Wie das Original, nur kleiner

Im Hildesheimer Modellzentrum: Was Michael Weiß Arbeit nennt, ist der Traum seiner Kunden

Hildesheim - Jeden Tag zwischen Rennwagen und Eisenbahnen: Michael Weiß hat sich im Hildesheimer Modellzentrum einen Kindertraum erfüllt. Für dessen Fortbestehen es allerdings den erwachsenen Geschäftsmann braucht, der er auch ist.

Hildesheim - Ist es eigentlich wahr? Das Klischee, dass Männer immer nur behaupten, sie würden eine Modelleisenbahn für ihr Kind kaufen, während sie es in Wirklichkeit selbst kaum abwarten können, sie endlich, endlich aufzubauen? „Absolut!“, sagt Michael Weiß. „Manche kommen zu uns, da ist die Frau gerade im zweiten Monat schwanger. Man sieht kaum den Bauch, aber eine Eisenbahn, die brauchen sie ganz dringend.“

Er lacht. Er lacht viel. Der Mann, der seit 32 Jahren alles verkauft, was auf Rennbahnen, Straßen und Schienen fahren kann und dabei täuschend echt aussieht – nur eben viel, viel kleiner als das Original. Der mit acht Jahren selbst seine erste Modellbahn bekam und seitdem nie mehr aufgehört hat zu bauen und umzubauen, der später Elektrotechnik studierte. Der nicht aus diesem Studium, sondern aus Jahrzehnten eigener Modellbau-Erfahrung weiß, dass man um eine Eisenbahnlinie herum eine ganze Welt konstruieren kann, in absolut jedem denkbaren Detail.

Hier, in seinem Modellzentrum in der Peiner Landstraße, direkt an der Auffahrt zur A7 gelegen, lebt Michael Weiß den Traum vieler seiner Kunden. Den ganzen Tag im Spielzeugladen verbringen, den ganzen Tag muckeln, immer die neuesten Loks und Rennwagen am Start – und das dann auch noch Arbeit nennen.

Von wegen Spielzeug! Weiß wedelt den Gedanken beiseite wie eine Fliege. Wenn die Leute wüssten. Wer in diesem Geschäft überleben will, der muss ein bisschen mehr können als bloß ein paar Schienen zusammenstecken. Der darf nicht zimperlich sein – und vor allem darf er keine Angst haben.

Das Internet ist im Grunde sowas wie eine Autobahn

„Viele Leute im Einzelhandel haben ja Angst vor dem Internet“, sagt Michael Weiß. „Verstehe ich gar nicht. Das Erste, was ich 1996 gemacht habe, war, mir einen Onlinehandel aufzubauen. Das Internet ist doch bloß ein Werkzeug, eine weitere Möglichkeit, vor der muss man doch keine Angst haben.“ Ist wie mit der Autobahn, sagt er. Klar kann man auch über Landstraßen nach Hamburg fahren, aber auf der Autobahn, da geht es nun mal schneller.

Heute verkauft er etwa die Hälfte seiner Waren online. Jedes Mal, wenn eine neue Bestellung eingeht, sagt sein Computer: „Es ist eine neue Bestellung eingegangen.“ Das ist extra so eingerichtet, sagt Weiß, damit er bei der Schreibtischarbeit immer mal wieder geweckt wird. Und lacht schon wieder.

Aus seinem Büro mit den verglasten Wänden kann er wie ein Lokführer aus seinem Stand den Laden überblicken. Hier sitzt er meist nachmittags, wenn einer seiner Mitarbeiter die Kundenberatung im Geschäft übernimmt, denn Beratung brauchen seine Kunden immer, fast alle haben Fragen zu den Produktionsreihen, zu Modellen, zu genau dem richtigen Kleber für genau dieses Material. Es ist ein feinteiliges Geschäft, das Weiß führt, eine Puzzle-Stube, in die Menschen kommen, um hier dann ganz und gar die Zeit zu vergessen.

Online führt Weiß 45 000 Artikel. Was per Mail geordert wird, holt er sofort aus den langen Regalreihen seines Geschäfts. „Sonst kann es sein, dass ich das am Abend holen will, es aber inzwischen jemand gekauft hat. Nee, nee, das geht nicht. Ware immer gleich rausholen, sonst kommste durcheinander.“ Er sagt das, als sollte man es sich besser notieren, damit man es nicht vergisst, nie mehr am besten. Merke: Ware immer gleich holen.

Die Eisenbahn ist gerade nicht da, die hat das Museum

Im Eingang des Geschäfts, das einst ein Discounter war, nämlich der erste Aldi Hildesheims, steht eine riesige, mit allem Drum und Dran aufgebaute Rennbahn. „Und eigentlich auch eine Eisenbahn, denn das sind ja die Themen, um die es im Modellbau geht: Eisenbahn und Rennbahn.“ Aber wo ist sie denn, die Eisenbahn? „Die hab ich dem Roemer- und Pelizaeus-Museum geliehen für deren Ausstellung ’Kräne – Brücken – Lokomotiven’.“ Die ist noch an diesem Wochenende zu sehen, bis Sonntag, dann bekommt Weiß seine Bahn zurück.

In den Regalen dahinter: Alles, was man zum Basteln braucht. Um eine Landschaft zu gestalten oder eine Millionenstadt. Autos, Züge, Zubehör. Bei den Rennwagen ist Carrera ganz vorn. Weiß nimmt ein rotes und ein pinkfarbenes Modell aus dem Regal, einen Lola T 70 und einen Mercedes AMG C 63. Echte Hingucker, der Traum aller Modell-Piloten. Da drüben ist alles, was man für die Spur N braucht, weiter hinten gibt es die wichtigen Marken, Faber und Vollmer, da drüben LEDs, Militärfahrzeuge, nostalgische Loks und futuristische Züge.

