Hildesheim - Guy Stern hatte den Tod schon mehrfach vor Augen. Gleich zu Beginn seines noch jungen Lebens, als die Nazis auch seine Geburtsstadt Hildesheim mit Unrecht und Terror überzogen. Und Jahre später erneut, als er 1945 mit Truppen der Alliierten an der Atlantikküste landete und jederzeit damit rechnen musste, noch in den letzten Kämpfen des Zweiten Weltkriegs getötet zu werden. Doch der Mann, der 1922 als Günter Stern in Hildesheim zur Welt kam, trotzte allen Widrigkeiten und Gefahren. Am Donnerstag ist der Holocaust-Überlebende und Ehrenbürger Hildesheims nun wenige Wochen vor seinem 102 Geburtstag in den USA gestorben.
Stern fremdelte viele Jahrzehnte mit Deutschland im Allgemeinen und Hildesheim im Speziellen. Nach Hildesheim war er zwar als Soldat bereits kurz nach dem D-Day gekommen, aber der Besuch war schmerzhaft. Überlebende berichteten ihm von der Aussichtslosigkeit, die Familie jemals wiederzusehen – Stern reiste frustriert ab und mied Hildesheim auf Jahrzehnte. Selbst bei seinen ersten Besuchen in den 1990er-Jahren spulte er Veranstaltungen eher routiniert ab. Er berichtete zwar von Erlebnissen als jüdisches Kind in der Stadt, von seinem geliebten Sportverein Eintracht Hildesheim, von seiner Flucht 1937 in die USA und der späteren Rückkehr mit US-amerikanischen Truppen in seine einstige Heimat. Der Funke zu den Menschen sprang zu dieser Zeit dennoch nicht über.
Irgendwann wuchs der Wunsch nach Versöhnung
Aber irgendwann bröckelte sein Schutzpanzer, nach und nach verspürte er den Wunsch nach Versöhnung. „Und dabei konnte ich natürlich Hildesheim nicht von der Landkarte tilgen“, schrieb er in seiner 2020 erschienen Autobiografie „Wir sind nur noch wenige. Erinnerungen eines hundertjährigen Ritchie Boys“. Die freundschaftliche Art, mit der die Menschen stets auf ihn zugegangen seien, habe seinen Schmerz erheblich gelindert. Die Autobiografie erschien 2022 in deutscher Sprache. Der Titel der amerikanischen Variante lautete „Invisible Ink“ und war eine Reminiszenz an einen Satz seines Vaters Julius. „Seid wie unsichtbare Tinte“, hatte dieser seinen Kindern nach der Machtübernahme der Nazis im Januar 1933 eingetrichtert. Es half ihnen nur in den ersten Jahren. Julius und Hedwig Stern schickten ihren Sohn Günther zwar noch mit Hilfe einer jüdischen Organisation in die USA. Sie selbst und die beiden Geschwister Werner und Eleonore wurden aber deportiert und im Warschauer Ghetto oder Auschwitz ermordet.
Die Familie hatte bis 1938 im Haus Hoher Weg 36 gelebt. Das Gebäude wurde beim Luftangriff am 22. März 1945 zerstört. Ein Hinweisschild an der Seitenwand kündet noch von der Familie Stern, die an dieser Stelle gewohnt hatte. Guy Stern hatte bei seinen vielen Hildesheim-Besuchen immer wieder detailreich von der Familie, der Wohnung und seinen Erlebnissen zwischen Marktplatz und Synagoge am Lappenberg berichtet. Davon, wie Geschäftspartner seines Vaters am 30. Januar 1933 in die Wohnung der Familie kamen, weil sie von hier aus einen besseren Blick auf den Festumzug durch die Stadt hatten. Wie sein Vater einmal brutal von Nazis zusammengeschlagen wurde, seine Mutter einem anschließenden Einschüchterungsbesuch standhielt, wie ihn sein geliebter Sportverein Eintracht Hildesheim rausschmiss, weil er Jude war, und wie er in der Schule drangsaliert und ausgegrenzt wurde.
