zuständig sein. Auch für diese neuen Herausforderungen sehen Krause und Langrehr ihren Verein gerüstet. „Es gibt viele Möglichkeiten zu helfen“, sagt Langrehr. Wichtig sei, den Eltern die Angst zu nehmen, damit der Familie geholfen werden kann.
„Erziehung ist eine sehr herausfordernde Sache“, sagt Michael Krause, Vater von drei Söhnen. Auch Langrehr ist Vater, seine Tochter ist zwölf Jahre alt. Beruflich haben sie es mit Mädchen und Jungen zu tun, die oft eine wahnsinnige Hilflosigkeit ausstrahlten. Zeigen diese Kinder nach der Zusammenarbeit mit den Therapeuten Vertrauen, erleben sie, dass sie sich ohne Gewalt artikulieren können, dann hatte der Einsatz Erfolg. Diesen zu sehen, sei das Unbezahlbare in der Jugendhilfearbeit, sind sich Krause und Langrehr einig.
