Foto von früher

Historischer Hingucker: Kühles Bier aus dem Berg – als am Moritzberg noch der Felsenkeller lockte

Hildesheim - Unter der Erde reifte das Bier, darüber wurde es ausgeschenkt: Mehr als 70 Jahre lang war die Gaststätte „Zum Felsenkeller“ ein beliebter Treffpunkt am Moritzberg – bis Bomben ihr ein Ende bereiteten.

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Sonntagsstaat, Schirmmütze und weiße Kleidchen: Vor der Gaststätte „Zum Felsenkeller“ hat sich eine ganze Schar Gäste für den Fotografen aufgestellt, links davon ist der Eingang zum Bierlager im Berg zu erkennen, darunter lädt der Biergarten mit seiner Veranda zur Einkehr ein. Noch weist das Schild an der Fassade auf den Brauerei-Ausschank hin, lange sollte das Bier hier aber nicht mehr aus eigener Herstellung fließen. Der heutige historische Hingucker erinnert an einen Ort, an dem der Moritzberg einst gemeinsam anstieß.

Bier braucht Kälte, und die liefert im 19. Jahrhundert vor allem der Untergrund: 1872 treiben die Brauer am Moritzberg einen Keller in den Fels, ein Jahr später nimmt die Hildesheimer Brauergilde ihren Betrieb auf. In drei mächtigen, 4,50 Meter hohen Gewölbesälen lagern bis zu 54.000 Liter Gerstensaft über den Sommer, gekühlt mit Natureis, das man aus einem Teich an der Alfelder Straße heranschafft. Wer das Ergebnis kosten will, muss nicht weit gehen, gleich nebenan schenkt die verpachtete Gaststätte „Zum Felsenkeller“ aus.

Wirtschaftlich steht das Unternehmen allerdings auf wackligen Füßen. Schon 1880 ist die Gilde pleite, das Anwesen wechselt den Besitzer, 1892 firmiert die Brauerei unter dem Namen Victoria. Doch auch das bringt kein dauerhaftes Glück, 1905/06 folgt die nächste Insolvenz, die Hildesheimer Aktienbrauerei übernimmt und stellt das Brauen ein. In die Hallen ziehen später eine Chemiefabrik und ab 1920 der Hersteller Bartels, der hier Gürtel und Hosenträger fertigt. Die Gaststätte aber bleibt, Stammgäste und Ausflügler sitzen weiter gern auf der Veranda und im Biergarten.

Im Zweiten Weltkrieg suchen die Moritzberger im Keller Schutz vor Luftangriffen, 1945 werden Fabrik und Gasthaus zerbombt. Nur die Fabrik entsteht neu, der Felsenkeller verschwindet für Jahrzehnte hinter Mauern. Erst ein Verein holt ihn aus dem Dornröschenschlaf, schafft 140 Tonnen Schutt ans Tageslicht und lässt seit 2013 sogar wieder Victoria-Bier brauen. Wer die Gewölbe selbst erleben möchte, kann das an jedem ersten Freitag im Monat tun, eine Jacke sollte man bei konstant 13 Grad allerdings dabeihaben.