Deportation seiner Eltern machte ihm bis zuletzt zu schaffen
Stern wusste auch, dass kurze Sequenzen eines Films über die Deportation der Hildesheimer Juden auch seine Eltern Julius und Hedwig zeigten. Er konnte diese Passage bis zuletzt nicht ansehen. Und wenn Print-Medien darüber berichteten, musste seine Frau Susanna Piontek die Standbilder aus dem Film zunächst abkleben, ehe Stern die Berichte in die Hand nahm. Ein Selbstschutz, eine Form des Verdrängens, derer man sich sogar mehr als acht Jahrzehnte später mitunter nicht entziehen kann. „Wir alle müssen mit unseren Dämonen fertig werden, so gut wir können“, hat er der HAZ dazu einmal gesagt.
Zu dieser Zeit war er schon wieder fast zehn Jahre in der Mitte Hildesheims angekommen. 2012 machte ihn die Stadt zum Ehrenbürger, kurz danach ernannte ihn Eintracht Hildesheim zum Ehrenmitglied. „Ich begriff, dass meine Heimatstadt alles getan hatte, was in ihrer Macht stand, um mir die Hand zur Versöhnung zu reichen“, schreibt er in seiner Autobiografie. „Die dunklen Jahre, die mir Familie und Staatsbürgerschaft geraubt hatten, konnte ich nicht vergessen, aber ich spürte auch, dass ein Lichtstrahl die Dunkelheit erhellte.“
Mit 98 Jahren erneut Staatsbürger Deutschlands
Im Jahr 2019 wurde Stern im Alter von 98 Jahre erneut Staatsbürger seines Geburtslandes. Es war keine Entscheidung gegen die USA. Aber eine für Deutschland. Das unablässige Bemühen der Nachfahren derjenigen, die ihm und seiner Familie einst Entsetzliches angetan hatten, ließen Stern im Alter milde werden. Im Februar des Jahres reiste der deutsche Generalkonsul aus Chicago zu Stern nach West Bloomfield, um die Urkunde zu überreichen. „Ich bin, ohne mich von den Vereinigten Staaten abzuwenden, in Deutschland wieder angekommen“, schreibt er in seiner Autobiografie.
Wer sich allein mit Guy Sterns Hildesheimer Zeit – den ersten Jahren wie den Begegnungen der Neuzeit – befasst, wird diesem Mann kaum gerecht. Der Literaturprofessor ist Autor und Herausgeber zahlreicher Bücher. Er war bis zuletzt Direktor eines Instituts des Holocaust-Museums in Detroit sowie Mitbegründer der Lessing Society. Er ist Träger des Großen Verdienstkreuzes der Bundesrepublik Deutschland, sprach 1998 im Deutschen Bundestag und wurde 2017 mit dem OVID-Preis des PEN-Zentrums deutschsprachiger Autoren im Ausland ausgezeichnet. Zu seinem 100. Geburtstag gratulierten neben dem amtierenden auch alle noch lebenden US-Präsidenten. All dies schwang auch mit, wenn Stern auftrat. Aber er ging damit nicht Hausieren, sondern trat überall auf Augenhöhe an die Menschen heran.
Geburtstagskind per Video zugeschaltet
In Hildesheim fanden sich zum 100. Geburtstag noch einmal 25 Wegbegleiter der späteren Jahre zusammen, um den Jubilar in der Publikation „Guy Stern und Hildesheim“ zu ehren. Symbolisch hoben bei der Vorstellung des Werks zwei Dutzend Gäste unter Corona-Bedingungen im Rathaus die Sektgläser. Stern wurde noch per wenige Tage zuvor aufgenommenem Film zugeschaltet. Nach diesem Ereignis wurde es in Hildesheim still um ihn. Seine Frau Susanna Piontek berichtete der HAZ kurz vor dem 101. Geburtstag von einer schwierigen Zeit, die ihr Mann gerade durchmache. Dann endete sein langes Leben.
Was von Guy Stern bleibt, ist ein Lehrstück in Sachen Versöhnung. Auch wer schlimmstes Unrecht erleidet, kann noch dazu in der Lage sein, eine Brücke in eine bessere Welt zu bauen. Es wäre unmenschlich, wenn er nach den Erfahrungen seines Lebens keinen Groll gegenüber Deutschland und auch Hildesheim hätte, hat er einmal in einem HAZ-Interview gesagt. Aber er halte es für schlimmer, wenn Menschen in die alten Fehler zurückfielen. „Es ist wichtiger eine Kerze anzuzünden als die Dunkelheit zu bedauern.“




