Kolumne Gefundenes Fressen

Im Internet sind wir alle toll und wunderschön – und manche sogar unsterblich

Hildesheim - Es ist nicht alles Gold und wahr, was online glänzt. Aber immer noch wahrer als die Geschichte des ältesten Einwohners von Tokio, der angeblich 111 Jahre alt war, in Wirklichkeit aber längst – genau: tot.

Die Kolumne Gefundenes Fressen erscheint jeden Montag in der Hildesheimer Allgemeinen Zeitung. Foto: HAZ

Hildesheim - Dass nicht alles Gold ist, was online glänzt, brauche ich Ihnen nicht zu erzählen, liebe Leserinnen und Leser, Sie wissen ja Bescheid über das Internet und wie die Menschen dort zu Übertreibungen neigen. Alles sieht supertoll aus, Haus und Haustiere, deren Essen, die Reisen und am allermeisten natürlich man selbst, man selbst ist wunderwunderschön.

Aber ganz egal, wie anders man in Wirklichkeit aussieht, es ist immer noch näher an der Wahrheit als das Alter des ältesten Mannes Tokios – oder den man zumindest für den ältesten Mann Tokios hielt. So stand es online in den Verzeichnissen der Stadt. Im Jahr 2010 kamen ein paar Leute bei dem Japaner Sogen Kato vorbei, um ihm zu seinem 111. Geburtstag zu gratulieren. Keine Ahnung, wer in Tokio so gratulieren kommt, wahrscheinlich der Bürgermeister oder sein Stellvertreter plus die Frau, die den Blumenstrauß besorgt hat. Jedenfalls war Sogen Kato nicht zu Hause.

Ich will nichts beschönigen, wir sind ja hier nicht im Internet

Och, macht ja nichts, sagte der Bürgermeister auf Japanisch, dann komme ich morgen wieder. Aber wo war Herr Kato? Nicht zu Hause. Am nächsten Tag das Gleiche. Irgendwann platzten dem Bürgermeister, dem Stellvertreter und der Blumenbesorgerin aber kollektiv die Kragen, und sie kamen mit der Polizei zurück. Und siehe da, Sogen Kato war gar nicht der älteste Einwohner Tokios.

Er war schon 1978 im Alter von 79 Jahren gestorben, was seine Familie nie gemeldet hatte. Er lag in einem Schlafanzug auf einem Bett, wo er über all die Jahre zur Mumie geworden war. Ja, das ist gruselig. Aber was soll ich machen, so ist es gewesen, ich will ja nichts beschönigen, schließlich sind wir hier nicht im Internet.

Angesichts solcher Geschichten können wir mit unserem Aussehen – ja, selbst mit dem echten – doch immer noch ganz zufrieden sein.

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