Hochwasser 2023

Hochwasser in Ruthe: Eine Flut wie immer und doch anders

Ruthe - Die Menschen in dem Ort Ruthe sind erfahren, was Hochwasserlagen betrifft. Doch dieses Mal weicht es etwas ab – Gespräche über Anspannung, Hochwassertouristen und das Miteinander im Dorf.

Ortsbürgermeister Christoph Haferland zu Besuch bei Gunther Zielinski (orangene Weste) in dessen Garten in Ruthe. Foto: Julia Moras

Ruthe - Die Menschen in Ruthe sind hochwassererprobt. Vielleicht sehen sie deshalb den Wassermengen, die sich ihren Weg durch das Dorf bahnen, mit einer gewissen Gelassenheit entgegen. Gunther und Anja Zielinski sind vor knapp 20 Jahren in den Sarstedter Ortsteil gezogen – 700 Meter von der Mündung von Innerste und Leine entfernt. Alle paar Jahre findet sich die Mündung aber in unserem Garten wieder, sagt Gunther Zielinski. Vier Hochwasser hat die Familie bereits erlebt. Drei Pumpen ackern dann gegen die Fluten – vor und hinterm Haus und eine im Keller gegen das Grundwasser, was vom Boden hochdrückt. Business as usual, könnte man also sagen. Und doch ist es dieses Mal anders.

„Das Wasser war noch nie so schnell da“

Denn dass beide Flüsse gleichzeitig massiv ansteigen, dass Leine-Rückhaltebecken bei Salzderhelden und auch noch die Innerste-Talsperre im Harz übervoll laufen, das ist neu. „Das Wasser war noch nie so schnell da“, erinnert sich Anja Zielinski. Konnte das Brennholz um 4 Uhr früh am heiligen Abend noch trockenen Fußes aus dem Garten geholt werden, war dieser vier Stunden später voll. In der Folgezeit musste die überflutete Straße nach Sarstedt gesperrt werden, wurde eine Evakuierung vorbereitet. Der Landkreis löste erst Katastrophenvoralarm, dann ein außergewöhnliches Ereignis aus.

Ein Umstand, der aus der entspannten Grundstimmung im Ort, eine „entspannt-angespannte“ gemacht hat, wie Ortsbürgermeister Christoph Haferland sagt. Zumal sich Gerüchte und Halbwahrheiten über die sozialen Medien verbreiteten und die Sorge der Menschen – insbesondere der Neubürger – potenzierten. Dabei hatte die Avacon sich nur vorsichtshalber die Zählerkästen in den Kellern angeschaut und auf welcher Höhe sie angebracht sind. Nur wenn der Strom hätte abgestellt werden müssen, hätten Einwohnerinnen und Einwohner dreier Teilbereiche des Ortes womöglich ihre Häuser verlassen müssen. Die Vorwarnung einer möglichen Evakuierung hält Haferland daher für legitim und trägt jede Entscheidung der Stadt mit, wie er betont.

Doch ohne Strom, keine Pumpleistung

Ruthe ohne Strom hätte Gunther Zielinski allerdings die größten Sorgen bereitet – mehr als das Wasser. Denn da setzt er auf das Know-how der Feuerwehr. Doch ohne Strom, keine Pumpleistung.„Ich hatte schon Schiss, dass irgendein Übereifriger den Strom abstellt“, räumt er ein.

Dass wäre auch für Nachbar Karsten Kellner zum Problem geworden. Das Grundstück von ihm und Ehefrau Katy ist zwar nicht so betroffen, dafür drückt das Grundwasser. Zwei Pumpen arbeiten im Keller dagegen an. Installiert hatte er sie schon kurz vor Weihnachten, nach 30 Jahren in dem Haus ahnend, was da kommt. Kellner versucht es mit Humor zu nehmen: „Ich sage den Neubürgern, so wird der Keller wenigstens wieder sauber.“ Zwei bis drei Wochen wird er vom Hochwasser allerdings noch was haben, lautet seine Prognose.

Zufrieden mit dem Krisenmanagement

Zufrieden zeigen sich alle jedoch mit dem Krisenmanagement von Stadt und Feuerwehr, einer Logistik, die in kürzester Zeit von null auf 100 ging. „Die haben sich dieses Mal super gekümmert, ich habe mich gut aufgehoben gefühlt“, sagt Anja Zielinski. Und auch die Dorfgemeinschaft, das gute Miteinander bekommt ein dickes Lob. So hatte eine Bekannte auf dem sicheren Hopfenberg beispielsweise schon ihre Ersatzkühltruhe angeworfen, um Lebensmittel zu retten.

Genervt fühlt sich Anja Zielinksi allerdings von den Hochwassertouristen, die nicht nur fragwürdige Gespräche anfingen à la „Haben Sie schon gesehen, wie viel Wasser hier steht?“, sondern ihre Autos auch immer schön auf den Schläuchen in der Einfahrt wendeten. Aus der Not hat Anja Zielinski aber eine Tugend gemacht. Seit gestern kann man sich in Glasröhrchen abgezapftes Hochwasserwasser mitnehmen – gegen eine Spende für die Kinder- und Jugendfeuerwehr im Ort.

„Wir möchten eine gut durchdachte Lösung fürs Dorf“

Unmut macht sich allerdings breit, wenn es um den Planungsstand zum Hochwasserschutz in Ruthe geht. Seit einer Sitzung im Frühjahr 2022 im DGH Ruthe, in der der Landkreis einen Entwurf des Planungsbüros vorgestellt hat und alle Teilnehmer ihr Einverständnis geben sollten, damit weiter geplant werden könne, sei nichts mehr passiert, berichten die Zielinskis. Sie wollen keinen blinden Aktionismus, sondern dass die Dinge endlich mal zu Ende getrieben werden, es eben gar nicht erst zur Krise kommt. „Wir möchten eine gut durchdachte Lösung fürs Dorf“, sagt Anja Zielinski – ob es dafür nun Dämme und Spundwände braucht, oder eben nicht. Und dass nicht nur Teilbereiche im Landkreis eingedeicht werden. „Jede Maßnahme im Südkreis erhöht die Gefahr, dass das Wasser nicht in die Breite gehen kann“, ergänzt ihr Mann. Ergo kommt das Wasser mit mehr Tempo hier an.

Dass noch an anderer Stelle etwas zur Verbesserung von Hochwasserlagen getan werden kann, findet Ortsbürgermeister Haferland. Seine Vorschläge gehen von einer Erhöhung der Gemeindestraße zwischen Ruthe und Sarstedt bis zur Anschaffung von Equipment wie Dreckwasserpumpen, wie sie das THW aus Speyer extra mitgebracht hat. Denn bei jeder Hochwasserlage sei die Kanalisation überlastet. Auch eine Erhöhung der Anzeigepegel sieht Haferland für geboten. So misst die gewässerkundliche Überblicksmessstelle des NLWKN in Ruthe zwar die Wassergüte, aber nicht die Höhe.

Mittlerweile ist die Anspannung bei allen etwas gesunken. Was noch an Regen kommt, lässt sich eh nicht sagen. „Ich bin entspannt“, sagt Haferland, „aber die Pegel habe ich im Auge.“

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