Hildesheim - Maik Brückner tritt bei der Bundestagswahl im Wahlkreis Hildesheim als Direktkandidat für Die Linke an. Welche Rolle er für seine Partei sieht, was er zum BSW sagt – und warum er auf jeden Fall etwas mit dem künftigen Bundestag zu tun haben wird.
Hallo Herr Brückner, Sie und Ihre Partei versprechen den Menschen unter anderem eine sanktionsfreie Grundsicherung. Bezahlt werden soll das mit einer Reichen-Steuer. Warum stellen Sie den Menschen das in Aussicht, wo klar ist, dass sie nicht mitregieren werden? Ist das nicht ein bisschen wohlfeil und billig?
Brückner: Nee, das ist überhaupt nicht billig. Man muss solche Themen auch benennen, wenn man nicht in der Regierung ist. Die Linke hat 2006 als erste Partei einen Mindestlohn gefordert. Damals haben uns alle anderen Parteien für verrückt erklärt, die Gewerkschaften waren skeptisch. Der Mindestlohn ist dann ein paar Jahre später eingeführt worden, obwohl wir nur in der Opposition waren. Man muss solche Forderungen immer wieder ansprechen und die anderen zwingen, sich dazu zu verhalten.
Steter Tropfen höhlt den Stein?
Ganz genau. Das hat mit dem Mindestlohn geklappt. Und ich bin zuversichtlich, dass das auch mit dem Mietendeckel klappt. Denn der ist notwendig in Deutschland.
Wäre eine Grundsicherung ohne Gegenleistung nicht ungerecht gegenüber jenen Menschen, die hart arbeiten, aber nur wenig mehr verdienen, als andere dann durch die Grundsicherung bekämen? Ist das nicht unsolidarisch?
Nein, das wäre es nicht. Natürlich muss auch der Mindestlohn steigen. Beides muss größer werden, Mindestlohn und Grundsicherung, dann stimmt auch der Abstand. Wir reden hier übrigens vom Existenzminimum. Aber es muss klar, dass jemand, der jeden Tag früh aufsteht und sich abrackert, deutlich mehr bekommt als jemand, der von Grundsicherung lebt. Aber eine hohe Grundsicherung stärkt auch Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer. Denn die müssen sich dann nicht aus Angst, im Bürgergeld zu landen, jeden Mist von ihren Arbeitgebern gefallen lassen, sie bekommen eine stärkere Verhandlungsposition.
Sie selbst haben bei verschiedenen Gelegenheiten explizit um die Zweitstimme geworben. Warum treten Sie überhaupt als Direktkandidat an und sparen nicht das Geld für Ihre Kampagne? So wie es das BSW macht, das ganz auf Direktkandidaten verzichtet?
Das BSW verzichtet nicht aus Geldgründen auf Direktkandidaten, sondern weil es personell nicht in der Lage ist, welche aufzustellen.
Ja, aber wenn es aber auch der Linken vor allem um die Zweitstimmen geht, ließen sich die Kosten für den Erststimmenwahlkampf wie personifizierte Plakate sparen, oder?
Ich will den Leuten ermöglichen, mich mit der Erststimme zu wählen, anstatt jemanden, den sie vielleicht nur als kleineres Übel betrachten. Ich freue mich über jede Erststimme. Aber ich bin nicht naiv: Ich weiß, dass ich nur über die Landesliste in den Bundestag komme.
Sie stammen aus kleinen Verhältnissen: Ihre Mutter war Reinigungskraft, Ihr Vater war Koch, sie haben die Schule ursprünglich mit einem Realschulabschluss verlassen. Wie hat Sie ihre Herkunft geprägt?
Man hat mitbekommen, wie sich die Eltern darum Sorgen machen, wie es im nächsten Monat weitergeht. Ich habe nach Schulschluss meiner Mutter manchmal beim Putzen geholfen, damit sie früher zuhause ist. Und ich habe in dem einen Jahr, in dem ich auf dem Gymnasium war, gemerkt, wie verschieden die Welten sind und ich dort nicht dazu gehöre. Da haben Kinder aus Arztfamilien erzählt, wie sie in den Ferien mal da hin und mal hier hin geflogen sind. Und wir konnten überhaupt nicht in den Urlaub fahren. Da habe ich gemerkt: Hier läuft was schief – es hat eben nichts mit Fleiß zu tun, wie gut es einem geht.
Und was hat Sie nach dieser Erkenntnis in die Politik geführt?
Ich wollte mich nicht nur über die Verhältnisse aufregen und in Ohnmacht verharten, sondern etwas machen. Und die Linke ist die Partei, die an diesen Verhältnissen etwas ändern will.
