Sarstedt - Rund 500 Menschen haben am Sonntagnachmittag an einer Kundgebung gegen Rechtsextremismus vor dem Sarstedter Rathaus teilgenommen. Auf zahlreichen selbstgestalteten Plakaten forderten sie vor allem Freiheit und Vielfalt und attackierten die AfD. Vereinzelt wurde auch CDU-Kanzlerkandidat Friedrich Merz aufs Korn genommen.
„Neonazis vor den Toren der Macht“
Sven Tomis, Ratsvorsitzender in Sarstedt und als Sprecher des „Bündnisses gegen Rechts“ einer der Organisatoren, warnte mit Blick auf die AfD: „Noch nie standen Neonazis so nah vor den Toren zur Macht.“ Und an deren Wähler gerichtet: „Natürlich gibt es Kritikwürdiges in Deutschland – aber die Demokratie gibt uns auch die Möglichkeit, Fehler zu korrigieren.“
Die AfD als Partei, die Frieden und Freiheit in Deutschland gefährdet – diese Linie zog sich durch die meisten Reden. Auch durch die von Bürgermeisterin Heike Brennecke (SPD), die eine für ihre Verhältnisse ungewohnt leidenschaftliche Ansprache hielt. „Was haben wir für ein Glück, in diesem Land leben zu dürfen, in Frieden, Freiheit, Wohlstand?“, fragte sie. Das sei in weiten Teilen der Welt nicht selbstverständlich, und in Deutschland sei es das auch längst nicht immer gewesen.
Asylrecht als „Grundpfeiler unserer Menschlichkeit“
Dennoch gebe es immer öfter „Hetze, Spaltung und Extremismus“. Sie sei es leid, dass es in der Bundespolitik und in vielen Medien fast jeden Tag nur noch um das Thema Migration als Problem gehe: „Wenn Menschen vor Krieg und Elend fliehen, müssen wir uns auch um diese Menschen sorgen!“ Das Asylrecht als „Grundpfeiler unserer Menschlichkeit“ dürfe von niemandem infrage gestellt werden.
Dagmar Leopold von den „Omas gegen Rechts“ ging als einzige Rednerin auch auf das Vorgehen der Union im Bundestag ein, die einen Entschließungsantrag zur Migration mit den Stimmen der AfD durchgebracht hatte. „Es ist eine Zäsur, dass eine demokratische Partei der Mitte eine Mehrheit mit den Rechten gesucht und gefunden hat.“ Es werde wieder eine Minderheit zur Ursache aller Probleme gemacht.
„Reißt euch zusammen!“
„Lassen wir nicht zu, dass die Geschichte sich wiederholt und unsere Enkel wie unsere Großeltern in Trümmern stehen!“, so Leopold. Und sie formulierte einen scharfen Appell an die Parteien der Mitte: „Reißt euch verdammt noch mal zusammen, findet Kompromisse, und benehmt euch nicht wie Sechstklässler auf dem Schulhof!“ Das gab den vielleicht größten Applaus an diesem Nachmittag.
Pastor Matthias Fricke-Zieseniss wandte sich gegen „Extremismus jeder Couleur“ und erinnerte nicht nur an die Opfer des Nationalsozialismus, sondern auch an die des sowjetischen Kommunismus. Seine Schlussfolgerung: „Man kann unzufrieden sein, man kann mit vielen Dingen sogar sehr unzufrieden sein – aber deshalb muss man doch nicht extrem wählen!“
Extreme Wähler in gutsituierten Wohnsiedlungen
Doch genau das täten immer mehr Menschen, mahnte der Pastor und bezog sich dabei ganz konkret auf Sarstedt: „Nicht zuletzt in gut situierten Einfamilienhaus-Siedlungen bei uns ist der Anteil der Extremisten enorm hoch“, sagte er, nun eindeutig mit Blick auf die AfD. Und spottete: „Wenn wir zum Beispiel unsere Pflegekräfte nur auf gebürtige Niedersachsen reduzieren würden – wie würde das wohl aussehen?“
Fricke-Zieseniss lobte, dass viele Kinder und Jugendliche, aber auch viele Menschen über 80 zur Kundgebung gekommen seien. „Wir brauchen alle Generationen, und wir brauchen Toleranz untereinander für unseren gesellschaftlichen Zusammenhalt.“ Schließlich mache Deutschland „stark, dass wir verschieden sein dürfen“.




