Bürgerbeteiligung ab sofort

Investoren stellen Pläne für Marienburger Platz vor – Anwohner kritisieren hohe Gebäude als „Bedrohung“

Hildesheim - Im Hildesheimer Audimax haben Investor Jan Vogt und Architekt Sven Hirsch mit der Stadt ihr Konzept für den Marienburger Platz vorgestellt. Und Fragen von Anwohnern beantwortet – die, die sie zum jetzigen Zeitpunkt beantworten können. (mit Kommentar)

Hildesheim - Für die große Mehrheit der Besucherinnen und Besucher im Audimax war es der erste Blick auf die Pläne zum Umbau des Marienburger Platzes. Die stellten Investor Jan Vogt und Architekt Sven Hirsch am Montagabend gemeinsam mit Stadtbaurätin Andrea Döring und Stadt-Planungsamtschefin Sandra Brouër vor. Denn: Ab sofort können sich Bürgerinnen und Bürger innerhalb des sogenannten Bauleitplanverfahrens bei der Stadtverwaltung zu diesen Plänen äußern.

Vorgesehen ist demnach eine komplette Neuaufteilung des Platzes, der derzeit mit seinem Angebot wie ein kleines Stadtteilzentrum funktioniert und vor allem der Versorgung der Anwohner dient, aber auch Treffpunkt ist. Im Zuge der Umbauten jedoch sollen die zentral auf dem Platz liegenden Gebäude, insbesondere das Karree aus Geschäften, abgerissen werden.

Vier Gebäude, das höchste mit sechs Etagen

Kernstück der neuen Bebauung sollen vier Gebäude unterschiedlicher Höhe sein, die nicht parallel zur Marienburger Straße, sondern im 90-Grad-Winkel dazu aufgestellt sein werden. Ihr Höhe soll variieren – von zwei bis zu sechs Geschossen – ihre Nutzung ebenfalls. Von der Marienburger Straße aus betrachtet sind die beiden Gebäude links für den Betrieb etwa von Arztpraxen oder Dienstleistern vorgesehen, während über den Ladenzeilen der beiden rechten Gebäude Wohnraum entstehen soll.

Die geplante Bebauung wird schematisch auf den Folien dargestellt, die Hirsch im Audimax zeigt. Dass Anwohner aus dem Publikum in der öffentlichen Diskussionsrunde äußern, sie empfänden diese Gebäude in ihrer Höhe und Wucht als „Bedrohung“, könnte allerdings auch an deren Präsentation liegen: Sie sind als massive Klötze in Grau und Braun in farbloser Umgebung abgebildet.

Nicht sonderlich attraktiv, aber ehrlich

Norbert Frischen, Ortsbürgermeister

„Das mag nicht sonderlich attraktiv erscheinen, ich finde das aber ehrlich“, sagt Ortsbürgermeister Norbert Frischen (Die Grünen) im Rückblick auf die Veranstaltung, „denn man weiß jetzt wirklich noch nicht, wie die Gebäude und deren Fassaden einmal aussehen werden.“

Investor: Erweitern lasse sich der Platz nur in die Höhe

Tatsächlich übersteige die Höhe zumindest des sechsgeschossigen Gebäudes die aller Nachbarhäuser, räumt Vogt ein, „aber der Marienburger Platz ist ein begrenztes Areal. Erweitern kann ich den Raum also nur in die Höhe.“ Hirsch wirbt bezüglich der Art der Bebauung damit, dass man keine zusätzlichen Flächen betoniere, sondern die Nutzung ohnehin bebauter Flächen intensiviere.

220 Stellplätze für Autos, weitere für Fahrräder

Ebenfalls kontrovers diskutiert wird an diesem Abend das Verkehrskonzept inklusive Stellplätzen. Dass es in einer Tiefgarage 220 Parkplätze für Autos geben soll, Fahrräder aber ebenfalls in der Hauptsache hier abgestellt werden sollen, kritisiert Jan Mörsch (Die Grünen) als „total auf den Autoverkehr ausgerichtet“. Für Radfahrer seien oberirdische Stellplätze weitaus einfacher zu handhaben.

Dieses Konzept ist total auf den Autoverkehr ausgerichtet.