Und was hat sie dazu bewogen, für den Bundestag anzutreten? Ihre Landtagskandidatur vor drei Jahren war mit jeweils etwa vier Prozent bei den Erst- und Zweitstimmen ja nicht sonderlich erfolgreich.
Durch meine Erfahrung im Bundestag bringe ich eine gewisse Erfahrung mitbringe, ich arbeite seit 2017 in Abgeordnetenbüros. Ich bin zudem seit acht Jahren im Stadtrat. Ich denke, ich wäre ein guter Abgeordneter.
Sie und andere Linke betonen stets, wie froh Sie über die Trennung von Ihren früheren Genossen sind, die jetzt beim BSW sind. Wenn man auf die Umfragen schaut, stand anfangs das BSW aber fast immer besser da als die Linke - die Trennung schien dem BSW besser bekommen zu sein. Da dreht sich aber gerade etwas zu Ihren Gunsten, oder?
Sie und andere Linke betonen stets, wie froh Sie über die Trennung von Ihren früheren Genossen sind, die jetzt beim BSW sind. Wenn man auf die Umfragen schaut, stand anfangs das BSW aber fast immer besser da als die Linke - die Trennung schien dem BSW besser bekommen zu sein. Da dreht sich aber gerade etwas zu Ihren Gunsten, oder?
Im Moment liegen wir in fast allen Umfragen vor dem BSW - bei vielen schon bei 6 Prozent. Aber klar – gewählt wird erst am 23. Februar. Eine Tendenz lässt sich aber ablesen: Für die Linke geht es nach oben. Wir haben in den vergangenen Wochen über 20.000 neue Mitglieder bekommen – wenn das kein Aufwind ist! Jetzt müssen wir das in Wählerstimmen umsetzen. Am Ende sollten wir vor dem BSW, aber auch der FDP liegen – das wäre mein größter Wunsch!
Wie würden Sie eigentlich jemandem, der ein Jahr auf dem Mars war und die politische Entwicklung in Deutschland in dieser Zeit verpasst hat, die Unterschiede zwischen dem BSW und Ihrer Partei erklären?
Das BSW tritt nach unten, das macht die Linke nicht. Das BSW macht Stimmung gegen Transpersonen, gegen Geflüchtete. Wer eine Partei will, die solidarisch ist, muss die Linke unterstützen – das BSW sagt ja selbst von sich, man sei keine linke Partei. Ihre Frage ist daher paradox. Das BSW steht einfach auf der falschen Seite, auch beim Ukraine-Krieg.
Aber gibt es nicht auch bei der Linken Putin-Versteher?
Nein. Unsere Meinung ist einhellig.
Und?
Putin ist ein Kriegsverbrecher. Er hat einen Angriffskrieg gestartet und muss sofort seine Truppen abziehen, das ist doch vollkommen klar. Aber es passiert zu wenig, um Putin an den Verhandlungstisch zu zwingen. Das ist übrigens auch ein Unterschied zum BSW: Das sagt, die Waffenlieferungen an die Ukraine müssten aufhören, dann würde auch der Krieg aufhören. Doch das ist natürlich Quatsch.
Auf Ihren Plakaten steht: Krieg kostet Leben, Frieden kostet Mut. Was soll das in praktischer Politik bedeuten?
Na ja, die Lieferung von immer mehr und immer schwereren Waffen hat den Krieg nicht beendet...
Was würde ihn Ihrer Ansicht nach beenden? Keine neuen Waffen?
Wir sind nicht naiv, dann würde Putin durchstarten, das wissen wir auch. Was helfen würde wären Sanktionen, die schnell wirken und auf die sich Putin nicht vorbereiten könnte – zum Beispiel das Kontrollieren von Öl-Tankern aus der russischen Schattenflotte in der Ostsee. Doch dann würde der Ölpreis steigen. Und das ist politisch nicht gewollt, da fehlt der Mut. Im Mittelmeer werden Seenotrettungsschiffe festgesetzt, weil an ihnen eine Schraube rostet – doch die Tanker fahren unkontrolliert durch die Ostsee, weil sich niemand an sie rantraut. Auch ein stärkerer Zugriff auf die Immobilien russischer Oligarchen bei uns würde wirken. Doch die nötigen Gesetze würden auch reiche Deutsche treffen, die Vermögen verschleiern.
Ihre Partei setzt ja auf die Aktion Silberlocke und den Gewinn von drei Direktmandaten durch altgediente Kräfte wie Gregor Gysi, Bode Ramelow und andere, damit es auch dann für den Einzug in den Bundestag reicht, wenn Sie unter fünf Prozent bleiben. Ist das nicht merkwürdig, dass das Schicksal einer Partei, die sich sonst sehr woke gibt und Wert darauf legt, viele Junge wie Sie in ihren Reihen zu haben, von einigen alten weißen Männer abhängt?
