Kreis Hildesheim - Die Hochwasser-Situation im Landkreis Hildesheim spitzt sich am Montagabend weiter zu. Vor allem im Südkreis blicken Verantwortliche und Anlieger sorgenvoll auf die Nacht, im Nordkreis, besonders bei Sarstedt, vor allem auf die nächsten Tage. Was die Lage verschärft: Die Hildesheimer Harzwasserwerke müssen inzwischen mehr Wasser aus der fast vollen Talsperre in den Fluss ablassen. Der Pegel der Leine im Westkreis steigt wieder, weil auch das Staubecken Salzderhelden weiter geöffnet wurde. Teile des Landkreises drohen im Würgegriff der beiden Flüsse zu versinken.
Düstere Prognose in Heinde
Der Pegelstand der Innerste bei Heinde ist im Lauf des Montags langsam zurückgegangen – vom Höchststand von 6,26 Metern am späten Heiligabend nach zwischenzeitlichem leichten Wiederanstieg auf nunmehr 6,08 Meter. Der Landesbetrieb für Wasser-, Küsten- und Naturschutz (NLWKN) rechnet aber bis Mitternacht mit steigenden Pegelständen, die am zweiten Weihnachtstag laut aktueller NLWKN-Prognose bis 6,50 Meter erreichen dürften. Das wäre spürbar mehr als der bisherige Höchststand im Zuge dieses Hochwassers (6,26 Meter). Zum Vergleich: Beim Juli-Hochwasser 2017 erreichte der Fluss bei Heinde den Rekordstand von 7,14 Metern.
Talsperre fast voll
Besonders besorgt blicken Innerste-Anlieger im Kreis Hildesheim in den Harz. Die Innerste-Talsperre ist im Lauf des Tages fast vollgelaufen, um 20.30 Uhr lag ihr Füllstand bei 98,5 Prozent. Um einen plötzlichen und unkontrollierten Überlauf zu vermeiden, haben die Harzwasserwerke als Betreiber die Wassermenge deutlich erhöht, die sie in den Fluss abgeben. Statt zehn Kubikmeter pro Sekunde sind es seit dem Nachmittag 15 Kubikmeter pro Sekunde, also 50 Prozent mehr. Noch immer fließt allerdings gleichzeitig deutlich mehr Wasser in die Talsperre hinein, so dass bald schlicht keine Kapazitäten mehr frei sein dürften. Dann dürfte noch mehr Wasser direkt weiter in die Innerste fließen.
Die Webseite der Harzwasserwerke mit weiteren Daten zu den Talsperren ist wegen der hohen Zugriffszahlen seit Stunden nicht erreichbar.
Drei Zuflüsse sinken leicht
Drei wichtige Zuflüsse der Innerste weisen weniger hohe Pegelstände auf als in den vergangenen Tagen. Der Wasserstand der Nette bei Groß Rhüden ist seit Heiligabend von 3,11 auf 2,84 Meter gefallen. Für die Nacht und den zweiten Weihnachtstag sagt der NLWKN dort allerdings einen Anstieg noch deutlich über den bisherigen Höchstwert hinaus bis auf 3,50 Meter voraus.
Die Lamme liegt am Pegel Bad Salzdetfurth am Montagabend bei 2,57 Metern. In der Nacht auf Heiligabend war sie bis auf 3,30 Meter angeschwollen. Der Wasserstand verändert sich aktuell ständig. Steigt die Innerste weiter an, könnte das aber den Abfluss der Lamme behindern und einen erneuten Anstieg ihres Pegelstandes auslösen.
Der Wasserstand der Neile bei Sehlde (Samtgemeinde Baddeckenstedt) sinkt nach zwischenzeitlichem Anstieg derzeit ganz langsam und liegt aktuell bei 1,62 Metern. Höchstwert dort waren 2,33 Meter in der Nacht zum Heiligabend. Für Lamme und Neile hat der NLWKN noch kein Prognosemodell etabliert.
Leine auf Höchstwert
Unterdessen hat die Leine am Pegel Poppenburg bei Burgstemmen ihren höchsten Stand im aktuellen Hochwasser erreicht. Er stieg um 20.30 Uhr auf 4,22 Meter. Zuvor war der Wasserstand von 4,21 Metern am Sonntagnachmittag auf 4,09 Meter am Montagmittag gefallen und dann wieder angestiegen. Der NLWKN sagt einen weiteren Anstieg in Richtung 4,40 Meter voraus.
Damit steht die Leine wohl auch in den nächsten Stunden und vielleicht sogar Tagen so hoch, dass sie im West- und Nordkreis für viele Überschwemmungen und Straßensperrungen sorgt – vor allem aber dafür, dass die Innerste bei Ruthe (Stadt Sarstedt) nicht gut in die Leine abfließen kann und sich dort deshalb zurückstaut und weitere Überflutungen auslöst.
Salzderhelden-Staubecken füllt sich rasend schnell
Auch entlang der Leine verhindert ein Staubecken bisher noch deutlich höhere Pegelstände – doch es füllt sich mit erheblicher Geschwindigkeit. Die Entwicklung dort macht zugleich deutlich, welche enormen Wassermassen sich aus Südniedersachsen nach Norden wälzen: Der Polder Salzderhelden bei Einbeck hat sich bis zum Montagabend zu 75,6 Prozent gefüllt. Die aufgestaute Wassermenge liegt inzwischen weit über der Kapazität der Innerste-Talsperre – und kam in nur viereinhalb Tagen zusammen.
Der NLWKN gibt dort inzwischen wieder deutlich mehr Wasser in den Fluss ab, um ein schnelles Volllaufen zu verhindern. 200 Kubikmeter pro Sekunde sind es inzwischen – ein Vielfaches der Wassermenge, um das es bei der Innerste-Talsperre geht. Füllt sich der Polder in Salzderhelden komplett, hätte das enorme Auswirkungen auf den westlichen und nördlichen Landkreis Hildesheim – und würde auch die Rückstau-Probleme mit der Innerste bei Ruthe weiter verschärfen.
Hochwasser: Blick auf die betroffenen Gebiete am Montag
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