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Der Schriftzug ist nicht zu übersehen: „Sebalds Haartinktur“. Und auch wenn das Gebäude heutzutage sehr anders aussieht, war der Name „Sebald“ bis vor einigen Jahren noch am Zwerchgiebel des Backsteinkomplexes im Bischofskamp 3-5 zu lesen. Die historische Aufnahme zeigt den damaligen Neubau, der ab 1924 im Bischofskamp entstand – vorher waren dort nur Kiesgruben. (Foto: Archiv Verlag Gebrüder Gerstenberg)
Begonnen hatte alles im Sommer 1868 in einem windschiefen Fachwerkhaus im Kläperhagen unweit der Kreuzkirche. Der Friseurmeister Johann Sebald nahm sich vor, etwas gegen die „kreisfleckige Kahlheit“ zu tun, wegen der seiner Kundschaft büschelweise die Haare ausgingen. Er erfand ein Rezept, das für Generationen zum wohlgehüteten Firmengeheimnis werden sollte, eine Mixtur aus Kräuteressenzen, Duftstoffen und Alkohol. Probanden standen Schlange und ließen sich vom Meister mit dem Wässerchen behandeln. Und der Erfolg stellte sich ein! Nach 14 Tagen wuchsen auf den betroffenen Partien feine Härchen, nach zwei Monaten waren die kahlen Flecken verschwunden.
Besonders eingängig war der Slogan „Und hast Du auch fünf Haare nur – noch hilft Dir Sebald’s Haartinktur!“ Und so trat „Sebald’s Haartinktur“ von Hildesheim aus den Siegeszug um den Globus an. Der kam so richtig in Schwung, als nach dem Tod von Sebalds Sohn André der Rheinländer Joseph Peter (Jupp Pitter) Happ ins Geschäft einstieg – der auf der historischen Aufnahme gezeigte Neubau wurde 1928 eröffnet, 1931 gründete Happ eine Aktiengesellschaft.
In den besten Jahren der Firma sorgten Niederlassungen unter anderem in Berlin, Hamburg, Königsberg und München für den weltweiten Absatz des Verkaufsschlagers, sogar in Japan wurden Stammkunden beliefert. Happs Enkel Hans Rechl konnte nach dem Zweiten Weltkrieg noch einmal an die alten Zeiten anknüpfen, später übernahmen Konzerne wie Schwarzkopf und Klosterfrau die Regie, dann schlug die letzte Stunde des Wundermittels. Die Rezeptur, für die sich manch Betroffener interessieren würde, ist verschollen. Über 100 Jahre nach der Gründung endete die Erfolgsgeschichte, am 31. März 1974 wurde die Sebald GmbH liquidiert.
