Kolumne „Unter uns“

„Ich mach dir mal ’ne Sprachi“: Weshalb Sprachnachrichten unsere Freundschaften retten

Hildesheim - Die jungen Leute telefonieren nicht mehr, halten sich das Handy aber trotzdem ständig vor den Mund – Sprachnachrichten sind das Mittel der Wahl. Zu Recht, wie HAZ-Kolumnistin Julia Haller findet.

In der HAZ-Kolumne „Unter uns“ schreiben sich Katharina Brecht und Julia Haller abwechselnd zu Themen, die sie bewegen. Foto: HAZ

Hildesheim - Jaja, die jungen Leute, zu denen wir uns an guten Tagen noch dazuzählen, haben das Telefonieren verlernt. Was machen Millennials, wenn’s klingelt? Erst mal sind unsere Telefone sowieso auf stumm geschaltet, und halten wir es gerade aus Versehen in der Hand, wird artig abgewartet, bis der Anrufende aufgibt. Es folgt (mit etwas zeitlichem Abstand) die Nachfrage per Whatsapp: „Na, was gibt’s?“.

An der Generation nach uns verzweifeln Vorgesetzte dann vollends. Denn die Jüngeren würden, wenn’s brennt, eher der Feuerwehr über Insta schreiben, als zum Hörer zu greifen. Verübeln kann ich es ihnen nicht. Wer mich kennt, weiß: Ich brauch keine Geburtstagsglückwünsche per Anruf, ’ne Nachricht reicht. Danke!

Zwischen Belanglosem und Tiefenpsychologie

Und doch: Überall, wo ich bin, sprechen Frauen um die 30 ins Telefon. Beim Spaziergang, an der Supermarktkasse, im Fitnessstudio. Zum Start heißt es da: „Ich mach dir mal ’ne Sprachi, das geht schneller“, zum Schluss die entschuldigende Erkenntnis, dass es jetzt doch wieder Podcastlänge geworden ist.

Und dazwischen: die kleinen und großen Alltagserlebnisse, emotionale Ausbrüche in alle Richtungen, Belangloses und tiefenpsychologische Analysen über Verflossene. In einem Alltag, in dem man ständig von einer Aufgabe zur nächsten eilt, bleibt man so nämlich mit Freundinnen in Verbindung, ganz egal, wo die sich gerade herumtreiben.

Unsere Sprachis gibt’s nur in Podcastlänge

Sprachnachrichten sind das Mittel der Wahl, denn sie funktionieren im Zwischendrin. Nicht nur kann der sendende Part seine Emotionen rauslassen (wie oft haben wir uns schon verheulte oder alberne Sprachis geschickt, liebe Katharina?!), die Empfängerin kann außerdem selbst entscheiden, wann es mit’m Abhören passt.

Wer abends keine Kapazitäten im Kopf mehr frei hat, hört die Nachricht am nächsten Tag im Auto. Was würden wir alles verpassen, wenn es Sprachnachrichten nicht gäbe – in Podcastlänge, mit Nebengeräuschen vom Geschirrspüler-Ausräumen und Lachanfällen inklusive.


In der HAZ-Kolumne „Unter uns“ schreiben sich Katharina Brecht und Julia Haller zu Themen, die sie bewegen.

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