Kreis Hildesheim - Nachdem die Pegel von Leine und Innerste in der Region Hildesheim bis zum frühen Mittwochmorgen zunächst nicht weiter gestiegen sind, sondern stabil blieben, könnte sich die Lage an der Leine am Mittwochmittag wieder zuspitzen: Der Pegelstand bei Poppenburg erreichte neue Höchststände und lag um 10.45 Uhr mit 4,34 Metern einen Zentimeter über dem bisherigen Höchststand von Dienstagabend. Auch danach stieg er weiter an und liegt nun bei 4,36 Metern (Stand: 12 Uhr).
Der NLWKN hat zwar einen „gleichbleibenden Trend“ und höchstens einen minimalen Anstieg prognostiziert, der aktuelle Pegel liegt jedoch mittlerweile an der oberen Grenze der Prognose. Es ist nicht ausgeschlossen, dass der Pegel nun entgegen der Erwartung noch einmal stärker steigt.
Blick auf den Polder Salzderhelden
Ein Indiz dafür ist der Blick auf das Rückhaltebecken Salzderhelden, das aktuell mit 40,72 Millionen Kubikmetern Wasser gefüllt ist. Das ist der höchste Stand, seit der Niedersächsische Landesbetrieb für Wasser-, Küsten- und Naturschutz (NLWKN) Daten für das Rückhaltebecken aufzeichnet. Der Füllstand beträgt 110 Prozent – das Becken läuft also deutlich über.
Das Fassungsvermögen des Polders ist fast doppelt so groß wie das der Innerste-Talsperre – dennoch hat er sich in nur fünf Tagen komplett gefüllt. Nachdem dort im Laufe des Dienstags planmäßig der Höchstwert von rund 253 Kubikmetern Wasser pro Sekunde abgegeben wurde, waren es am Mittwochmorgen mit rund 238 Kubikmetern zwischenzeitlich etwas weniger – mittlerweile werden wieder 251 Kubikmeter abgegeben. Immerhin: Eine zwischenzeitlich befürchtete weitere Erhöhung der Abgabe auf bis zu 300 Kubikmeter pro Sekunde war bisher nicht nötig.
Blick auf den Pegelstand der Leine
Die Einsatzkräfte schauen seit Tagen mit Sorge auf den Polder, denn das Wasser, das dort abgegeben wird, fließt in die Leine – der NLWKN und die Harzwasserwerke erwarteten deshalb, dass sich die Lage in der Nacht zu Mittwoch vor allem rund um Sarstedt und Ruthe zuspitzen wird und es dort einen neuen Pegel-Höchststand geben wird. Der Landkreis hatte daraufhin reagiert und am Dienstag zudem den sogenannten Katastrophenvoralarm ausgelöst und ihn dann am Nachmittag sogar hochgestuft. Dadurch können zusätzliche Einsatzkräfte bei der Bekämpfung des Hochwassers eingesetzt werden. Zudem hat ab sofort der Landkreis den Hut für den gesamten Hochwassereinsatz im Kreisgebiet auf.
In Ruthe hatten sich die schlimmsten Befürchtungen für die Nacht nicht bestätigt. Der Ort liegt zwar auch am Mittwoch wie eine Halbinsel im See, den Leine und Innerste in diesem Bereich haben entstehen lassen – aber die große Überflutung des östlichen, tiefer gelegenen Teils des Dorfs ist ausgeblieben. Evakuierungen waren nicht notwendig. In Alfeld stagniert der Leine-Pegel auf hohem Niveau, die Lage bleibe „weiterhin angespannt“, so Bürgermeister Bernd Beushausen.
Ungewollte Entlastung für die Leine
Für unverhoffte Entlastung der Leine im Landkreis Hildesheim sorgt ein Dammbruch bei Northeim. Dort hat die Rhume, ein großer Zufluss der Leine, am Dienstag einen Deich durchbrochen, erhebliche Wassermengen fließen seither in den Großen See nordwestlich von Northeim statt in die Leine. Die Rhume ist für die Leine ein erheblicher Faktor: Obwohl nur ein Nebenfluss, führt sie im jährlichen Mittel fast doppelt so viel Wasser wie die Leine und trägt dementsprechend auch zum aktuellen Leine-Hochwasser bei. Unter den Zuflüssen der Rhume ist auch die Söse. Ist deren Talsperre im Harz voll, wirkt sich das also indirekt ein bisschen auf die Leine aus.
Für die Leine rechnet der Landkreis Hildesheim damit, dass die Pegelstände in Greene, einem Ort nahe Einbeck, (6,56 Meter, Stand 12 Uhr) und Poppenburg in den nächsten Tagen absinken.
Blick auf den Pegelstand der Innerste
Die Innerste-Talsperre im Harz ist, wie der Polder in Salzderhelden, nach wie vor übervoll, der Füllstand geht aber langsam zurück. Hier wird am Mittwochmittag aktuell mit 28 Kubikmetern Wasser pro Sekunden weniger abgegeben als am Morgen – und damit auch deutlich weniger als der Höchstwert von rund 48 Kubikmetern, der am Dienstagabend aus der Innerste-Talsperre floss. Zum Vergleich: Bis Montagmittag lag der Wert nur bei elf Kubikmetern pro Sekunde.
Der Pegelstand der Innerste in Heinde bleibt auch am Mittwochmittag laut NLWKN stabil und liegt aktuell bei 6,12 Meter (Stand: 12 Uhr) – das ist der niedrigste Stand seit Dienstagfrüh. Der NLWKN rechnet aktuell für den Innerste-Pegel im Laufe des Tages mit einem spürbaren Rückgang. Höchstwert im Zuge des aktuellen Hochwassers waren bisher 6,26 Meter am späten Heiligabend.
Blick auf die Nebenflüsse
Unverändert richtet sich der Blick zudem auf drei Nebenflüsse der Innerste oberhalb von Hildesheim. Der Pegelstand der Nette bei Groß Rhüden ist seit dem Stand von 6,45 Uhr am Morgen um weitere zehn Zentimeter gesunken, liegt aktuell bei 2,64 Metern (Stand: 12 Uhr) und damit immer deutlicher unter der dritten Meldestufe (2,80 Meter).
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Der Wasserstand der Lamme in Bad Salzdetfurth ist bis zu Mittwochmittag ebenfalls weiter leicht gesunken und liegt aktuell bei 2,24 Metern (Stand: 12 Uhr). Höchstwert im Zuge des aktuellen Hochwassers waren 3,30 Meter am Tag vor Heiligabend.
Auch der Wasserstand der Neile bei Sehlde (Samtgemeinde Baddeckenstedt) geht weiter zurück: Stand er am Dienstagmittag noch bei 1,97 Metern, sind es nun 1,36 Meter (Stand: 6.45 Uhr).
DWD hebt Unwetterwarnungen auf
Nach dem tagelangem Dauerregen hat der Deutsche Wetterdienst (DWD) mittlerweile auch seine Unwetterwarnungen aufgehoben – auch für den Harz, mit der für die Region Hildesheim relevanten Innerste-Talsperre, galt noch bis Dienstagmittag eine solche Warnung vor Dauerregen. Der Regen habe nachgelassen beziehungsweise an Intensität verloren, teilte der DWD mit. „Bis auf Weiteres ist mit keinen ergiebigen Niederschlägen zu rechnen.“
Hochwasser: Blick auf die betroffenen Gebiete am Mittwoch
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