Hildesheim - „Also nee!“, blafft mich die Frau laut an. Und ja, liebe Julia, ich bin ihr gerade fast auf dem sehr schmalen Weg vor dem Schwimmbad, den sich Radler und Fußgänger teilen, vors Fahrrad gelaufen, weil ich auf mein Handy geschaut habe. Aber: Ist nicht jeder mal unachtsam – und muss man denn gleich so unhöflich reagieren? Eine Entschuldigung, gepaart mit dieser Frage, erwiderte ich der Frau. Die schnalzte daraufhin aber nur empört mit der Zunge und fuhr weiter. Ich sehe ja ein, dass es mein Fehler war, Julia. Aber ich wundere mich doch drüber, wie schnell viele Menschen heute aus der Haut fahren.
Der Ton unter Fremden ist oft erstaunlich rau. Aufeinander eingehen, ein bisschen Verständnis füreinander zeigen? Vermisse ich immer öfter. Auch neulich auf dem Weg zur Arbeit, als rauchende Schüler einen Fahrradweg blockierten. Ein Radfahrer fuhr auf sie zu, klingelte – doch sie machten ihm den Weg nicht frei, sondern drückten ihm blöde Sprüche rein. Oder vor ein paar Wochen, im vollen Wartezimmer beim Arzt. Ich sagte „Hallo“ in die Runde, bekam aber nur eine einzige Antwort. Die anderen Wartenden starrten lieber weiter teilnahmslos auf ihr Handy. Haben wir es wirklich verlernt, freundlich miteinander umzugehen? Eigentlich braucht es doch nicht viel und weh tut das auch niemandem. Wenn wir uns an nur wenige Grundregeln halten, wäre doch für alle das Leben ein Stück erträglicher. Dann müsste auch nicht jeder für sich in seinem Dauer-Frust köcheln. Julia, ich hoffe, bald kann ich dir wieder von Momenten erzählen, in denen Menschen unerwartet nett zueinander sind.
In der HAZ-Kolumne „Unter uns“ schreiben sich Katharina Brecht und Julia Haller zu Themen, die sie bewegen.