Jan Mörsch

Auch die Führung der Radwege und Straßen zwischen den Gebäuden des Marienburger Platzes und der Uni lade keineswegs zum Radfahren ein, und da könnten sich die Planer auch nicht auf die Zusage zurückziehen, sich zu einem späteren Zeitpunkt über den Radverkehr Gedanken machen zu wollen, so Mörsch: „Die Verkehrsplanung kann man nicht anschließen, die muss gleich mitgedacht werden.“ Parteikollege Frischen unterstreicht diesen Ansatz: „Was jetzt geplant ist, das könnte aus den 70er Jahren stammen.“

Unter 10 Euro ginge bei den Mieten gar nichts

Döring hält dagegen: Das Abstellen von Fahrrädern in der Tiefgarage biete doch maximale Sicherheit. „Wenn Studenten etwa mit dem E-Bike kommen, dann können sie es da sicher anschließen, statt es draußen anzubinden und zu riskieren, dass es gestohlen wird.“ Nichtsdestotrotz, versichert Hirsch, werde es auch auf dem Platz Abstellmöglichkeiten für Fahrräder geben.

Wenn ich sozialen Wohnungsbau umsetzen muss, dann kann ich hier keine Wohnungen bauen. Punkt.

Jan Vogt, Investor

Der geplante Wohnraum in den Etagen über den Ladenzeilen ist derzeit weder in seiner Größenordnung noch in seiner Zielgruppe genau zu beziffern, wie Stadt und Planer übereinstimmend sagen. Eines aber steht laut Vogt fest: „Die Mieten werden sich hier ganz klar am Marktpreis orientieren.“ Müsste er hier und heute einen Quadratmeterpreis bestimmen, sagt er auf Nachfrage einer Zuhörerin im Audimax, „dann ginge unter 10 Euro gar nichts“, – und wie sich die Preise in Zukunft gestalteten, das müsse man eben dann sehen. Für den Augenblick gibt sich der Investor entschieden: „Wenn ich sozialen Wohnungsbau umsetzen muss, dann kann ich hier keine Wohnungen bauen. Punkt.“ Außerdem müsse er als Investor die Gesamtfinanzierung des Komplexes im Blick behalten, so Vogt. „Und wenn die Mieten für Wohnungen günstiger sind, dann müssen die Gewerbekunden mehr zahlen.“

Keine Versorgung der Marienburger

Die jetzigen Geschäfte am Marienburger Platz zu halten, dürfte nicht leicht werden. Denn eine Bauzeit von mehreren Jahren bringt, selbst wenn sie in Bauabschnitte geteilt ist, lange Schließungszeiten und große Umsatzeinbußen mit sich. „Die meisten Geschäfte am Platz haben befristete Mietverträge“, so Frischen. „Wenn die auslaufen, dann ist die Frage, ob sich die Inhaber hier für einen neuen Vertrag entscheiden oder nicht doch lieber weggehen.“

Für die Marienburger zeichnet sich ab, dass sie während der Bauzeit auf den Platz als Versorgungszentrum und als Treffpunkt größtenteils verzichten müssen. „Würden wir die Versorgung während der Bauzeit aufrecht erhalten, würde sich die mindestens verdoppeln“, sagt Architekt Sven Hirsch. In welchem Rahmen die sich planerisch derzeit bewegt, ob mit mit zwei, drei Jahren oder einer noch längeren Bauzeit rechne, könne er derzeit nicht sagen.


Kommentar: Nicht abgeholt

Mit der klotzhaften und tristen Optik der Entwürfe taten sich die Zuhörer im Audimax schwer. Zwar weiß man jetzt noch nicht, wie die Häuserfassaden später gestaltet sein werden, völlig klar, aber warum stellt man sie ausgerechnet braun und grau dar, wenn die Farbe ohnehin nur ein Platzhalter ist? Und mit den Antworten auf viele Fragen der Leute an diesem Abend verhielt es sich ähnlich: Konkrete Auskünfte können die Investoren noch nicht erteilen. Verständlich. Wenn sie aber antworten, dann tun sie das – wie zu möglichen künftigen Mietpreisen oder zur Radstrecke – gern mit unternehmerischen Grundsätzen, die unverrückbar und kühl kalkuliert erscheinen. Das nimmt die Menschen nicht mit, das holt sie nicht ab, das vermittelt ihnen keine Vorstellung davon, dass dieser Platz eines Tages ein Ort zum Wohlfühlen sein könnte.

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