Holle/Derneburg - Rauchgeruch liegt auch am Morgen noch in der Luft am Derneburger Bahnhof, Feuerwehrleute sind auf dem Vorplatz dabei, die Schläuche aufzurollen, der Eingang des linken Gebäudeflügels ist mit Flatterband und Gittern abgesperrt: In der Nacht von Montag auf Dienstag stand das Derneburger Bahnhofsgebäude in Flammen. Zwei Menschen sind dabei verletzt worden, eine Person schwer. Sie musste mit dem Rettungshubschrauber in eine Klinik gebracht werden. Drei Mieter einer anderen Wohnung im Gebäude kamen unverletzt davon. Sie sind nun bei Bekannten untergekommen.
Wie geht es dem Nachbarn?
Eine junge Frau tritt auf Simon Sibilis, Allgemeiner Vertreter des Holler Gemeindebürgermeisters, und Torsten Pietschmann, den Holler Gemeindebrandmeister, zu. „Ich bin wieder da“, sagt sie mit leiser Stimme und erkundigt sich nach ihrem Nachbarn, der in der Nacht ins Krankenhaus geflogen wurde. Pietschmann und Sibilis können ihr keine Neuigkeiten mitteilen, wie sie bedauern. Die 31-Jährige hält in der Hand ein Handy und ihre Bibel. Das war alles, was sie vor den Flammen retten konnten. Und die Kleider, die sie am Leib trug. „Wenn man so viele Schicksalsschläge erlebt hat und dann kommt noch so ein Brand noch obendrauf, dann ist das hart“, sagt sie. Als Wohnungslose bekam die Hollerin die Unterkunft im Bahnhof von der Gemeinde gestellt.
Die Frau berichtet davon, wie sie das Geschehen erlebt hat: Wie sie am Montagabend aus dem Fenster schaute, nachdem sie Rauch gerochen und dann auch gesehen hatte. Wie sie ihre Bibel und ihr Handy griff und sich über das Vordach des Gebäudes am Bahnsteig durch ein Fenster ins Freie rettete. Auch ihr Nachbar, ein 48-jähriger Holler gelangte so ins Freie. Allerdings schwerverletzt mit Verbrennungen an Armen und im Gesicht, wie Polizeisprecher Jan-Paul Makowski berichtet. Außerdem hatte der Mann viel Rauch eingeatmet.
„In deiner Gemeinde brennt es.“
Um 21.14 Uhr ging der Alarm bei der Leitstelle ein. Dort im Dienst war Torsten Pietschmann, der Holler Gemeindebrandmeister. „In deiner Gemeinde brennt es“, erfuhr er von Kollegen, nachdem der Notruf aufgenommen worden war. Als erste Retter waren dann Einsatzkräfte der Holler Feuerwehr vor Ort, die am Abend Übungsdienst hatten und somit alle schon in voller Montur waren. Sie retteten die beiden Bewohner vom Vordach. Mit einem Krankenwagen wurde der Schwerverletzte, der beatmet werden musste, zum Holler Sportsplatz gefahren, wo der Rettungshubschrauber bereits gelandet war. Dass der Mann sich mit so schweren Verletzungen retten konnte, sei sicher dem Adrenalin zu verdanken, meint Pietschmann und schaut zum Vordach.
122 Einsatzkräfte aus den Ortschaften der Gemeinde und aus Hildesheim waren unter der Leitung von Sven Pöschel im Einsatz. Zweimal stieg Pietschmann mit schwerem Atemschutz die Drehleiter aus Hildesheim empor, um zu löschen. „Betreten konnten wir das Gebäude nicht“, sagt er. Denn das Feuer hatte bereits einen Teil der Decke einstürzen lassen. „Das große Problem waren das Dach und die eingezogenen Zwischendecken“, sagt er. Die Retter mussten die Decken aufhacken, um löschen zu können. Bis in den Dienstagmorgen kämpften die Feuerwehrleute gegen die Flammen und schafften es, dass der Brand nicht das ganze denkmalgeschützte Fachwerkgebäude erfasste. Als der Einsatz gegen 2 Uhr zunächst beendet war, blieb nur noch eine Brandwache mit elf Feuerwehrleuten vor Ort. Eine gute Entscheidung. Denn um 5 Uhr, so berichtet Pietschmann, flammte das Feuer wieder auf. Erneut rückten die 22 Einsatzkräfte an. Sicherheitshalber wird auch am Dienstag der Brandort immer wieder kontrolliert.
DRK muss Gebäude räumen
Wenige Minuten nach der Alarmierung erfuhr auch Sieglinde Deffner-Korrmann, Vorsitzende des Holler DRK, von dem Unglück. Sofort machte sich die Vorsitzende auf den Weg – in voller Sorge. Denn im rechten Gebäudeteil hat das DRK sein Domizil, mit Gemeinschaftsraum, Material für Blutspenden, Jugendgruppe – aber auch für den Katastrophenschutz. „Erst durften wir nicht rein“, berichtet sie. Schließlich sei nicht sicher gewesen, ob auch der rechte Gebäudeteil Schaden genommen hatte. Als klar war, dass dies nicht der Fall war, begannen die Vorsitzende und zwölf herbeigeeilte Helfer, die Räume auszuräumen und das Material in einen Lastwagen der angerückten DRK-Bereitschaft zu verladen. „Wir feiern in diesem Jahr unser 50. Jubiläum und sind eigentlich im Jubiläums-Stress“, sagt Deffner-Korrmann. Obwohl sie total übernächtigt ist, macht sie sich Sorgen um die Zukunft. „Wo sollen wir jetzt hin?“, fragt sie am Dienstagmorgen. Im August sollte in den Räumen ein Repair-Café an den Start gehen, im Herbst waren Smartphone-Kurse für Senioren geplant.
Das DRK-Material wird nun zunächst auf die Mitglieder verteilt und eingelagert, bis es einen Plan gibt, wie es weiter geht. Diese Frage beschäftigt auch Simon Sibilis, Vertreter des Gemeindebürgermeisters. Auch er war die ganze Nacht vor Ort. Zunächst werden Brandermittler der Polizei nach der Brandursache forschen – den Schaden am Gebäude schätzt die Polizei auf 350.000 Euro. „Wir werden nun Gespräche mit dem Kreis aufnehmen und mit der Versicherung“, sagt Sibilis. Alles hänge davon ab, was die Ermittlungen ergeben. Sicher ist nur, dass die Notunterkunft der Gemeinde aktuell nicht bewohnt werden kann. Für die zwei Holler müssen neue Unterkünfte gefunden werden.
Züge fahren durch
Ein Zug rauscht durch den Bahnhof. Er hält nicht, weil der Bahnsteig gesperrt ist und so lange ein Schienenersatzverkehr die Passagiere transportiert. Die Bewohnerin sitzt auf einer Bank im Schatten und schaut ins Leere. Simon Sibilis hat ihr eine Flasche Wasser gebracht. Ein Polizeibeamter aus Bad Salzdetfurth spricht ihr Mut zu. Neben ihr auf der Bank: ihre Bibel.




