Hildesheim - Jeden Tag veröffentlicht die Hildesheimer Allgemeine Zeitung ein Foto des Tages. Haben Sie auch einen ganz besonderen Schnappschuss gemacht? Dann senden Sie uns das Bild mit dem Betreff „Hingucker“ an redaktion@hildesheimer-allgemeine.de.
Wer auf dieser historischen Aufnahme nach Orientierung sucht, kann mal wieder einen Blick zu einer Kirche schweifen lassen. Denn die sieht auch mehr als 100 Jahre später nicht so großartig anders aus als damals – und wenn man weiß, dass es sich um die Hildesheimer Kreuzkirche handelt, dann kann man daraus auch schließen, dass wir auf dem Foto in die Kreuzstraße blicken. Die Straßenbahn-Schienen, die auf der Kreuzstraße zu erkennen sind, geben auch einen Hinweis, dass die Aufnahme von Franz Heinrich Bödeker (1836-1917) nach 1905 entstanden sein muss. Wer aber ahnt, was sich einst über Jahrhunderte im Haus mit der Nummer 18 abspielte? Dort befand sich früher Hildesheims ältestes Gasthaus – der „Neue Schaden“.
In der Setzschwelle im Obergeschoß ist das Erbauungsjahr 1541 des stattlichen Fachwerkhauses der Frührenaissance festgehalten. Die Bilderreihe daneben ließ vom Zeitpunkt des Neubaus an bei Besuchern keinen Zweifel am Zweck des Hauses aufkommen: In zehn Feldern war ein klassischer „Saufaus“ dargestellt. Im ersten Bild war eine Trinkerfigur zu sehen, die den Humpen zum Mund führt. Dann folgte eine Szene, in der sich der Zecher den Finger in den Mund steckt, dann kam das Unvermeidliche, das Herauswürgen, im Anschluss der Schwall des Übergebens, dann wird zum nächsten Krug gegriffen, es werden Heringe gegessen und wieder zur Schüssel zum Erbrechen gegriffen … An den Schmalseiten sind Köpfe zu sehen, deren Mienen man den wachsenden Abscheu bei der Betrachtung des Saufgelages gut ablesen kann.
Eine Gaststätte in Regie des Rates ist in der Kreuzstraße seit 1440 bezeugt, der Name „Neuer Schaden“ seit 1459 überliefert. Die Herkunft des Namens liegt allerdings im Dunkeln. Auch wenn zahlreiche Wirtshausraufereien und sogar Todesfälle aus der Geschichte bekannt sind, galt der „Neue Schaden“ doch immer als das vornehmste Bierlokal der Stadt. Denn ein Hausknecht sorgte dafür, dass Streithähne rechtzeitig vor die Tür gesetzt wurden, um sich draußen weiter zu prügeln. Weil der Sommer 1580 in Hildesheim ungewöhnlich heiß und trocken war, musste damals sogar Bier aus Goslar herangekarrt werden. Um 1720 wurde im Lokal ein Billardtisch aufgestellt. Die Stadt gab 1790 den Eigenbetrieb auf und verpachtete den „Neuen Schaden“, 1815 erfolgt der Verkauf.
Das Hildesheimer Adressbuch von 1930 liefert unter Kreuzstraße 18 den Eintrag „Keglerheim“ sowie „Christl. Gewerkschaftshaus, Christl. Gewerkschafts-Kartell, Zentr.-Verband der christl. Bauarb. Deutschl., Zentralverband christl. Fabrik- und Transport-Arbeiter, Christl. Metallarb.-Verband, Verb. D. weibl. Handels- und Büroangest. usw.“. Wer hier aber nun eine neue, eher mäßigkeitsorientierte Zweckbestimmung des Hauses vermutet, irrt: Bis zur Zerstörung 1945 schenke der Gastwirt Johannes Kaune hier natürlich weiter brav Bier aus. Unter anderem von der Brauerei Feldschlößchen aus Braunschweig.
Alle Hingucker auf einen Blick.
