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Wer sich auf dem Hildesheimer Marktplatz umschaut, hat meist vor allem Augen fürs Knochenhauer Amtshaus, das Bäckeramtshaus, das Tempelhaus, das Rathaus und die historischen Fassaden von Gildehaus und Sparkasse. Ein Wahrzeichen bleibt dabei manchmal ein wenig außen vor: der Brunnen mitten auf dem Marktplatz. Ihn ziert auf einer Wappentafel die Inschrift 1540. Im Volksmund hält sich die Bezeichnung „Rolandbrunnen“. Foto: Ruth Banduch
Mit dem legendären Neffen Karls des Großen hat die Figur auf der Säule oberhalb des Beckens aber nichts zu tun, ein einfacher Hildesheimer Stadtsoldat steht hier auf seinem Posten. Ursprünglich war er wohl mit einem Schwert bewaffnet, heute hält er eine Lanze in seiner Rechten. Im Gegensatz zu den Fachwerkhäusern überstand die Brunnenanlage die alliierten Bombenangriffe im Zweiten Weltkrieg nahezu unbeschädigt, allein ein übermütiger amerikanischer Besatzungssoldat schoss dem vermeintlichen Roland im Sommer 1945 den Kopf von den Schultern.
Mit Hilfe alter Fotos wurde das Standbild erneuert, angeblich soll dem Bildhauer als Vorbild ein Porträt Bismarcks gedient haben, gewisse Ähnlichkeiten mit dem Eisernen Kanzler sind tatsächlich vorhanden. Wie alle Steinbauten leidet der Marktbrunnen ab den 1960er-Jahren zunehmend unter schädlichen Umwelteinflüssen. Saurer Regen und der Zahn der Zeit hinterlassen ihre Spuren vor allem an den Reliefplatten, aber auch die Brunnenwanne muss regelmäßig erneuert werden.
1978 entschließt man sich, auf Blei zu verzichten und eine Version aus Polyesterharz in das Becken einzulassen. Bei der Installation hantiert ein Handwerker etwas zu leichtsinnig mit dem Gasbrenner, Stichflammen lodern plötzlich auf. Die Feuerwehr rückt zu einem paradoxen Einsatz aus und muss tatsächlich einen Wasserspender löschen. Den rußgeschwärzten Stadtsoldaten versetzt im Anschluss ein Hochdruckreiniger wieder in den alten Zustand.
Vier Jahre später ist die Kunststoffwanne schon wieder defekt, gut 50 000 Mark lässt sich die Stadt die Rückkehr zur bewährten, da dichten Bleiwanne kosten. Die Erosion des Sandsteins geht aber unvermindert weiter und bereitet nicht nur den Denkmalpflegern große Sorgen. Mit dem Beschluss zur Rekonstruktion des historischen Marktplatzes eröffnet sich eine ganz neue Perspektive, die viele Hildesheimer aber zunächst für einen Aprilscherz halten.
Der Brunnen, der während der Bauarbeiten für die Tiefgarage unter dem Marktplatz ohnehin versetzt werden müsste, soll ins Museum gebracht, an seiner Stelle eine originalgetreue Kopie aufgestellt werden. Möglich wird das durch einen Fund im Landesmuseum Braunschweig, hier hat man gerade Holzstiche von Georg Pencz aus dem frühen 16. Jahrhundert wiederentdeckt. Mit der von ihm gestalteten „Ehrenpforte der zwölf sieghaften Helden des Alten Testamentes“ als Vorbild gingen anno 1540 die Hildesheimer Bildhauer ans Werk und schnitten die Brunnenreliefs aus dem Stein. Der Königslutterer Bildhauer Georg Arfmann setzt diese Tradition nun fort und arbeitet die Kopie bis ins kleinste Detail nach. Im Frühjahr 1986 sprudelt aus dem neuen alten Brunnen wieder frisches Wasser. Das Dauerthema „Sanierung Marktbrunnen“ hat sich damit von der Tagesordnung der Ratssitzungen verabschiedet.