Nein, ich sehe das als Stärke. Wir sind als Partei breit aufgestellt, wir haben die altgedienten Genossen, aber auch viele junge Menschen. Und wir haben auch weitere Chancen auf Direktmandate. Zum Beispiel durch unsere Parteivorsitzende Ines Schwerdnter in Berlin-Lichtenberg. Sie ist nur 35 Jahre alt und hat gute Chancen, den Wahlkreis für die Linke verteidigen.
Sie haben in Ihrer Bewerbungsrede auf dem Nominierungsparteitag die großen Parteien und deren Spitzen heftig und teilweise persönlich angegriffen. In Sachen CDU ist das keine Überraschung, bei SPD und Grünen schon. Warum tun Sie das? Glauben Sie wirklich, dass die dann auf Sie hören, wenn Sie als Opposition Druck von Links machen?
Es geht darum, dass die anderen an unseren Themen nicht vorbeikommen. Im Wahlkampf sind immer alle ganz links – und in der Regierung vergisst man die entsprechenden Versprechungen, so wie die SPD die Vermögenssteuer. Die ist nur ausgesetzt und könnte im Bundestag durch eine einfache Mehrheit wieder in Kraft gesetzt werden.
Wäre es nicht klüger, langfristig auf eine Mehrheit für ein rot-rot-grünes Bündnis hinzuarbeiten, anstatt sich im linken Lager das Leben schwer zu machen? Oder haben Sie Angst davor, wirklich mal mitregieren zu müssen und dann den bequemen Status zu verlieren, immer nur fordern zu können, ohne Verantwortung zu übernehmen?
Wir arbeiten uns nicht nur an SPD und Grünen ab, das ist ja bekannt – wir wollen schließlich, das es besser wird, wir greifen alle an. Dieser Rechtsruck, den wir gerade erleben, hat auch damit zu tun, dass die Parteien links der Mitte da mitgemacht haben – sie lassen sich von rechts dahintreiben. Der Rechtsruck ist nicht vom Himmel gefallen, sondern ist ein Folge unsozialer Politik, die Menschen gegeneinander ausspielt.
Aber wäre es nicht strategisch klüger, langfristig auf eine rotrotgrüne Mehrheit links der Mitte hinzuarbeiten?
Irgendwann muss es diese Machtoption wieder geben. Die steht aber rechnerisch gerade überhaupt nicht zur Debatte. Die Linke muss im nächsten Bundestag als Opposition alle an ihre Wahlversprechen erinnern, damit es wieder eine sozialere Politik gibt, die dazu führt, dass sich die Menschen nicht mehr täglich fragen müssen, wie sie überleben können. Wenn sie wissen, dass sie keine Angst vor Mieterhöhungen mehr haben müssen. So lässt sich der Rechtsruck aufhalten, dann sind auch wieder andere Mehrheiten möglich. So wie es auf Länderebene auch schon passiert ist. Ich will doch nicht mein Leben lang die Linke in der Opposition sehen!
Würden Sie Ihr Mandat im Hildesheimer Stadtrat aufgeben, wenn Sie in den Bundestag kämen?
Nein, ich will hier verankert bleiben. Ich will mein Gehalt als Bundestagsabgeordneter auf den Durchschnittslohn begrenzen und mit dem Rest hier in Hildesheim Menschen in Not ganz konkret unterstützen.
Sie haben ja noch eine zweite Chance, im Bundestag mitzumachen, nicht wahr?
Ja, meine jetzige Chefin, die Abgeordnete Janine Wissler, steht auf der hessischen Landesliste auf dem ersten Platz. Und wenn wir wieder reinkommen, wovon ich ausgehe, könnte ich bei ihr im Büro weitermachen. Aber ich kämpfe natürlich um ein eigenes Mandat!
Zur Person
Maik Brückner, 32, ledig, ist in Weener in Ostfriesland geboren und in Leer aufgewachsen. Er besuchte die Realschule, machte eine Ausbildung zum Mediengestalter und holte dann die Hochschulreife nach. 2013 kam er nach Hildesheim, um Branding Design zu studieren, er schloss das Studium mit dem Master ab. Der Linken gehört er seit 2013 an, in deren Kreisvorstand er derzeit auch sitzt. Seit 2016 ist er im Hildesheimer Stadtrat. Er arbeitet im Berliner Büro der Linken-Bundestagsabgeordneten Janine Wissler, vorher war er bereits seit 2017 für andere Linken-Abgeordnete tätig.
