Diekholzen/Walsrode - Polizist?Feuerwehrmann? Pilot? Solche Berufswünsche vieler anderer Jungs kamen Maximilian Bludau nie in den Sinn. Er wusste, daran erinnern sich zumindest seine Eltern gut, schon im Alter von fünf Jahren: Er wird einmal Falkner, ganz sicher. Nichts faszinierte ihn schon damals so wie die majestätischen Greifvögel, die Jäger der Lüfte. Heute, mit 21, dirigiert er sie fast täglich bei der „spektakulärsten Flugshow Europas“, wie der Weltvogelpark Walsrode den Höhepunkt seines Programms nennt. Zu dem gehören täglich zwei Shows. In der ersten, um 11.30 Uhr, bringt meist Bludau dem Publikum die Welt der Greifvögel näher. In der zweiten, um 16 Uhr, assistiert er oft seinem Chef German Alonso, der die Shows vor mehr als 20 Jahren einführte. Beide wechseln sich mit einem weiteren Kollegen ab.
„Früher hingen Poster von Alonso und seinen Vögeln in meinem Kinderzimmer“, erzählt Bludau, „das waren quasi meine persönlichen Popstars.“ Und der Junge aus Diekholzen begann schon früh damit, Alonso nachzueifern. Lieblingsziele für Wochenendausflüge mit der Familie waren schon immer der Vogelpark, das Wisentgehege in Springe oder der Zoo in Hannover – in allen drei Tierparks verbrachte er als Schüler auch einmal den alljährlichen Zukunftstag. Und erfuhr dort: Wenn er wirklich Falkner werden wollte, brauchte er erst mal einen Jagdschein. Den konnte er auch schon während der Schulzeit absolvieren, im Rahmen einer Kooperation an der Michelsenschule in Hildesheim. Den Falknerschein erwarb er dann im Wisentgehege.
Schule vor dem Abi verlassen
Die Schule verließ er vor dem Abitur, als er die Zusage für eine Ausbildung als Zootierpfleger in Walsrode in der Tasche hatte. „Ich wusste ja, was ich werden wollte“, sagt er heute, „und dafür brauchte ich kein Abi.“ Dass er in Walsrode angenommen wurde, empfindet er als Glücksfall – schließlich ist der Park mit rund 4000 Vögeln aus 650 Arten nicht nur der größte seiner Art weltweit, sondern zählt damit auch generell zu den zehn artenreichsten Zoos auf der Erde.
Die Ausbildung hat Maximilian Bludau vor einigen Wochen erfolgreich abgeschlossen – und wurde nun als feste Kraft für die Greifvogel-Abteilung übernommen, die sich schon während der Lehrzeit zu seinem Schwerpunkt entwickelt hatte. In den Shows führt er beeindruckende fliegende Riesen vor – vom Seeadler, dem Vorbild für den deutschen Bundesadler, über den Wüstenbussard und den Andenkondor, der als größter Vogel der Welt gilt, bis hin zu den intelligenten Papageien. Die brauchen abseits der Shows die meiste Zuwendung. „Sie müssen viel beschäftigt werden“, erzählt Bludau, „damit sie sich nicht langweilen.“ Das Spielen mit den Aras gehört ebenso zu seinen Aufgaben als Tierpfleger wie das Füttern der Greifvögel und das Reinigen der Volieren. „An der Arbeit ist nicht alles so spektakulär“, sagt er, „aber das gehört halt dazu.“
Action und Infos
Die Flugshows sind geprägt durch Action. Da geht ein Raunen durch das Publikum, wenn der Wüstenbussard nur wenige Zentimeter über die Köpfe der Zuschauerinnen und Zuschauer saust. Die nehmen auch viele Informationen über die Vogelwelt mit – zum Beispiel, dass ein Papagei eine Beißkraft von über einer Tonne hat. „Da ist der Finger ab“, erklärt der 21-Jährige und schiebt damit den regelmäßigen Streichel-Anfragen schon vorbeugend einen Riegel vor.
Zur Show gehört natürlich auch der eine oder andere Witz. „Viele davon sind schon Jahre alt, wir können uns ja nicht jeden Tag etwas Neues ausdenken“, plaudert Bludau aus dem Nähkästchen und verrät schmunzelnd: „Als ich früher öfter hier zu Besuch war, konnte ich die Texte schon mitsprechen.“ Heute moderiert er die Show souverän vor bis zu 1000 Zuschauenden, die an schönen Wochenendtagen durchaus mal zusammenkommen. „Früher war ich eher schüchtern“, sagt er, „jetzt machen mir die Auftritte nichts mehr aus.“
Keine Angst, aber Respekt
Und, hat er Angst vor den großen Vögeln – zum Beispiel vor dem Andenkondor, der es auf eine Flügelspannweite von 3 Metern und auf ein Gewicht von 15 Kilo bringen kann? „Nein“, sagt er, „Angst auf keinen Fall, dann könnte ich das hier nicht machen. Die Tiere spüren das.“ Respekt habe er aber durchaus, ergänzt er. Und es sei wichtig, den nie zu verlieren, sich immer bewusst zu sein, dass Tiere oft instinktiv reagieren – und dann schon einmal heftig. Bludau zeigt auf seine Schulter und seine Hüfte, zwei Körperregionen, an denen Kralle oder Schnabel eines Greifvogels schon Narben hinterlassen haben. Im einen Fall ein Adler, im anderen ein Kondor. „Schuld war ich in beiden Fällen selbst“, sagt Bludau, „weil ich mich falsch verhalten habe.“ Neue Vögel werden behutsam an die Shows herangeführt. In der Regel dauert es etwa ein halbes Jahr, bis die Tiere reif für ihren ersten Auftritt auf der goßen Flugwiese sind. „Zurzeit trainieren wir gerade mit einem neuen Riesenseeadler“, berichtet Bludau.
Der Diekholzener hat sein Hobby zum Beruf gemacht – und die Tierwelt gleichzeitig auch als Hobby behalten. Die Leidenschaft teilt er mit seiner Partnerin. Beide haben zu Hause mittlerweile einen kleinen Privatzoo mit allerlei Haustieren und richten ihre gemeinsame Urlaubsplanung danach, wo es die interessantesten Tierparks gibt. Langweilig wird die Vogelwelt für Maximilian Bludau jedenfalls nie. „Ich streife auch gern mal an einem freien Tag durch den Vogelpark“, erzählt er, „und entdecke dabei immer wieder Neues.“



