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Historie des Hildesheimer Ratsbauhofs: Wo einst Balken, Bohlen und Donnerbüchsen verwahrt wurden

Hildesheim - Seit dem Mittelalter waren hier die Hildesheimer Stadtwerke zuhause, heute verbinden die meisten mit dem Namen eine Tiefgarage im Zentrum – ein Ausflug in die Geschichte des Ratsbauhofs.

Hildesheim - Großer Andrang herrscht hier heute noch, besonders in der Vorweihnachtszeit, dann künden die in die Rathausstraße zurückreichenden Wagenkolonnen davon, dass die Tiefgarage bis auf den letzten Platz besetzt ist. Lange Schlangen bildeten sich rund um das Areal auch im 19. Jahrhundert, wenn die Schafhalter der Region sich hier trafen, um die Jahresproduktion ihrer Tiere auf dem traditionellen Wollmarkt feilzubieten.

Das größte Grundstück im Besitz der Stadt bot dazu den perfekten Rahmen, wobei der Hof und die ihn begrenzenden Gebäude für die lokale Infrastruktur schon vorher eine zentrale Bedeutung hatten. Denn auch im Mittelalter verfügte ein Gemeinwesen über „Regiebetriebe“, die das Leben seiner Bürger und die Arbeit des Rates erleichtern sollten.

In Hildesheim zählten dazu mehrere Mühlen und Ziegeleien, der städtische Bier- und Weinkeller, die Ratswaage, der Marstall für die im Dienst der Kommune stehenden Pferde und Kutschen sowie ein Bauhof, auf dem Zimmerleute fleißig an Balken, Bohlen und Brettern sägten. Ob an der Stadtbefestigung oder am Rathaus, irgendwo musste immer etwas erneuert werden, außerdem wurden hier Kisten, Leitern oder Mobiliar gefertigt.

In den Haushalten taucht der Ratsbauhof erstmals 1381 auf, kurz danach ist der Umzug an die Scheelenstraße zum „Vresen-Vorwerk“ belegt, einem großen Bauernhof der vermutlich aus Friesland stammenden Familie Vrese. Der Clan hatte es im Dienst des Bischofs zu Reichtum und Einfluss gebracht, konnte daher die mühselige Landwirtschaft aufgeben, die Stadtväter ließen sich die attraktiven Flächen nicht entgehen.


Die neue Parkfläche im Zentrum erfreute sich schnell größter Beliebtheit, wie dieses Foto zeigt, erste Pläne für ein „Parksilo“ zur Linderung der innerstädtischen Parkraumnot wurden schon Anfang 1959 lebhaft diskutiert. Aufnahme von zirka 1960.

Neben dem Bauhof kamen noch Ross und Reiter unter, Stallungen und Scheunen boten ideale Bedingungen, feste Unterkünfte waren ebenso vorhanden. Das Vieh durfte zur Selbstversorgung zunächst bleiben, dann schoben die auf Etikette bedachten Ratsherren dem dörflichen Treiben einen Riegel vor, nur ein Ziegenbock teilte ausnahmsweise das Stroh weiter mit den Zossen. Diese wie Aberglauben anmutende Praxis wird noch heute von Züchtern als probates Mittel angesehen, dem Ausbruch von Krankheiten in Pferde- und Rinderställen vorzubeugen.

Das Aufgabenspektrum des Ratsbauhofs vergrößerte sich rasch, mit dem Aufkommen des Schwarzpulvers hatte sich das Waffenarsenal erweitert, für die Hildesheimer Musketen, Donnerbüchsen und Kanonen wurde ein Zeughaus gebaut, für den Nachschub an Waffen und Munition sorgte man selbst. Nicht nur in Kriegszeiten gab es für die Handwerker im Dienst der Stadt reichlich zu tun. Den Zugang zur lokalen Rüstungsschmiede sicherte seit 1540 ein stattliches Torhaus. Historische Fotos zeigen das geschnitzte Portal zur Scheelenstraße, zwei feuerspeienden Drachen waren die Wächter.


Bis zum Frühjahr 1945 war das weitläufige Areal des Ratsbauhofes nur über das prächtig verzierte Torhaus zur Scheelenstraße zu erreichen. Aufnahme von zirka 1905.

Die Durchfahrt erwies sich allerdings als zu klein, man stockte das Gebäude kurzerhand auf und zersägte dabei die beiden Fabelwesen, seither gingen Kopf und Rumpf an der Fassade getrennte Wege. Auch der in der Bischofsstadt über Jahrhunderte praktizierte Brauch des Maigrafenritts fand im Ratsbauhof seinen Anfang. Zu Pfingsten wollten die Stallknechte ihren Arbeitsplatz mit Birkengrün dekorieren, das innerhalb der Mauern nicht zu haben war. Man machte sich also zum Ilseforst bei Uppen auf, belud dort Wagen mit frisch geschnittenen Ästen und eilte zurück in die Stadt, dann folgte der gesellige Teil bei Bier und Spanferkel.

Der Zug wurde zur Tradition, ein eigens gewählter Maigraf übernahm die Führung und hatte für die Festivitäten im Anschluss Sorge zu tragen. Als Aufwand und Gelage immer größer und wüster wurden, schritt der Rat ein, 1782 war der Spaß endgültig vorbei, nur der prunkvolle Maigrafenbecher erfüllt alljährlich beim Ehrentrunk vor dem Schützenumzug immer noch seinen Zweck.


Als historisches Relikt erinnerte ein zunächst nicht abgetragenes Teilstück der Stadtmauer an die Geschichte des alten Ratsbauhofes. Aufnahme vom 16. Januar 1968

Technischer Fortschritt und Industrialisierung gingen auch am Betrieb auf dem Ratsbauhof nicht spurlos vorbei, der als Gefängnis genutzte Turm zur Zingel wurde abgebrochen, die Stadtbefestigung nicht mehr unterhalten, im Marstall richteten hannoversche Offiziere eine Reitbahn für die Garnison ein, dann trafen sich dort die Anhänger Turnvater Jahns zum gemeinsamen Sport. In die frei gewordenen Räume zogen als neuzeitliche Nutzer Feuerwehr und Müllabfuhr, der Ratsbauhof blieb so bis zur Zerstörung im Zweiten Weltkrieg zwar ein wichtiger, aber nicht mehr der zentrale Standort der kommunalen Dienstleister.

Beim Wiederaufbau degradierten die Planer der autogerechten Stadt daher die von den Trümmern geräumten Flächen zum Parkplatz, der erst Mitte der neunziger Jahre zu einem Wohn- und Geschäftshaus mit Tiefgarage umgestaltet wurde. An den altehrwürdigen Ratsbauhof erinnern nur der Straßenname der 1959 geschaffenen Verbindung zwischen Rathaus- und neuer Schuhstraße sowie die beibehaltene auffällige Fluchtlinie des an Stelle des Torhauses in der Scheelenstraße Nr. 2 errichteten Neubaus.


Aus der Luft wird die Ausdehnung des einstigen Ratsbauhofes besonders deutlich. Aufnahme von 1993

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