Holle - „Komisch“. So beschreibt Eberhard Schulz das Gefühl, das er jetzt spürt. „Wir können aufhören, müssen es aber nicht“, sagt der 67-Jährige mit Blick auf den großen Schnitt, den er mit seinem 65-jährigen Bruder Andreas vollzieht. Nach vier Jahrzehnten machen sie den alteingesessenen Familienbetrieb dicht, gegründet in Hildesheim und seit 1986 mit Firmensitz in Holle. Die Schulz-Busse werden ab 31. Oktober nicht mehr im Linienverkehr der Region rollen. Das Reisegeschäft hängen die beiden Brüder auch an den Nagel. „Lieber jetzt in Rente gehen, wenn man noch recht fit ist. Es ist wichtig, den richtigen Zeitpunkt zu finden“, meint Eberhard Schulz. Und das gibt ihm auch ein „gutes Gefühl“.
Der Mann aus Hildesheim ist ausgebildeter Lkw- und Bus-Mechaniker, ein großer, kräftiger Typ mit einer ruhigen Art, der es wie sein Bruder liebt, am Steuer eines Busses zu sitzen. Millionen von Kilometern haben sie zurückgelegt.
Hexentour in den Harz
Nach Helgoland zum Katamaran-Fahren, zur Hexentour in den Harz, nach Bremerhaven zum Seekochstudio und auch nach Passau, um von dort aus zur Donau-Fahrt einzuschiffen – rund 30 Touren haben die Brüder noch dieses Jahr vor der Brust. Auch Fahrer Marc Sukop steuert den 380-PS-Reisebus ab Holle meist zu deutschen Zielen, so wie es sich die Kundschaft seit Jahren wünscht.
„Wir legen Wert auf Kundenbetreuung“, betont Eberhard Schulz. Die Leute sollen sich im Bus wohlfühlen, durch persönlichen Kontakt mit dem, der da vorn am Steuer sitzt. Darauf kommt es dem 67-Jährigen an. „Wir sind fast immer ausgebucht“, sagt er, kaum ein Platz des Busses mit den 48 Sitzen bleibe frei. Das Vier-Sterne-Gefährt aus Schweden, das 340.000 Euro kostet, soll fast wie ein rollendes Wohnzimmer sein – mit Videoanlage und Toilette natürlich. Den 13 Meter langen Volvo 9700 und auch seine Vorgänger lenkt Eberhard Schulz schon seit über 40 Jahren unfallfrei durchs Land. Und etliche Trips stehen ja noch dieses Jahr bevor.
Doch im Herbst soll definitiv Schluss sein. „Die Busse verkaufen wir“, sagt der 67-Jährige. Das Unternehmen wird verschwinden, einen Nachfolger gibt es nicht. Das Firmengebäude und das Grundstück sollen ebenfalls den Besitzer wechseln, was mit der Immobilie geschieht, ist noch unklar.
Jetzt aber ist der Firmensitz an der Marktstraße noch unentbehrlich für den Familienbetrieb. Und bei dem steht das Telefon nicht still. Alle paar Minuten klingelt es – zudem kommt die Kundschaft persönlich vorbei, um mit Eberhard Schulz gleich im Büro eine Reise oder einen kürzeren Trip zu organisieren.
Busse begleiten ihn doch noch weiter
Zwar zieht er sich zusammen mit seinem Bruder zurück. Doch Busse werden den 67-Jährigen weiter begleiten. Kleinförmig. Gut 60 Miniaturen diverser Modelle, darunter auch Nachbildungen von früheren Fahrzeugen des Unternehmens, hütet er in seinem Büro.
Wenn der 3-Mann-Betrieb „Schulz Reisen“ nicht mehr existiert, bleiben in der Region immer noch zwei größere namhafte Unternehmen übrig, die mit Bussen von Hildesheim aus auf Reisen gehen: Pülm und Sausewind. Die Geschäfte laufen laut Börge Steenken, Betreiber von Sausewind, recht gut. Nach der Corona-Flaute herrscht Aufwind. „Die Kundschaft ist willens, zu verreisen.“ Was der Branche aber zu schaffen mache, sei fehlender Nachwuchs an Reisebusfahrern und vor allem Bürokratie.
„Ein Wahnsinnsaufwand“
In diese Kerbe schlägt auch der Geschäftsführer des Gesamtverbands Verkehrsgewerbe Niedersachsen, Michael Kaiser. „Die Bürokratie ist ein Wahnsinnsaufwand: im In- und Ausland.“ Wenn man Glück habe, bekomme man es etwa bei Auslandsreisen mit Vorschriften in englischer Sprache zu tun, in anderen Fällen seien es weniger geläufige Sprachen. Auch diverse Maut-Systeme in verschiedenen Ländern seien ein Problem.
Der Bundesverband deutscher Omnibusunternehmen (BDO) sieht die Branche auf einem guten Kurs, bei der Bustouristik sei ein Aufwärtstrend erkennbar, auch in Zukunft. Aber: Im Busgewerbe herrscht laut BDO ein dramatischer Personalmangel. Derzeit fehlten rund 25.000 Fahrerinnen und Fahrer, 20.000 davon allein im ÖPNV. „Hauptursache sind die hohen Hürden beim Berufszugang mit einer aufgeblähten Ausbildungsdauer, zu hohe Ausbildungskosten und dass die Boomerjahrgänge nun so langsam in Rente gehen“, so Wera Steiner, Referentin beim BDO. „Der Busfahrpersonalmangel wird nur mit der weiteren Anwerbung ausländischer Kräfte zu bewältigen sein.“
Die meisten Busreiseveranstalter sind laut Steiner kleine und mittelständische, oftmals familiengeführte Betriebe, die ihre Reisen „mit viel Leidenschaft und Herzblut organisieren“. Offenbar ganz so wie die Brüder Schulz in Holle.