Manche stehen in abgeschlossenen Vitrinen. Da kann eine schon mal 500 Euro aufwärts kosten. Eines von Weiß’ Lieblingsstücken: eine Acht-Kilo-Diesellokomotive BR 252, rot und riesig. „Die ist toll, ne?“, sagt er. „Hier vorne sieht man den Lokführerstand, da ist alles drin.“ Inklusive Lokführer, versteht sich.

Es gibt winzige Schiffe und Tretboote, es gibt den Volkswagen T1 Camper mit richtig echtem Wohnanhänger, es gibt Tiere aller Art, Bäume, Sträucher, es gibt Sportler und Polizisten, gutgelaunte und wütende, Radfahrer und Feuerwehrmänner und Eisverkäufer, es gibt Ordensschwestern und es gibt Sex – in so expliziten Szenen abgebildet, dass die Packungen mit den winzigen Figuren darin einen Sichtschutz tragen. „Tja, nun“, sagt Weiß. „Gibt halt nichts, was es nicht gibt. Wer will, kann sich hinterm Bahnhof ein ganzes Rotlichtviertel aufbauen.“

Was machen Leute zuhause? Sie holen die Modelleisenbahn raus

Zurück im Büro, sagt er es. Er sagt es nicht gern und auch nicht laut, denn er weiß ja um die Ungerechtigkeit des Schicksals, aber: Es stimmt. Für ihn war und ist Corona nochmal ein wirtschaftlicher Anschub. „Was machen denn die Leute, wenn sie längere Zeit zuhause sind? Sie holen die Modelleisenbahn vom Dachboden. Und wenn keine da ist, dann kaufen sie sich eine.“ – „Es ist eine neue Bestellung eingegangen“, sagt der Computer. „Genau das meine ich“, sagt Michael Weiß.

Immerhin, für das handwerkliche Geschick kann es nicht verkehrt sein, mal so eine Modellbahn aufgebaut zu haben, meint er: „Man muss sägen, hämmern, kleben, bohren, eigentlich alles.“ Zunächst braucht so eine Anlage ein Podest, ein Fundament, wenn man so will. Zum Beispiel aus Spanplatten. Die müssen angepasst, zusammengeschraubt und bezogen werden, dann erst geht es richtig los. Kann nicht schaden, wenn Kinder das lernen, meint Weiß. Oder, als Merksatz formuliert: „Wer nur auf dem Handy rumtippt, kann keine Tapete ankleben.“

Wichtig ist das Machen, das Tüfteln, das Probieren. Allein und auch gemeinsam. Kooperationen sind wichtig. Merke: Keine Angst vor Mitbewerbern! Mit anderen Modellbau-Geschäften in Niedersachsen, in Osnabrück etwa und in Hannover, pflegt Weiß freundschaftlichen Austausch. Da sitzt man auch mal beim Bier zusammen. Mit weiteren Modellbauhändlern haben sie vor gut zehn Jahren die Vereinigung „Die wilde 13“ gegründet, und das war, wie er heute noch findet, ziemlich schlau. „So können wir gemeinsam Posten aufkaufen, aber auch Modelle nach eigenen Entwürfen und Ideen herstellen lassen“, sagt Weiß. „Allein wäre das unmöglich, aber gemeinsam lohnt es sich.“

Will man zum Beispiel eine bestimmte Lok haben und gibt davon gleich ein paar hundert Stück in Auftrag, dann kann man sich damit auch schon mal an Märklin wenden, bis heute eine Art Rolls Royce unter den Herstellern, Marktführer und Klassiker zugleich. So ist zum Beispiel ein Sondermodell zu 50 Jahren Intercity auf den Markt gekommen, das in Zusammenarbeit mit der Deutsche Bahn AG entstanden ist.

Wer eine Modellbahn besitzt, wird damit nie fertig. Nie!

„Der Gewinn des Kaufmanns liegt im Einkauf“, sagt Weiß, der in dieses Handwerkerbüro wunderbar hineinpasst, zwischen Papierstapel, Kaffeetassen, den sprechenden Computer. Als hätte er sich extra dafür angezogen: kariertes Hemd, Jeans, undefinierbar dunkel, Schlappen.

Seit 41 Jahren ist er verheiratet, sagt er, beide Kinder studieren Wirtschaftsinformatik. „Und einer von beiden hat Modellbahn als Hobby.“ Wird dieses Hobby eines Tages reichen, um den Laden zu übernehmen? Weiß macht wieder eine ungeduldige Fliegen-wegwisch-Geste. Er ist ja schließlich noch da. 63 ist er jetzt, da will und kann er noch eine Weile arbeiten. „Wenn es geht, gern bis 70 oder länger. Die 40 Jahre als Inhaber, die mache ich noch voll.“ Und dann, ja, dann wird irgendwann über die Zukunft zu reden sein. Aber jetzt noch nicht.

Jetzt sagt der Computer, dass eine neue Bestellung eingetroffen ist, und diesen Satz wiederholt er gleich nochmal. Diese letzte kommt von weit her, aus Kanada. Auch da lieben Menschen offenbar Schienen und Strecken, Züge, Häuser und Landschaften, „Das Gute ist ja“, sagt Michael Weiß, „wer eine Modellbahn hat, wird damit nie fertig. Nie.“ Ein Satz, der klingt, als sollte man ihn sich merken.