Kreis Hildesheim - Die Innerste-Talsperre im Harz und das Rückhaltebecken Salzderhelden nahe Einbeck sind am Dienstag wegen des Dauerregens an ihrer Kapazitätsgrenze angelangt.
An der Innerstetalsperre geben die Hildesheimer Harzwasserwerke seit 17 Uhr rund 46,1 Kubikmeter Wasser ab und damit noch einmal mehr als das um 12 Uhr mit rund 39,7 Kubikmeter Wasser der Fall war. – zum Vergleich: Um 8.30 Uhr waren es rund 27,9 Kubikmeter Wasser und in den vergangenen Tagen lag dieser Wert nur bei elf Kubikmetern pro Sekunde.
Das Unternehmen hatte bereits gewarnt, angesichts erwarteter neuer Regenfälle im Harz seien auch 40 Kubikmeter pro Sekunde möglich. Dieser Wert ist nun sogar übertroffen. Offiziell liegt der Füllstand des Stausees inzwischen bei 102,69 Prozent – offenbar gibt es über die amtliche Maximalkapazität hinaus noch geringfügige Reserven. Diese sind nun aber auch ausgereizt. Um 6.30 Uhr floss erstmals mehr Wasser aus der Talsperre hinaus, als auf der anderen Seite hineinströmte.
Landkreis stuft Katastrophenvoralarm hoch
Der Landkreis Hildesheim hat auf die aktuellen Entwicklungen reagiert: Bereits am späten Montagabend hat er seinen Krisenstab wieder eingesetzt und am Dienstagmittag zudem den sogenannten Katastrophenvoralarm ausgelöst und ihn dann am Nachmittag sogar hochgestuft. Dadurch können zusätzliche Einsatzkräfte bei der Bekämpfung des Hochwassers eingesetzt werden. Zudem hat ab sofort der Landkreis den Hut für den gesamten Hochwassereinsatz im Kreisgebiet auf.
Am Pegel Heinde hat sich die zusätzliche Menge Wasser, die aus der Innerste-Talsperre fließt am Dienstag noch nicht überdeutlich ausgewirkt, das kann sich aber in den kommenden Stunden durchaus ändern. In der Nacht zum Dienstag ging der Pegelstand zwischenzeitlich bis auf 6,04 Meter zurück, bis zum frühen Mittag stieg er allerdings bereits wieder auf 6,22 (Stand: 13.15 Uhr) – am Abend liegt er mit 6,16 Metern wieder leicht darunter (Stand: 18.30 Uhr). Höchstwert im Zuge des aktuellen Hochwassers waren bisher 6,26 Meter am späten Heiligabend.
Lage an der Leine spitzt sich zu
Der Landesbetrieb für Wasser-, Küsten- und Naturschutz (NLWKN) erwartet in seiner aktuellen Hochwasser-Prognose für die Innerste nur noch einen minimalen Anstieg und dann wieder einen Rückgang. Diese Vorhersagen werden allerdings ständig aktualisiert. Wie es weitergeht, dürfte entscheidend von den weiteren Niederschlägen im Harz abhängen.
Weiter zugespitzt hat sich in der Nacht die Situation entlang der Leine, die große Auswirkungen im West- und Nordkreis hat. Der Wasserstand am Pegel Poppenburg bei Burgstemmen stieg bis zum Morgen auf den bisherigen Höchststand von 4,30 Metern, am Mittag erreichte er den nächsten Höchststand mit 4,32 Metern. Am Abend sind Lage und Pegel unverändert. Entlang der Leine sind viele Felder, aber auch Straßen überschwemmt. Vor allem verschärft der Anstieg der Leine die Lage in dem Dorf Ruthe bei Sarstedt weiter, wo die Innerste in die Leine mündet. Weil die Innerste sich dort zurückstaut, steigen die Wasserstände in dem Dorf weiter. Landrat Bernd Lynack schließt sogar Evakuierungen nicht aus, die Vorbereitungen dafür laufen auf Hochtouren.
Rückhaltebecken Salzderhelden bald voll
Ruthe und Schliekum sind von Sarstedt aus kaum noch zu erreichen. Die Straßen von Sarstedt und Heisede nach Ruthe sind gesperrt . Auch die Straße von Ruthe nach Schliekum und damit die letzte Verbindung zur Außenwelt ist eigentlich gesperrt, Anlieger dürfen aber noch passieren. Die Straße zwischen Schliekum und Jeinsen ist inzwischen allerdings auch halbseitig gesperrt. Kommt es zur Vollsperrung, gibt es keine offizielle Möglichkeit mehr, Ruthe oder Schliekum zu verlassen.
Und an der Leine droht weiteres Ungemach: Der Polder Salzderhelden, ein großes Rückhaltebecken bei Einbeck, ist mittlerweile komplett vollgelaufen – obwohl am Dienstag mit 240 Kubikmetern Wasser pro Sekunde noch einmal deutlich mehr Wasser abgegeben wurde als bisher mit rund 205 Kubikmeter. Nachdem der Polder am frühen Dienstagvormittag zu 91,7 Prozent und am Mittag zu 96,5 Prozent gefüllt war, liegt der Füllstand nun bei 100,51 Prozent. Das Fassungsvermögen des Polders ist fast doppelt so groß wie das der Innerste-Talsperre – dennoch hat er sich in nur fünf Tagen komplett gefüllt. Durch die höhere Abgabemenge fließt auch noch mehr Wasser in die Leine, die schon jetzt unter anderem auch in Alfeld und der Samtgemeinde Leinebergland für Überschwemmungen sorgt.
Anstieg bei Innerste-Zuflüssen
Unverändert richtet sich der Blick zudem auf drei Nebenflüsse der Innerste oberhalb von Hildesheim. Der Pegelstand der Nette bei Groß Rhüden ist in der Nacht nach vorherigem Rückgang wieder um 14 Zentimeter auf 2,97 Meter angestiegen. Am Morgen ging er zunächst wieder auf 2,83 Meter zurück, am Mittag stieg er wieder auf 2,94 Meter und liegt mit 2,86 Metern auch am Abend noch über über der dritten Meldestufe (2,80 Meter). Der NLWKN erwartet im Lauf des Tages aber einen deutlichen Rückgang des Nette-Wasserstandes.
Der Wasserstand der Lamme in Bad Salzdetfurth hat in den vergangenen Tagen auf hohem Niveau geschwankt. Am Dienstagmorgen ist er allerdings wieder angestiegen, von 2,51 Metern am späten Montagabend auf 2,77 Meter am Dienstagmorgen. Am Mittag gibt es mit 2,75 Metern nur eine minimale Veränderung beim Pegel, am Abend sank der Pegel auf 2,50 Meter. Höchstwert im Zuge des aktuellen Hochwassers waren 3,30 Meter am Tag vor Heiligabend.
Der Wasserstand der Neile bei Sehlde (Samtgemeinde Baddeckenstedt) ist nach einem starken Anstieg nun zunächst einmal wieder sinkend: Nachdem er sich von 1,56 Meter am Montagabend auf 1,93 am Dienstagmorgen erhöhte, sank er bis zum Abend auf 1,65 Meter. Höchstwert im Zuge des aktuellen Hochwassers waren 2,33 Meter am Tag vor Heiligabend. Für Lamme und Neile gibt es noch keine Prognosemodelle des NLWKN.
Auch am Dienstag informiert die HAZ fortlaufend im Liveticker über das Hochwasser in der Region.
